Wenn wir das Verhalten Jesu nicht verstehen (Mt 15:21-28)

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Jesus denkt ganz anders!

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Von Daniel Muhl

Eine befremdliche Begebenheit

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Jesu Begegnung mit einer kanaanäischen Frau ist eine der Geschichten des Neuen Testamentes, die zuerst einmal "schwer verdaulich" ist.

Ich lese den Text aus Mt 15:21-28, nach der Übersetzung von H. Schumacher:

  • 21 Und Jesus ging weg von dort und zog sich in die Gegend von Tyrus und Sidon zurück.
    22 Und sieh, eine kanaanäische Frau (gemäss Mk 7:26 eine Griechin, eine Syro-Phönizierin), die von jenem Gebiet herkam, rief [laut und anhaltend]: Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter ist ganz schlimm dämonisch besessen!
    23 Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Schüler herzu und baten ihn: Schick sie weg, denn sie schreit hinter uns her!
    24 Er aber antwortete und sprach: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt worden.
    25 Sie aber, [näher] gekommen, warf sich vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
    26 Doch er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hunden hinzuwerfen (Mk 7:27 - Laß zuerst die Kinder satt werden, denn es ist nicht schön, ...).
    27 Sie aber sagte: Ja, Herr! Doch auch die Hunde fressen von den kleinen Bröckchen (Mk 7:28 - von den Krumen der Kinder), die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen.
    28 Da antwortete ihr Jesus: O Frau, dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter war von jener Stunde an geheilt. (Mk 7:29-30 - Und er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin! Der Dämon ist aus deiner Tochter ausgefahren. Und sie ging weg in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen und den Dämon ausgefahren.)

Erste Gedanken

Als ich diese Begebenheit das erste Mal bewusst gelesen habe, machte mir dieser Text zu schaffen! Warum? Ganz einfach; er störte mein persönliches Jesus-Bild! Diese Zeilen brachten meine Theologie ein Stück weit ins Wanken. Den Eindruck, den Jesus an dieser Stelle vermittelte, passte einfach nicht in mein Denkmuster, das ich von Jesus hatte! Eigentlich durfte ich Jesus ganz anders kennenlernen als so, wie Er mir in dieser Geschichte erscheint! Jesus Christus ist für mich der Inbegriff von Liebe, Gnade und Barmherzigkeit! Kein anderer Gott oder Mensch, verkörpert diese Charaktereigenschaften so vollkommen wie Jesus! Er ist für mich das vollkommene Vorbild für die absolute Güte und göttliche Liebe!

Dieses Jesusbild habe ich je länger, je mehr! Und jetzt, wo ich diese Geschichte besser verstehen kann, ist mein Jesusbild noch schöner geworden! Keine Person berührt mein Herz mehr als Jesus Christus, der einziggezeugte Sohn unseres Vaters im Himmel! Ich durfte Jesus als Denjenigen erkennen, der vollkommen liebt und den Menschen mit größter Wertschätzung begegnet!

Aber diese Geschichte vermittelt uns zuerst einmal ein anderes Bild! Zu Beginn dieser Geschichte antwortet Jesus der Frau gar nicht, dann machte Er darauf aufmerksam, nur am Volk Israel einen Auftrag zu haben und als krönenden Abschluss vergleicht Er sie und ihr Volk mit den Hunden!
Dieses anfängliche Verhalten von Jesus könnte der moderne Mensch von heute wie folgt interpretieren:

  • Jesus ignoriert diese Frau und hat deshalb überhaupt kein Interesse an ihr! Er hört nicht auf sie und macht damit deutlich, dass sie Ihm gleichgültig ist! Mit Frauen beschäftigt Er sich nur, wenn es unbedingt nötig ist, aber ansonsten ist Er – wie die meisten Männer auch – ein "Macho"!
  • Da Er offensichtlich nur dem Volk Israel helfen will, spielen die Ausländer bei Ihm eine untergeordnete Rolle. Heute würden die meisten Menschen solches Verhalten als ausländerfeindlich, bzw. rassistisch beurteilen! Allerdings muss man hierzu sagen, dass sich Jesus mit Seinen Jüngern zu diesem Zeitpunkt im "Ausland" befand, also Er der "Ausländer" war!
  • Aber das Schlimmste kam ja erst gegen Ende, als Er die Kanaanäer, bzw. die Syro-Phönizier mit "Hunden" verglich. An dieser Stelle scheint sich eine "rassistische Haltung" von Jesus zu bestätigen. Aber nicht nur das! Die Aussage Jesu, löst in uns vielleicht das unangenehme Gefühl aus; Jesus habe diese Frau verachtet. Plötzlich haben wir den Eindruck, dass Jesus doch nicht so voller Wertschätzung ist, wie wir immer dachten!

