Einzug in Jerusalem - Fürchte dich nicht, Tochter Zion!

Aus Bibelwissen

Von Daniel Muhl

(Joh 12:12-19 / Jes 40:1-2; 9-10 / Sach 9:9-12)

Bibeltext

Johannes 12,12-19 - Einzug in Jerusalem

12 Am folgenden Tag, als die große Volksmenge, die zu dem Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem komme, 13 nahmen sie die Palmzweige und gingen hinaus, ihm entgegen, und schrien: Hosanna! Gepriesen ⟨sei⟩, der da kommt im Namen des Herrn, und der König Israels! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht: 15 »Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt, sitzend auf einem Eselsfüllen.« 16 Dies verstanden seine Jünger zuerst nicht; jedoch als Jesus verherrlicht war, da erinnerten sie sich, dass dies von ihm geschrieben war und sie ihm dies getan hatten. 17 Es bezeugte nun die Volksmenge, die bei ihm war, dass er Lazarus aus dem Grab gerufen und ihn aus den Toten auferweckt hatte. 18 Darum ging ihm auch die Volksmenge entgegen, weil sie hörten, dass er dieses Zeichen getan hatte. 19 Da sprachen die Pharisäer zueinander: Ihr seht, dass ihr gar nichts ausrichtet; siehe, die Welt ist ihm nachgegangen.

Erste Gedanken

Der Einzug in Jerusalem ist ein erstes glorreiches Kommen des Messias in die Stadt Gottes. Während der Adventszeit erwarten wir ebenfalls das Kommen Jesu und bereiten uns darauf vor, ihm zu begegnen. Sein erstes Kommen geschah vor 2000 Jahren, als der Sohn Gottes als Kind in Bethlehem zur Welt kam. Das nächste Mal kommt er für seine Gemeinde, um sie bei der Entrückung zu sich zu holen. Doch was bedeutet es, wenn der Messias wiederkommt? Welche Erwartungen haben wir, und entsprechen sie dem, was Jesus wirklich bringen will? Wie bereiten wir uns auf sein Kommen vor? Das sind Fragen, die wir uns heute stellen dürfen. Doch zuerst wollen wir uns mit diesem Einzug in Jerusalem beschäftigen.

Eine ansteckende Euphorie

Das Passahfest stand bevor, und viele Menschen kamen nach Jerusalem, um es zu feiern. Als sie hörten, dass Jesus auf dem Weg in die Stadt war, brach spontan eine Welle der Begeisterung aus. Mit Palmzweigen in den Händen strömten sie ihm entgegen und riefen voller Freude: „Hosanna!" Die Stadt war brechend voll mit Pilgern aus dem Ausland, die die Straßen und Plätze füllten. Die Nachricht von der Auferweckung des Lazarus hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Viele wollten diesen Jesus mit eigenen Augen sehen. Die Atmosphäre war elektrisch geladen – eine Mischung aus messianischer Erwartung und festlicher Vorfreude. Es entstand eine Art Masseneuphorie. Alle fühlten sich stark und waren von der Hoffnung erfüllt, dass Jesus als prophezeiter Messias ein „ewiges Friedensreich" aufrichten und die Juden von der römischen Vorherrschaft befreien würde. Jesus hatte einen Toten, der schon vier Tage im Grab lag, wieder lebendig gemacht und darum konnte es keinen Zweifel daran geben, dass er jetzt als König Israels seine Herrschaft aufrichten würde. Schließlich hatte niemand zuvor solche Wunder vollbracht wie er. Die Erwartungen stiegen beinahe ins Unermessliche. Doch das birgt eine große Gefahr: Je konkreter unsere Erwartungen sind, desto größer wird die Enttäuschung, wenn der HERR es anders macht als gedacht. Vom Ziel her betrachtet macht Gott es immer noch viel besser und schöner, als wir es heute erwarten können. Aber der Weg dorthin verläuft praktisch immer anders als gedacht. Und genau das war auch das Problem der Juden während des Einzugs in Jerusalem. Sie dachten, dass Jesus jetzt sofort das Reich Gottes aufrichten und sie von der römischen Besatzung befreien würde. Doch Jesus hatte einen ganz anderen Plan – einen Plan, der durch Leiden und Kreuz zum wahren Sieg führen sollte. Gottes Plan stand in scharfem Kontrast zu den Erwartungen der Menschen. Kaum jemand rechnete damit, dass der Messias Israels sich schlagen, verurteilen und kreuzigen lassen würde. Als er dann blutüberströmt und mit einer Dornenkrone vor Pilatus stand, dachten wahrscheinlich alle Anwesenden: Das kann unmöglich unser Messias sein! Offensichtlich haben wir uns vor ein paar Tagen geirrt! Allerdings muss man beachten, dass vermutlich eine Mehrheit der Menschen vor Pilatus Jesus bereits beim Einzug in Jerusalem gehasst hatte. Früh morgens versammelten sich dort vor allem die Pharisäer, Schriftgelehrten und Priester. Wahrscheinlich waren auch andere Gegner Jesu anwesend. Der Feind Gottes sorgte dafür, dass vor allem diejenigen da waren, die im Brustton der Überzeugung schrien: „Kreuzigt ihn!" Dadurch kippte die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung sehr schnell! Das alles zeigt, wie kurzlebig eine Masseneuphorie ist. Wir sollten uns nie von ihr anstecken lassen – ganz egal, wie berechtigt sie scheint. Beim Einzug in Jerusalem hatten die Menschen zwar recht, dass Jesus der verheißene Messias war. Doch sie täuschten sich darin, was er als Nächstes tun würde.

