Unser Gerechtigkeitsempfinden und die göttliche Gerechtigkeit
Dienstag, 31. März 2026 - Von Daniel Muhl
Der HERR, unser Gott, ist gerecht in allen seinen Werken, die er tut.
Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?
Ist das gerecht? Musste das sein?
Ist es gerecht, dass vorbildliche – ja vermutlich sogar unschuldige – Jugendliche aus dem Königshaus Jerusalems nach Babel verschleppt werden, weil die verantwortlichen Könige und Priester auf ganzer Linie versagt haben (Dan 1:1 / Dan 1:3 / 2Kö 24:14)? Man kann es biblisch nicht belegen, aber einige Historiker vermuten sogar, dass Daniel und seine Freunde in Babylon zu Eunuchen gemacht wurden. Das wäre ein unsagbar schweres Schicksal gewesen.
Ist es gerecht, dass viele kleine Kinder in Jerusalem oder anderswo umgekommen sind – einfach deshalb, weil sie Eltern hatten, die sich böse verhielten, Gott ungehorsam waren und Götzendienst trieben?
Man könnte diesen „Fragenkatalog“ endlos fortsetzen – und letztlich sind es Fragen, die wir indirekt an Gott richten. Ist Gottes Handeln gerecht? Trifft Schuld immer nur die Schuldigen? Oder trifft Leid oft auch die, die scheinbar nichts dafür können (Joh 9:2 / Röm 8:28)?
Manche stellen diese Fragen anklagend, andere, weil es für sie offene Fragen sind, die mit ihrem Gottesbild verknüpft sind. Schließlich möchten wir wissen, ob der Gott der Bibel wirklich die Liebe ist (1Jo 4:8) oder eher jemand, der aus reiner Willkür handelt.
Wer das ganze Buch Daniel gelesen hat, erkennt, wie oft Daniel und seine drei Freunde in lebensbedrohliche Situationen gerieten (Dan 3:20 / Dan 6:17). Dennoch verhielten sie sich in den Berichten der Bibel vorbildlich und handelten in großem Vertrauen auf den Gott Israels (Dan 1:8).
Sie ordneten sich dem babylonischen Staat unter und begegneten selbst bösen Herrschern mit großer Wertschätzung (Dan 2:27 / Dan 4:16; vgl. auch Röm 13:1 / 1Petr 2:13).
Auch wenn diese vier Männer nicht wie Christus sündlos waren, berichtet die Bibel von keinem konkreten Fehlverhalten (Dan 6:5). War das Schicksal, das sie erleiden mussten, gerecht?
Im neunten Kapitel finden wir das priesterliche Gebet Daniels, das er als betagter Mann sprach (Dan 9:3). Es offenbart seine große Liebe zu seinem Volk. Es zeigt, wie er sich mit den Sünden seines Volkes identifiziert, um Vergebung bittet und voller Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes vor sein Angesicht tritt (Dan 9:18). Mit keiner Silbe sagt er etwas wie: „Ich habe mich so sehr bemüht, ein frommes Leben zu führen, und es ist einfach nicht gerecht, dass du mir so viel Schweres zugemutet hast!“ Stattdessen betet er:
- “Wir haben gesündigt und haben uns vergangen und haben gottlos gehandelt, und wir haben uns aufgelehnt und sind von deinen Geboten und von deinen Rechtsbestimmungen abgewichen. … Bei dir, Herr, ist die Gerechtigkeit, bei uns aber ist die Beschämung des Angesichts … Denn der HERR, unser Gott, ist gerecht in allen seinen Taten, die er tut. … Denn nicht aufgrund unserer Gerechtigkeiten legen wir unser Flehen vor dich hin, sondern aufgrund deiner vielen Erbarmungen. Herr, höre! Herr, vergib! Herr, merke auf und handle!”
Was für eine beeindruckende Liebe und Hingabe! Was für ein Glaube und welche Hoffnung aus diesen Zeilen strahlen (Dan 9:4)!
Die Bibel gibt auf viele unserer „Warum“-Fragen keine direkten Antworten. Aber sie zeigt uns, dass Gottes Gerechtigkeit größer ist als unser Verständnis (Jes 55:8) – und dass sie sich letztlich nicht nur in Gericht, sondern vor allem in Rettung offenbart (Röm 3:25).
Die Frage, ob Gottes Handeln gerecht ist, kulminiert an einem Punkt der Weltgeschichte: „Ist es gerecht, dass dem einzig Sündlosen die Sünde der ganzen Welt aufgeladen wird (2Kor 5:21)? Ist es gerecht, dass Gott zugelassen hat, dass ein völlig Schuldloser zum Tode verurteilt und auf grausame Art und Weise umgebracht wird (Jes 53:5 / Apg 2:23)?“
Dieser Schuldlose stellt die Gerechtigkeit Gottes bemerkenswerterweise nicht infrage, sondern antwortet mit den Worten: „Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ (Lk 24:26)
Durch dieses unverdiente Leiden verhalf der einzig Schuldlose allen Schuldigen – die es als Geschenk im Glauben annehmen (Eph 2:8) – zur göttlichen Gerechtigkeit (Röm 3:22). Die unendliche Liebe von Jesus Christus erduldete die größte Ungerechtigkeit gegen ihn (1Petr 3:18), weil er den Schuldigen zur Gerechtigkeit verhelfen wollte. Das umfasst eine göttliche Gerechtigkeit, die weit über menschliche Fairness hinausgeht (Röm 11:33)!
Ich war ein schuldbeladener Sünder, war ungerecht und verhalte mich auch immer wieder ungerecht. Doch durch den Glauben an Christus ist mir nun seine göttliche Gerechtigkeit geschenkt.
Was für ein anbetungswürdiges Wunder: Gottes Gerechtigkeit verurteilt die Sünde – und rechtfertigt zugleich den Sünder, der an Christus glaubt.