Wenn Sie beim Lesen oder Hören dieser Geschichte solche oder ähnliche Gedanken hatten, sind Sie eindeutig nicht alleine! Vielleicht verstehen Sie jetzt ein Stück weit, warum diese Situation anfänglich mein Jesus-Bild erschütterte. Doch wenn wir das Verhalten Gottes oder Jesu manchmal nicht verstehen können, dann liegt das nie an der Fehlerhaftigkeit oder Unvollkommenheit Gottes, sondern immer an unserem beschränkten Verständnis, bzw. Fassungsvermögen. Manche Menschen wenden sich vom Wort Gottes ab, weil sie das "Verhalten Gottes" an einige Passagen als inakzeptabel beurteilen. Dazu kann ich nur eins sagen:

"Wenn wir Menschen jede Handlungsweise Gottes verstehen könnten, dann hätte Gott in unserem Hirn Platz und somit wäre es ein sehr kleiner Gott! Letztlich könnte Er dann gar nicht der allmächtige Gott sein!"

Nachdem ich diese Geschichte etwas eingehender studieren durfte, konnte ich gerade in diesem, zunächst unverständlichen, Verhalten Jesu die geniale Weisheit Gottes erkennen, so dass ich aus dem Staunen kaum mehr herauskam. Währenddem dieser Textabschnitt bei vielen Menschen ein Kopfschütteln auslöst, führt er mich inzwischen in die Anbetung Gottes hinein!

Die Vorgeschichte

Sehr oft führt die Beachtung der Vorgeschichte eines Ereignisses auch zu einem besseren Verständnis des Geschehens oder Verhaltens Jesu. Die Vorgeschichte begann hier mit einer Kritik der Pharisäer und Schriftgelehrten. Sie wandten sich direkt an Jesus und fragten Ihn:

  • "Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Ältesten? Denn sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen." (Mt 15:2)

Wie so oft, konterte Jesus mit einer Gegenfrage:

  • "Warum übertretet ihr denn Gottes Gebot um eurer Überlieferung willen? Denn Gott sprach: 'Ehre Vater und Mutter'!" (Mt 15:3b-4a)

Statt die alten und schwachen Eltern zu unterstützen (damals gab es keine Rentenversicherung), haben sie diesen Anteil für eine Tempelopfergabe verwendet. Damit konnten sie Geld sparen und ihr Ansehen bei den Kollegen aufrechterhalten. Heinz Schumacher schreibt dazu in seinen Anmerkungen:

"Der fromme Heuchler will den Eltern die notwendige Unterstützung (und damit Ehrung) dadurch vorenthalten, dass er Gott ein Geldopfer weiht. Solche Missachtung natürlicher, irdischer Verpflichtungen für einen angeblich höheren, 'geistlichen' Zweck lehnt Jesus ab."

Nachdem Jesus die "fromme Elite" als Gesetzesübertreter entlarvte, zitierte er folgende Jesaja-Stelle:

  • "Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, doch ihr Herz ist weit entfernt von mir; umsonst aber verehren sie mich, indem sie Menschengebote als Lehren vortragen." (Jes 29:13)

Sehr oft stellen Gottlose und Heuchler Menschengebote in den Mittelpunkt, währenddem ihnen der Zustand ihres Herzens so ziemlich egal ist:

"Hauptsache die Hände werden desinfiziert und alle aktuellen Regeln genau eingehalten! Hauptsache wir wahren den Abstand und bleiben gesund, damit wir weiterhin ein genussvolles Leben ohne Gott führen können!
Für unsere schwachen und altmodisch denkenden Eltern kümmert sich jetzt der Staat. Wir dürfen das jetzt nicht mehr, weil wir sie ja sonst gefährden würden."

