Jon 4:4 - Barmherzigkeit gegenüber Feinden – Ja, wirklich

Aus Bibelwissen

Donnerstag, 16. April 2026 – von Daniel Muhl

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Der HERR sprach zu Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst?

Jona 4,4

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Lukas 6,36


Es gibt wohl kaum jemanden, der als Kind biblischen Unterricht erhielt und dabei nicht auch die Geschichte von Jona gehört hat (Jon 1:1). Viele Kinder fasziniert die Vorstellung, dass ein Prophet von einem großen Fisch verschluckt wird, drei Tage darin überlebt und anschließend wieder ausgespuckt wird (Mt 12:40). Ebenso beeindruckt sie, dass es da einen Mann gibt, der Gott einfach nicht gehorchen wollte (Jon 1:3). Vielleicht finden sie es auch tröstlich zu sehen, dass Erwachsene manchmal mit denselben Schwierigkeiten kämpfen wie sie selbst.

Bibelkritiker finden die Geschichte als Metapher vielleicht auch interessant. Gleichzeitig halten sie es für naiv, wörtlich zu glauben, dass ein Mann drei Tage im Bauch eines Fisches überlebt und anschließend wieder ausgespuckt wird (Jon 2:1). Natürlich ist das ein übernatürliches Wunder (Mt 19:26). Aber für den Erschaffer aller Lebewesen sind solche Wunder eine Kleinigkeit (Hebr 11:3). Für Jesus selbst entsprach das Schicksal Jonas auf jeden Fall der Realität (Mt 12:40 / Lk 11:30).

Die vier Kapitel des Propheten Jona sind jedoch nicht nur wegen Jonas Ungehorsam und seines Aufenthalts im Bauch des Fisches bemerkenswert, sondern auch wegen vieler anderer Aspekte (Jon 4:1). Diese Geschichte umfasst beinahe die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen und Verhaltensweisen. Sie zeigt Widerspenstigkeit und Glauben und schildert tiefste Verzweiflung, Todesnot, Ärger und Frust, aber auch Freude, göttliche Geduld, Liebe und Barmherzigkeit. Das Büchlein Jona ist nicht nur eine unterhaltsame „Sonntagschulgeschichte“, sondern ein literarisches Meisterwerk, das Jung und Alt gleichermaßen fasziniert.

Beim Lesen von Kapitel 4 kann ich mir ein Schmunzeln kaum verkneifen – irgendwie sehe ich darin auch eine Art Humor Gottes. Während jeder andere Evangelist in Jubel ausbrechen würde, wenn eine ganze Stadt aufgrund seiner Predigt Buße täte, war Jona zutiefst frustriert darüber, dass ausgerechnet seine „dürftige und lustlose Predigt“ dazu führte, dass 120.000 Menschen von ihren bösen Taten umkehrten und Gott sich über die Feinde Israels erbarmte.

Sein prophetischer Dienst in seinem eigenen Volk, das er so sehr liebte, blieb mehr oder weniger erfolglos. Währenddessen bewirkte sein göttlicher Auftrag bei den Feinden Israels genau das, was er sich nie gewünscht hatte: Gott erbarmt sich über die brutalen und götzendienerischen Assyrer. Jona war zutiefst frustriert und im wahrsten Sinne des Wortes „zu Tode betrübt“. In den ersten drei Versen von Kapitel vier heißt es:

“Und es missfiel Jona sehr, und er wurde zornig. Und er betete zum HERRN und sagte: Ach, HERR! War das nicht meine Rede, als ich noch in meinem Land war? Deshalb floh ich schnell nach Tarsis! Denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langsam zum Zorn und groß an Güte, und einer, der sich das Unheil gereuen lässt. Und nun, HERR, nimm doch meine Seele von mir! Denn es ist besser, dass ich sterbe, als dass ich lebe!”

Darauf folgt das heutige Losungswort, in dem Gott fragt: „Meinst du, dass du mit Recht zürnst?“ (Jon 4:4). Danach fand Jona keine Worte mehr. Er ging aus der Stadt und machte es sich östlich von Ninive bequem, um abzuwarten, was geschehen würde (Jon 4:5). Vielleicht hegte er immer noch die leise Hoffnung, dass Gott Ninive doch noch vernichten würde.

Manch eine Person fragt sich da: „Wie kann man sich darüber ärgern, dass Gott gnädig und barmherzig ist?“ Dabei ist es doch wunderbar, wenn Gott viel barmherziger ist, als wir vermuten (Jon 4:2). Jona würde vielleicht entgegnen: „Ja – aber nicht, wenn dadurch die Feinde des auserwählten Volkes gestärkt werden und am Ende sogar dazu beitragen, dass Israel vernichtet wird“ (2Kö 17:6).

Wie würden wir reagieren, wenn Gott sich über unsere Todfeinde erbarmen würde, während die Gebete für unsere geliebte Familie vorerst unerhört bleiben? Jesus lehrt uns die Feindesliebe (Lk 6:27 / Mt 5:44). Sie ist ein Ausdruck göttlicher Vollkommenheit und schließt auch das Erbarmen gegenüber Feinden ein, die Buße getan und umgekehrt sind. Jesus wurde zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt (Mt 15:24). Jesus liebte sein Volk und weinte über die Stadt Jerusalem (Lk 19:41). Aber die Seinen nahmen ihn nicht auf (Joh 1:11). Dafür taten viele von den unbeschnittenen Heiden Buße und kehrten um (Apg 13:46). So hat sich Gott auch über uns Heiden erbarmt (Röm 11:30). Doch Gott wird sich auch über sein Volk erbarmen. Deshalb sagte auch Paulus, dass ganz Israel gerettet wird (Röm 11:26). In Matthäus 5 sagt Jesus: „Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Im heutigen Lehrtext heißt es: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Göttliche Vollkommenheit bedeutet nicht in erster Linie Perfektion, sondern bedingungslose Liebe, geprägt von Gnade und Barmherzigkeit. Darum gilt:

Barmherzigkeit ist hier nicht primär ‘Gefühl’, sondern gelebte Gnade im Umgang mit anderen – besonders dort, wo Menschen es nicht ‘verdient’ haben.”