Hosanna! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn

Das hebräische Wort „Hosanna" bedeutet „Hilf doch!" oder „Rette doch!" und war ursprünglich ein Hilferuf an Gott. Im Laufe der Zeit wurde es zu einem Jubelruf, der die Hoffnung auf göttliche Rettung ausdrückte. Die Menge zitierte Psalm 118,25–26, einen messianischen Psalm, der die Ankunft des verheißenen Retters ankündigte. Der Kontext aus Psalm 118 ist sehr bemerkenswert. Ab Vers 20 heißt es:

20 Dies ist das Tor des HERRN. Gerechte ziehen hier ein. 21 Ich will dich preisen, denn du hast mich erhört und bist mir zur Rettung geworden. 22 Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. 23 Vom HERRN ist dies geschehen, es ist ein Wunder vor unseren Augen. 24 Dies ist der Tag, den der HERR gemacht hat! Seien wir fröhlich und freuen wir uns in ihm! 25 Ach, HERR, rette doch (hebr. hoschiah-na)! Ach, HERR, gib doch Gelingen! 26 Gesegnet sei, der kommt im Namen des HERRN. Vom Haus des HERRN aus haben wir euch gesegnet. 27 Der HERR ist Gott. Er hat uns Licht gegeben. Bindet das Festopfer mit Stricken bis an die Hörner des Altars!

Der Textzusammenhang zeigt, was mit dem Messias Israels geschehen wird. Allerdings ist das ohne die Berichte aus dem Neuen Testament kaum erkennbar. An dem Tag, den die Christenheit als „Palmsonntag" feiert, zog tatsächlich der Gerechte Gottes durch das Tor des HERRN ein (Ps 118:20). Er war nicht nur der einzig wirklich Gerechte (Jes 53:11 / 1Petr 2:22), sondern auch derjenige, der den Vielen zur Gerechtigkeit verhalf (Jes 53:11 / Röm 5:19). Der Messias ist für sein Volk und für die ganze Menschheit zur Rettung geworden – aber zunächst nicht dadurch, dass er uns von allen irdischen Problemen erlöste, sondern indem er uns von der Sünde befreite. Das geschah, als er am Kreuz für uns starb. Aus den Evangelien wird ersichtlich, was mit den Bauleuten, die den Eckstein verwarfen, gemeint ist (Ps 118:22). Die religiösen Führer Israels – die Bauleute des Volkes Gottes – verwarfen Jesus als Messias und sorgten dafür, dass er gekreuzigt wurde. Doch genau dadurch wurde er zum Eckstein, auf dem Gott seine Gemeinde aufbaute (Apg 4:11 / 1Petr 2:7). Diese Ablehnung des Ecksteins war letztlich etwas, das „vom HERRN geschehen ist" – die Verwerfung und Verurteilung des Messias war bei Gott seit Beginn der Schöpfung geplant. Das war kein Missgeschick Gottes, sondern schon immer Teil seiner Absicht. Damit ist aber nicht gesagt, dass diejenigen, die Jesus kreuzigten, keine Schuld auf sich geladen hätten. Sie werden sich dafür verantworten müssen. Wenn sie ihre Sünde nicht bekannt haben und in ihrer Gesinnung nicht umgekehrt sind, werden sie das Gericht Gottes mit aller Härte zu spüren bekommen. Obwohl Karfreitag ein furchtbarer Tag war, ist er doch der Tag, den der HERR gemacht hat. An diesem Tag lud er die Sünde der ganzen Welt auf sich – deshalb dürfen wir uns als Erlöste freuen. Damals rettete er uns von unseren Sünden. Er wurde für uns das wahre Licht. Er ist das eine Festopfer, das die endgültige Befreiung schuf. Es kommt aber noch einmal der Tag, wo das Volk Gottes wieder rufen wird:

“Gesegnet sei, der kommt im Namen des HERRN.” Jesus selbst sagte in Mt 23:39:

Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: “Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!” Das war nach dem Einzug in Jerusalem und ist somit etwas, was noch aussteht (Mt 23:39). Am Ende dieses Zeitalters wird Jesus Christus mit großer Macht und Herrlichkeit kommen (Mt 24:30 / Mk 13:26 / Offb 1:7). Zuvor wird sein Volk aus großer Not rufen: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!" (Mt 23:39)

Fürchte dich nicht, dein König kommt zu dir

Der Bibelabschnitt aus Joh 12:12-19 zitiert auch noch zwei weitere Stellen aus dem AT: die eine findet sich in Jes 40. Da heisst es in den Versen 1-2 und 9+10:

1 Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. 2 Redet zum Herzen Jerusalems, und ruft ihm zu, dass sein Frondienst vollendet, dass seine Schuld abgetragen ist! Denn es hat von der Hand des HERRN das Doppelte empfangen für all seine Sünden. … 9 Auf einen hohen Berg steig hinauf, du Freudenbotin Zion! Erhebe mit Macht deine Stimme, du Freudenbotin Jerusalem! Erhebe sie, fürchte dich nicht! Sprich zu den Städten Judas: Siehe da, euer Gott! 10 Siehe, der Herr, HERR, kommt als Starker, und sein Arm übt die Herrschaft für ihn aus. Siehe, sein Lohn ist bei ihm, und seine Belohnung ⟨geht⟩ vor ihm her.

Das Volk Gottes kann dadurch getröstet werden, dass der Frondienst vollendet ist. Historisch bezieht sich das vermutlich vor allem auf das Ende der babylonischen Gefangenschaft. Geistlich gesehen – *im übertragenen Sinn* – hat Christus die Schuld vollständig abgetragen. Dadurch muss man kein Sklave der Sünde mehr sein, sofern man das annimmt. Doch weil Jerusalem nach Pfingsten und zur Zeit der Apostel das Angebot der vollen Vergebung durch den Sühnetod von Jesus abgelehnt hat, musste dieses Volk noch einmal von der Hand des HERRN das Doppelte für all seine Sünden empfangen – unter anderem ein fast 2000-jähriges Exil. Doch das ist nicht das Ende! In Vers 9–10 kommt es noch einmal zu einem „Fürchte dich nicht!": Der HERR kommt wieder als Starker. Bei seinem zweiten Kommen zu seinem Volk wird er die Herrschaft antreten und das tausendjährige Reich aufrichten. Dann gibt es auch eine große Belohnung, und dann geschieht, was in Sach 8:13 steht:

„Und es soll geschehen: Wie ihr ein Fluch gewesen seid unter den Völkern … so will ich euch erretten, dass ihr ein Segen sein sollt.“ Damit kommen wir zu der zweiten Stelle, die in Joh 12:15 zitiert wird. Diese findet sich in Sach 9. Da lesen wir in den Versen 9-12:

9 Juble laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir: Gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen der Eselin. 10 Und ich rotte die Streitwagen aus Ephraim und die Pferde aus Jerusalem aus, und der Kriegsbogen wird ausgerottet. Und er verkündet Frieden den Nationen. Und seine Herrschaft ⟨reicht⟩ von Meer zu Meer und vom Strom bis an die Enden der Erde. 11 Auch du – um des Blutes deines Bundes willen lasse ich deine Gefangenen aus der Grube frei, in der kein Wasser ist. 12 Kehrt zur Festung zurück, ihr auf Hoffnung Gefangenen! Auch heute verkündige ich: Doppeltes erstatte ich dir. Auch hier wird der messianische König als der Gerechte und Siegreiche beschrieben. Vielleicht haben wir in einem Film schon einmal einen römischen Triumphzug gesehen: Der siegreiche Feldherr zog erhobenen Hauptes und voller Stolz auf einem Pferd durch die Straßen Roms. Von Demut war dort keine Rede! Jesu Einzug in Jerusalem war völlig anders! Obwohl die Menschen ihm zujubelten, blieb er von Herzen demütig und sanftmütig (Mt 11:29). Dadurch erwies er sich vor Gott als einzig würdiger Herrscher dieser Welt. Gott sucht ausschließlich demütige Herrscher – Hochmütige und Stolze haben bei ihm keine Chance (Jak 4:6 / 1Petr 5:5)! Jesus ritt auf einem Eselsfüllen – ein bewusster Kontrast zum Schlachtross. Zwischen Vers 9 und 10 besteht heilsgeschichtlich ein großer Abstand. Vers 9 beschreibt, wie Jesus kurz davor stand, Sünde und Tod zu besiegen (1Kor 15:55-57). Vers 10 hingegen beschreibt, wie der Messias am Ende des Zeitalters alle militärischen Mittel vernichten wird, um seine Herrschaft aufzurichten (Offb 19:11-16). Am Ende unserer Zeit wird Jesus den Gesetzlosen mit dem Hauch seines Mundes vernichten und das Millennium aufrichten (2Thess 2:8 / Offb 20:4-6). Dann wird seine Herrschaft von Meer zu Meer und vom Strom bis an die Enden der Erde reichen (Sach 9:10 / Ps 72:8). Vers 11 spricht vom Blut des Bundes (Sach 9:11). Das erinnert an den Neuen Bund in seinem Blut, den der Herr Jesus beim Abendmahl eingesetzt hat (Mt 26:28 / Mk 14:24 / Lk 22:20 / 1Kor 11:25). Hier ist auch von Gefangenen die Rede, die aus der Grube befreit werden (Sach 9:11). Die Grube ist im AT ein Bild für das Totenreich (Ps 28:1 / Ps 30:4 / Jes 38:18). Deshalb kann man sagen: Das vergossene Blut des einzig Gerechten führte dazu, dass sich die Gräber öffneten und Tote auferweckt wurden – und noch werden (Mt 27:52-53 / 1Kor 15:20-23). Wie der HERR bei Hiob alles doppelt erstattet hat (Hi 42:10), so wird er auch Israel alles Leid doppelt erstatten (Sach 9:12 / Jes 61:7). In der Vollendung wird es sogar um ein Vielfaches mehr sein (Röm 8:18 / 2Kor 4:17).

Was sagen uns diese Texte aus Johannes, Jesaja und Sacharja?

Wir dürfen wieder einmal staunend feststellen, wie detailliert das Alte Testament die einzelnen Begebenheiten im Leben Jesu prophezeit hat (Lk 24:27 / Lk 24:44). Es zeigt, dass die Bibel das einzige Buch ist, das das Leben des Messias umfassend vorausgesagt hat. In der Bibel geht es im Grunde um den einen Erlöser, der uns von Schuld und Sünde befreit hat, um uns mit seiner Gerechtigkeit zu beschenken (2Kor 5:21 / Röm 3:22-24). Beim Einzug in Jerusalem bejubelte man zwar den richtigen Messias, doch viele hatten feste Vorstellungen davon, was er als Nächstes tun würde – und diese Vorstellungen waren falsch (Joh 6:15 / Apg 1:6). Das führte dazu, dass viele von Jesus enttäuscht waren und sich von ihm abwendeten (Joh 6:66). Hüten wir uns davor, Jesus vorschreiben zu wollen, was er in unserem Leben zu tun hat. Wir dürfen ihn zwar um alles bitten, was uns und unsere Nächsten erbaut, aber stets mit der inneren Einstellung: „Nicht mein Wille, sondern der Deine geschehe!" (Lk 22:42 / Mt 6:10). Jesaja 40 ermutigt uns, andere zu trösten – und zwar mit dem Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet wurden (2Kor 1:3-4). Dieser Text lässt uns auch unseren Auftrag erahnen: Wir dürfen Freudenboten sein, die das Evangelium verkündigen, indem wir weitersagen, dass die Schuld abgetragen ist und dass wir uns jetzt mit Gott versöhnen lassen dürfen (2Kor 5:18-20 / Röm 10:15). Jesus kommt wieder – und mit ihm seine Belohnung (Offb 22:12). Lassen wir uns von der Demut und Sanftmut unseres Herrn Jesus inspirieren, die in Sacharja 9 so schön beschrieben wird (Mt 11:29 / Phil 2:5-8). Demut macht uns angenehm vor Gott und Menschen. Sie gibt uns Zugang zur alles entscheidenden Gnade Gottes (Jak 4:6 / 1Petr 5:5). Durch Demut schenken wir unseren Mitmenschen Würde und Wertschätzung, denn nur sie befähigt uns, andere höher zu achten als uns selbst (Phil 2:3).