Unsere Eltern brauchen nicht nur eine intakte materielle Versorgung; sie brauchen vor allem Zuneigung und Liebe. Sie benötigen nicht nur ein Bett und drei Mahlzeiten, sondern auch unseren seelischen und geistlichen Beistand! Gott wünscht sich nicht in erster Linie finanzielle Spenden, sondern vor allem Menschen, die Ihm ihr Herz schenken und weihen. Gott geweihte Menschen sind fröhliche Geber, die nicht nur Geld spenden, sondern auch sich selbst in den göttlichen Liebesdienst stellen.

Nachdem Jesus die richtigen Prioritäten aufgezeigt hatte, kommt Er wieder auf das Thema der "Händedesinfektion" zurück.

Nebenbei bemerkt; Jesus sagt nichts gegen das "Händewaschen", aber Er macht klar, dass es ein noch viel wichtigeres Thema gibt! Es geht vor allem um unser Herz und unsere Beziehung zu Gott!
Auch in der aktuellen Krise geht es nicht in erster Linie um die Gesundheit oder um den Verlust der Demokratie, sondern darum, dass unser Herz auf Gott ausgerichtet ist und sich auf die Wiederkunft Jesu Christi vorbereitet!
In den Augen Gottes wird der Mensch nicht durch das verunreinigt, was in den Mund (oder in die Nase) eingeht, sondern durch das, was aus dem Munde herauskommt (Mt 15:11)!

Im Anschluss präzisierte Jesus diesen Gedankenansatz bei Seinen Jüngern wie folgt:

  • "Was aber zum Munde ausgeht, kommt aus dem Herzen heraus, und das verunreinigt den Menschen. Denn aus dem Herzen heraus kommen böse Gedanken: Mordgelüste, Ehebrüche, Unzuchtgelüste, Diebereien, Lügenbehauptungen, Lästerungen. Diese [Dinge] sind es, die den Menschen verunreinigen; aber das Essen mit ungewaschenen Händen verunreinigt den Menschen nicht." (Mt 15:18-20)

Im "Ausland"

Nachdem Jesus deutlich aufzeigen durfte, welche Hygiene die höchste Priorität hat, lesen wir weiter:

  • "Und Jesus ging weg von dort und zog sich in die Gegend von Tyrus und Sidon zurück." (Mt 15:21)

Die phönizischen Hafenstädte waren der Inbegriff von Handel und Reichtum.
Sidon war der Erstgeborene Kanaans (1Mo 10:15) und Kanaan wurde von Noah verflucht (1Mo 9:25). Sidon wurde also bei den Juden mit einem schrecklichen Fluch in Verbindung gebracht und der König von Tyrus wird in Hes 28:12ff mit einem "schirmenden Cherub" verglichen, der sich übermäßig erhoben hatte. Viele Ausleger sehen in diesem König von Tyrus eine Darstellung Satans. Andere denken da eher an den Tod als Person. Aber das ist jetzt nicht das Thema! Für die Galiläer und Juden galt dieses Gebiet als das äußerst bedenkliche "Ausland" und die Schriftkenner der damaligen Zeit kannten auch verschiedene Gerichtsworte über Tyrus und Sidon (Jes 23 / Jer 47:4 / Hes 26-28 / Joe 4:4 / Am 1:9-10 / Sach 9:3ff). Jesus selbst sagte in Verbindung mit diesen Städten:

  • "Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Wunderwerke geschehen wären, die unter euch geschehen sind, längst hätten sie in Sack und Asche Buße getan." (Mt 11:21)

So wie Sodom bei den Juden eine verachtungswürdige Stellung einnahm (Lk 10:12 / Lk 17:29), so wurde auch Tyrus und Sidon bei den Galiläern in die "unterste Schublade" einsortiert.
Nachdem Jesus darauf aufmerksam machte, dass nicht das Äußere, sondern das Innwendige das Entscheidende ist, ging er in eine Region, wo sich so mancher Begleiter fragte:

"Was hat Jesus hier zu suchen? Hier gehört Er doch gar nicht hin!"

Aber genau da, wo kaum ein Galiläer freiwillig hinging, machte Jesus bei einer Frau das Verborgene des Herzens sichtbar! Äusserlich betrachtet war die Frau unrein und eine Verfluchte, weil sie von den Kanaanitern abstammte. Doch im Innersten ihres Herzens verbarg sich ein wunderbarer Glaube!

Der Rückzug in dieses Gebiet, verschaffte Jesus und seinen Jüngern vmtl. auch etwas Ruhe, vor der immer größer werdenden Volksmenge, die ihnen folgte. Möglicherweise hatte Jesus hier auch mehr Zeit, mit Seinen Jüngern persönliche Gespräche zu führen. Dieser 'Abstecher' zu den Nationen und in ein – von den Juden verachtetes – Gebiet, erinnert uns vielleicht auch an das vergangene und gegenwärtige Wirken Jesu in der Nationenwelt. Der 'Ausflug' in ein ausländisches Gebiet, bewirkte das wunderbare Heil für eine Tochter und eine große Erlösung für deren Mutter! Nur schon wegen diesen beiden Frauen musste Jesus dorthin. Wie wir noch sehen werden, wurde diese Reise aber auch zu einer ganz wichtigen Lektion für die Jünger Jesu! In der Vorgeschichte offenbarte Jesus eine ekelerregende Herzensfüllung: "Böse Gedanken, Mordgelüste, Diebereien, Lügen, Unzucht usw."

Das Verborgene des Herzens wird offenbar

Jetzt folgt eine Geschichte, bei der zuerst einmal mögliche Spätfolgen einer solchen Herzensfüllung erkennbar werden; nämlich eine ganz "schlimme dämonische Besessenheit"! So lesen wir in der Übersetzung von Heinz Schumacher weiter:

  • 22 Und sieh, eine kanaanäische Frau (in Mk 7:26 wird sie "eine Griechin, eine Syro-Phönizierin" genannt), die von jenem Gebiet herkam, rief [laut und anhaltend]: Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter ist ganz schlimm dämonisch besessen!

Gut möglich, dass die Schüler Jesu (in dieser Abgeschiedenheit) die ausgiebigen und ruhigen Gespräche mit ihrem Herrn genossen haben, so dass sie gerade in ganz anderen 'Sphären' schwebten und dann das: Eine penetrant schreiende 'Ausländerin', die keine Ruhe gab!

"Kann die nicht einfach ihren Mund halten? Meint sie wirklich, sie sei die Einzige, die mit solchen Problemen zu kämpfen hat?"

Das mag der eine oder andere gedacht haben. Hinzu kommt noch das seltsame Verhalten Jesu! Ab V.23 lesen wir:

  • Er aber antwortete ihr kein Wort.

Dieses Verhalten Jesu befremdet uns. So kennen wir unseren liebenden und sanftmütigen HERRN nicht! Warum ignoriert Er diese arme Frau? Der moderne Mensch empfindet Jesus an dieser Stelle vielleicht als arrogant! Aber was dachten die Jünger Jesu? Sehr wahrscheinlich nicht das Gleiche wie wir! Vielleicht dachten sie, dass Jesus bei ihr irgendwelche unlautere Motive entdeckte und dass Er sie deshalb ignorierte oder möglicherweise meinten sie, dass Jesus auf keinen Fall etwas mit einer kanaanäischen Frau zu tun haben wollte, da die kanaanitischen Völker unter dem "Fluch Noahs" standen (1Mo 9:25)? Der weitere Verlauf erweckt in mir den Eindruck, dass die Jünger sich durch diese Frau ziemlich gestört fühlten und der eine oder andere vermutlich dachte:

"Merkt sie denn nicht, dass Jesus nicht auf sie eingehen will?"

Weiter lesen wir:

  • 23b Da traten seine Schüler herzu und baten ihn: Schick sie weg, denn sie schreit hinter uns her!

Heinz Schumacher schreibt in seinen Anmerkungen eine alternative Übersetzungsmöglichkeit:

"Fertige sie (doch) ab"

Diese Wiedergabe bringt die Gefühlslage der Jünger relativ gut zum Ausdruck! Wenn ich diesen Satz aus meiner Sicht interpretiere, dann würde ich das wie folgt umschreiben:

"Jesus, diese Frau nervt uns! Mach doch irgendetwas, damit sie uns endlich in Ruhe lässt! Du könntest doch die Tochter einfach heilen, dann wäre das Problem gelöst!"

An dieser Stelle werden wir auch mit einem Problem unserer Zeit konfrontiert:

"Das effiziente und produktive Abfertigen!"

Wie oft habe ich bei mir schon realisiert, wie ich meinen "E-Mail- und Korrespondenz-Stapel" möglichst schnell abfertigen wollte und dabei übersehen habe, dass es auch ein oder mehrere Kontakte gab, die mehr Zeit beanspruchen würden, als mir lieb war, da ich mitten im "Abfertigungsmodus" steckte! Einige Menschen denken vielleicht: "Die Menschen verursachen die größten Probleme und deshalb müssen wir sie möglichst effizient abfertigen!" Die effiziente Abfertigung eines Problems kann in etlichen Fällen sehr sinnvoll sein; aber wenn daraus eine Abfertigung der Menschen wird, dann ist das einfach nur lieblos! Leider ist mir das schon zu oft passiert.
Wenn Jesus hier eine schnelle Abfertigung im Auge gehabt hätte, hätte Er nur sagen müssen:

"Geh nach Hause; deine Tochter ist geheilt!"

Doch Jesus verfolgte keine schnelle Abfertigung, sondern eine ganz andere und außergewöhnliche Strategie:

  • Er aber antwortete und sprach: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt worden.

Als Jesus 'im Fleisch' war, hatte Er keine Aufgabe an den Nationen. Seine Sendung galt zuerst einmal dem Volk Israel. Warum aber musste dies Jesus hier bei Seinen Jüngern so betonen? War ihnen nicht klar, dass Jesus der Messias Israels ist und in besonderer Weise für Sein Volk da ist?
Dieses Bewusstsein war vmtl. schon vorhanden, aber vielleicht war den Schülern Jesu zu wenig bewusst, dass sich die Schafe des Hauses Israels in einem verlorenen Zustand befanden.
Nicht nur die Kanaaniter waren verloren und ganz weit weg vom Gott Israels; nein, auch die Schafe Israels waren verloren und haben ihre Herzen fern vom HERRN gehalten. So stellt der Herr in Jes 29:13b Folgendes fest:

  • "Weil dieses Volk sich mit seinem Mund naht und mich mit seinen Lippen ehrt und sein Herz fern von mir hält und ihre Furcht vor mir angelerntes Menschengebot ist ..."

Ich zweifle daran, ob den Jüngern wirklich bewusst war, wie verloren das Haus Israel war und wie dringend notwendig der Hirte Israels, dieses Volk von ihren Sünden befreien musste. Fast alle Juden haben sich damals eine Befreiung von der römischen Vorherrschaft gewünscht; aber die Befreiung von Sünde war nicht unbedingt im Hauptfokus der Leute. Das ist heute nicht anders! Eine Befreiung aus der Pandemie ist den Menschen viel wichtiger als eine Befreiung aus der Sünde!

Obwohl Jesus diese arme Frau zuerst ignoriert, kommt sie näher, wirft sich vor Ihm nieder und sagte:

  • "Herr, hilf mir!"

Nicht wenige Menschen wenden sich von Jesus ab, wenn Er ihr Schreien zuerst einmal ignoriert! So mancher hat vielleicht schon gesagt:

"Ich habe zu Jesus geschrien und Er hat nicht reagiert! Ich habe ein Problem, mit dem ich einfach nicht so weiterleben kann! Mein Problem ist eine echte Zumutung! Aber die viel größere Zumutung ist, dass der 'Erlöser der Welt' mein Problem ignoriert! Ich bin fertig mit Jesus!"

Die meisten von uns, können diese Argumentationsschiene nachvollziehen und auch verstehen! Aber diese Haltung offenbart auch ein Problem, das wir Menschen haben: "Wie schnell sehen wir in Gott zuerst einmal unseren Problemlöser, Bedürfnisbefriediger und Lebensoptimierer."
Damit reduzieren wir Ihn zu einem "Geldautomaten" und Diener! Obwohl Jesus uns durch Sein Sterben auf eine unübertreffliche Art gedient hat, so ist Er doch unser Schöpfer und HERR! Wehe uns, wenn wir den allmächtigen Gott zu einem "Befehlsempfänger" degradieren!

Für die kanaanitische Frau gab es keine andere Hoffnung als JESUS! Tief in ihrem Innern wusste sie: Wenn Jesus mir nicht hilft, kann mir niemand helfen! Genau das dürfen wir von dieser Frau lernen: Es gibt nur eine Hoffnung und das ist Jesus! Er, der als Einziger vollkommen liebt! Wie Petrus, so dürfen auch wir sagen: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens!" (Joh 6:68)

Doch das abweisende Verhalten Jesu ist noch nicht vorbei! Wir lesen weiter:

  • "Doch er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hunden hinzuwerfen." (Mk 7:27 - Laß zuerst die Kinder satt werden, denn es ist nicht schön, ...)

Was würden wir zu einem Vater sagen, der sein Brot den Hunden hinwirft, statt es seinen hungrigen Kindern zu geben? Wahrscheinlich wären wir alle empört und würden uns fragen: "Was ist das für ein Vater? Wie kann er das Begehren der Hunde vor die Bedürfnisse seiner Kinder stellen?" Es ist völlig klar: "Die göttliche Liebe setzt auch die richtigen Prioritäten und ein liebender Vater setzt die Bedürfnisse seiner Kinder vor die Bedürfnisse seiner Haustiere!"
Damit ist keineswegs gesagt, dass dem allmächtigen Gott die Tiere egal sind. Die Bibel bezeugt uns etwas anderes! Denken wir nur an folgende Aussage:

  • Mt 10:29 - Werden nicht zwei Sperlinge für einen Cent verkauft? Und doch fällt nicht einer von ihnen auf die Erde ohne euren Vater; (in Lk 12:6 heisst es dann sogar, dass keiner von Gott vergessen wird)

Zwei Verse später macht Jesus aber auch klar, was bei Gott die Priorität hat:

  • Mt 10:31 - Fürchtet euch nun nicht; ihr seid vorzüglicher als viele Sperlinge.

Aus dem letzten Vers des Propheten Jona wird auch indirekt deutlich, wie kostbar in den Augen Gottes das Vieh ist. Da lesen wir:

  • Jon 4:11 - ... und ich sollte mich über Ninive, die große Stadt, nicht erbarmen, in der mehr als 120'000 Menschen sind, die nicht zu unterscheiden wissen zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken, und eine Menge Vieh?

Auch in den Sprüchen heisst es:

  • "Der Gerechte kümmert sich um das Leben seines Viehs, ..." (Spr 12:10a)

Für die seufzende Schöpfung – zu der auch die ganze Tierwelt gehört – existiert gemäss Röm 8:19-21 eine wunderbare Erwartung! Hier schreibt der Apostel Paulus:

  • "Denn das sehnliche Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes. Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden (nicht freiwillig, sondern dessentwegen, der sie unterworfen hat), auf Hoffnung, dass auch die Schöpfung selbst frei gemacht werden wird von der Knechtschaft des Verderbens zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes."

Trotzdem empfinden wir es als eine große Diskriminierung, dass diese kanaanäische Frau – und somit auch ihr Volk – mit Hunden verglichen wird. Dazu möchte ich einige Erklärungen weitergeben:
Die Hunde gelten in der Bibel als unrein, weil sie in der damaligen Zeit, meist wild umherstreunende Aasfresser waren, die auch praktisch alles frassen, was man ihnen zuwarf. Petrus zitierte in 2Petr 2:22b ein damaliges Sprichwort:

  • "Der Hund kehrte um zu seinem eigenen Gespei".

Tatsächlich konnte ich sogar selbst einmal beobachten, wie der Hund unserer Freunde sein Erbrochenes wieder aufleckte. In 5Mo 23:19 wird der Lohn einer oder eines Prostituierten als Hundelohn bezeichnet. Im übertragenden Sinn werden diejenigen Menschen mit Hunden verglichen, die alles fressen, was man ihnen zuwirft und die auch nicht danach fragen, ob eine vorgelegte Lehre wirklich rein und gesund ist.
Ich kann mich noch gut an meine Teenagerzeit erinnern; da habe ich auch alles "gefressen", was man mir zuwarf! Ob das nun Pornohefte oder anderer Unrat war; alles wurde mit "Heisshunger" konsumiert. Von Natur aus gehörte ich genauso zu diesen "Hunden"!

Die Fruchtbarkeitsgöttin Astarte mit zwei Hunden
Zu dem Begriff "Hundegeld" finden wir im Lexikon zur Bibel folgende Aussage:
"Lohn der männlichen Kult- und Tempelprostituierten (hebr. qadesch), die auch »Hunde« genannt wurden. Es waren Knaben und Jünglinge, die sich zu Ehren der Götzen anderen Männern preisgaben (vgl. 1Mo 19:5; Röm 1:27), was besonders in den Astarteheiligtümern der Kanaanäer üblich war."

Eine Statue der Astarte zeigt die "Göttin" mit Hunden auf ihren Händen! Wer Götzendienst und Unzucht praktiziert, wird im Wort Gottes mit einem Hund verglichen, der sich nicht um seine geistliche Hygiene kümmert!
Eine geistliche Hygiene ist um ein Vielfaches wichtiger als die Händedesinfektion! Darum schreibt Paulus den Philippern:

  • "Seht auf die Hunde, seht auf die bösen Arbeiter, ..." (Phil 3:2)

Vielleicht werden wir auch an eine andere Sidonierin erinnert: Isebel, die Frau des Königs Ahabs war eine Tochter Etbaals, des Königs der Sidonier! Sie war maßgeblich am Götzendienst in Israel beteiligt und verfolgte die Propheten des HERRN. Ihr Ende war auch bezeichnend; nachdem sie aus dem Fenster gestürzt wurde, frassen sie die Hunde (2Kö 9:32-37). Die Kanaanäer wurden nicht deshalb als "Hunde" bezeichnet, weil sie als Menschen weniger wertvoll waren als die Israeliten, sondern weil sie sich – im übertragenen Sinn – wie Hunde verhielten. Die Kanaanäer haben sich geistlicherweise durch Götzendienst und Unzucht verunreinigt und eine solche Verunreinigung führte in etlichen Fällen auch zu einer dämonischen Besessenheit.

In diesem Zusammenhang darf ich noch einen letzten Aspekt erwähnen. Im Lexikon zur Bibel lesen wir auch folgende Bemerkung:

"Wenn Jesus der kanaanäischen Frau gegenüber, Heiden mit Hunden vergleicht (Mt 15:26), liegt ... [darin u.a. auch] eine spezifische Kritik an den damaligen wirtschaftlichen Gegebenheiten zugrunde: Die reichen phönizischen Küstenstädte deckten ihren Getreidebedarf durch Importe aus dem bäuerlichen Galiläa (vgl. 1Kö 5:25 / 2Chr 2:14 / Esr 3:7 / Apg 12:20). Das scheint Jesus anzudeuten, wenn er sagt, dass die Hunde, also die Heiden, den »Kindern« das Brot wegessen. Der Akzent der Worte Jesu liegt dann nicht auf der Herabwürdigung der Leute von Tyrus und Sidon als verächtliche Heiden, sondern auf ihrem ungerechten Fehlverhalten zu Lasten der Galiläer."

Anfänglich gibt Jesus keine Antwort und das konnte das Gefühl verursachen: "Der Mann interessiert sich nicht für mich!"
Dann machte der HERR klar, dass Er einen anderen Auftrag hatte. Somit wurde die Chance, von Jesus Hilfe zu bekommen, immer kleiner und unwahrscheinlicher! Vielleicht dachte die Frau: "Ich gehöre nicht zu Seinem Aufgabenbereich oder; ich befinde mich ausserhalb Seiner Zielgruppe!" Die Hoffnung sinkt weiter.
Zu guter Letzt wird sie mit Hunden verglichen, die keinen Anspruch auf die Speise der Kinder haben. War das nicht die endgültige Absage? War ihr immer noch nicht klar:

"Du hast keinen Anspruch auf die Jesus-Hilfe!"?

Die Hoffnung auf Hilfe sank immer mehr gegen den Nullpunkt! Ich verstehe jeden Menschen, der an dieser Stelle aufgibt und sagt:

"Jesus interessiert sich nicht für mich! Er mag mich nicht! Er will mir nicht helfen! Er verachtet mich! Ich bin für Ihn eine 'Nullnummer'! Es hat alles keinen Sinn mehr; ich muss schauen, wie ich ohne Ihn klarkomme!"

Solche und ähnliche Gedanken können in einem Menschen entstehen, der Ähnliches erlebt. Aber keiner dieser Gedanken entspricht der Wahrheit! In Wirklichkeit sah es wie folgt aus:
Jesus interessierte sich für diese Frau; genauso wie für jede andere Frau! Jesus liebte diese Frau mit göttlicher Liebe! Jesus achtete diese Frau genauso wie er auch Maria aus Magdala wertschätzte, von der Er sieben Dämonen austrieb. Diese Frau war für Jesus ebenfalls eine große Kostbarkeit, auch wenn sie das anfänglich nicht spürte!

Die Frau ließ sich noch immer nicht entmutigen und sagte:

  • "Ja, Herr! Doch auch die Hunde fressen von den kleinen Bröckchen (Mk 7:28 – von den Krumen der Kinder), die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen."

Was für eine Demut! Was für eine Beharrlichkeit! Was für ein unerschütterlicher Glaube und was für eine uneingeschränkte Hoffnung! Diese Frau liebte ihre Tochter, glaubte an Jesus und setzte ihre ganze Hoffnung auf Ihn!
Damit landen wir bei 1Kor 13:13:

  • Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.

Für Jesus war von Anfang an klar: "Dieser Frau werde ich helfen! Diese Frau ist mir enorm wichtig! Diese Frau ist ein Vorbild für einen unerschütterlichen Glauben!" Und so lesen wir die letzten Worte Jesu:

  • "Da antwortete ihr Jesus: O Frau, dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter war von jener Stunde an geheilt." (Mt 15:28)

In Mk 7:29-30 lesen wir dann:

  • "Und er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin! Der Dämon ist aus deiner Tochter ausgefahren. Und sie ging weg in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen und den Dämon ausgefahren."

Mit dieser Frau hat Jesus Seinen Jüngern und uns allen eine Lektion erteilt, die wir nicht so schnell vergessen werden. Er hat uns allen ihren unerschütterlichen Glauben geoffenbart und uns gezeigt, worauf es wirklich ankommt!
Es war nie die Absicht Jesu, diese Frau zu ignorieren, sie zu diskriminieren! Er hatte vor allem Seine Jünger und uns alle im Blick, als Er dieser Frau sehr schwere Augenblicke zumutete!

Vor dem Thron Gottes kann diese Frau gar nicht anders, als Jesus dafür anzubeten, dass Er sie zuerst ignorierte, dass Er ihr scheinbar die Hoffnung nahm und ihr zu guter Letzt noch das Gefühl gab, eine Verachtete zu sein! Sie betet Jesus dafür an, weil ihre Geschichte für Millionen von Menschen ein Segen werden durfte und viele in ihrer Situation getröstet werden können, wenn sie von Jesus zuerst einmal keine Antwort auf ihr Problem erhalten!

Wenn wir heute von Jesus scheinbar ignoriert werden, wenn wir nahe daran sind, die Hoffnung zu verlieren und wenn wir das Gefühl haben, Jesus achte uns nicht, dann dürfen wir uns an diese Frau erinnern, die zu einem leuchtenden Vorbild eines unerschütterlichen Glaubens wurde und wer weiss:

Vielleicht macht Jesus mit uns etwas Ähnliches!

Jesus sieht immer das Ganze und nicht nur einen kleinen Ausschnitt! Er denkt nicht horizontal, sondern vertikal! Er hat ein himmlisches Denken und daraus ergibt sich ein ganz anderes Verhalten; ein Verhalten, das von der göttlichen und vollkommenen Liebe her geprägt ist! Jesus denkt ganz anders, weil Er alles vom Ziel und von der Ewigkeit her sieht! Amen!


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