Gleichnis von den ungleichen Söhnen

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Mt 21:28-32

Von Daniel Muhl

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Bibeltext

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* ELB Mt 21:28-32 - Was meint ihr aber [hierzu]? Ein Mensch hatte zwei Söhne, und er trat hin zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh heute hin, arbeite im Weinberg!
29 Der aber antwortete und sprach: Ich will nicht. Danach aber gereute es ihn, und er ging hin.
30 Und er trat hin zu dem zweiten und sprach ebenso. Der aber antwortete und sprach: Ich [gehe], Herr; und er ging nicht.
31 Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Sie sagen: Der erste. Jesus spricht zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, daß die Zöllner und die Huren euch vorangehen in das Reich Gottes.
32 Denn Johannes kam zu euch im Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; die Zöllner aber und die Huren glaubten ihm; euch aber, als ihr es saht, gereute es auch danach nicht, so daß ihr ihm geglaubt hättet.

Erste Gedanken

Die Hauptaussage dieses Gleichnisses könnte man wie folgt definieren: „Umkehr und Gehorsam!“ Die Apostel haben dieses Thema mit folgenden Aussagen aufgegriffen:

  • Paulus schrieb: „ … es sind nämlich nicht die Hörer des Gesetzes gerecht vor Gott, sondern die Täter des Gesetzes werden gerechtfertigt werden.“ (Röm 2:13)
  • Jakobus ermahnt uns: „Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen!“ (Jak 1:22)
  • Und Johannes motiviert: „Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit!“ (1Jo 3:18)

Hier lesen wir ein Gleichnis, das vom HERRN auch sofort ausgelegt wird und von allen Anwesenden vermutlich auch verstanden wurde. Dieses Gleichnis erinnert uns vielleicht auch ein stückweit an das Gleichnis „vom verlorenen Sohn“ (Lk 15:11-32). Die gemeinsamen Nenner sind ein Vater und zwei Kinder, die sich völlig unterschiedlich verhalten. In beiden Fällen war zu Beginn das Verhalten alles andere als ideal. Doch durch die Umkehr veränderte sich die Gesinnung und dadurch auch das Verhalten. Bei den zweiten Kindern sah man anfänglich ein besseres Benehmen, doch gegen Ende verhielten sie sich nicht so, wie es der Gesinnung des Vaters entsprach. In beiden Gleichnissen rückt Jesus die Umkehr in den Vordergrund. Obwohl es in der Geschichte des verlorenen Sohnes mehrere Deutungsebenen gibt, so waren mit dem verlorenen Sohn u. a. auch die „Zöllner und Huren“ gemeint, die durch Buße umgekehrt sind.

Es gibt jedoch auch Unterschiede: In diesem Gleichnis ist im Grundtext nicht von „Söhnen“ die Rede, sondern von „Kindern“. Hier beginnt die Geschichte mit einer Beauftragung des Vaters, währenddem der „verlorene Sohn“ zu Beginn eine törichte Entscheidung traf. Beim „verlorenen Sohn“ sehen wir die Entscheidung, ins Vaterhaus zurückzukehren und in diesem Gleichnis kommt es zu einer Umbesinnung, sodass der Auftrag des Vaters ausgeführt wurde.

Was meint ihr aber [hierzu]? (V. 28)

Wenn Jesus den Menschen eine Frage stellt, dann sucht Er nicht nach neuen Meinungen oder Ansichten, um damit persönlich weitere Erkenntnisse zu gewinnen, sondern fast immer deshalb, weil Er die Zuhörer zum Denken anregen wollte! Seine Fragen sind so genial, dass jeder ehrliche Mensch nicht mehr ausweichen kann. Ausweichen kann man nur, wenn man gewisse Dinge um jeden Preis nicht wahrhaben will und sie dadurch verdrängt.
Die Frage und das kurze Gleichnis, das Jesus hier erzählte, führte dazu, dass sowohl seine Gegner als auch seine Anhänger zum gleichen Ergebnis kamen: Nur ein Sohn tat den Willen des Vaters, nämlich der, der den Auftrag ausführte! Letztlich war nicht entscheidend, was einer sagte, sondern was er tat.
Obwohl die Gegner Jesu zum richtigen Schluss kamen, hatte dieser keine Auswirkungen auf ihre persönliche Lebensführung. Was für eine Tragödie! Wie oft erkennen auch wir, was richtig und gut wäre, aber wir wollen es trotzdem nicht tun. Negativ über andere zu reden, empfinden wir als schlecht und trotzdem tun wir es immer und immer wieder, weil dadurch das Bewusstsein der eigenen Schlechtigkeit etwas verdrängt werden kann und das Leben somit erträglicher wird!

Mein Kind, geh heute hin, arbeite im Weinberg! (V. 28)

War die Aufforderung des Vaters eine Bitte oder ein Befehl! Nachdem das erste Kind sagte, "ich will nicht!", hatte es vonseiten des Vaters keine Konsequenzen. Das legt den Schluss nahe, dass hier der Vater einen Wunsch, bzw. eine Bitte aussprach. Der Vater wünscht sich, dass sein Kind auch erkennt, was ihm wichtig ist und was ihn beschäftigt. Das Kind oder der Sohn soll am Werk des Vaters teilhaben! Was für eine Ehre!
Der Weinberg ist ein Bild auf das Arbeitsfeld Gottes und damit ist sein Volk gemeint (Jer 12:10). Gott arbeitet an seinem Volk Israel und seit Apg 10 auch besonders an seiner Gemeinde, die ebenfalls als sein Volk bezeichnet wird (Apg 18:10 / Röm 9:25). Auch wenn Gott in den letzten 2'000 Jahren mehrheitlich an der Gemeinde aus den Nationen gearbeitet hat, so bleibt das Volk Israel immer noch sein Volk, mit dem Er an sein Ziel kommen wird. Das macht Paulus in Röm 9-11 ganz klar deutlich. Die sogenannte "Ersatztheologie", wonach Gott sein Volk Israel für allezeit durch die Gemeinde Jesu ersetzt hat, ist eine Irrlehre!

"Ich will nicht" (V. 29)

Der Sohn hatte keine Lust, eine schweißtreibende Arbeit zu tun und entschied sich im ersten Augenblick gegen die Bitte des Vaters. Was war sein Gedanke? Vielleicht der: "Was geht mich der Weinberg meines Vaters an? Was bringt es mir, diese mühevolle Arbeit zu tun? Der Vater versorgt mich mit gutem Essen; er lässt mich in seinem schönen Haus und Garten wohnen, wo ich spielen und großartige Dinge machen kann. Wie in der Vergangenheit, so soll sich der Vater selbst um sein eigenes Geschäft kümmern!"
Wir kennen diese Gedankengänge und können sie ein stückweit nachvollziehen. Alles, was nach Mühe und Anstrengung ausschaut und unser angenehmes oder genussvolles Leben unterbricht, meiden wir lieber. Wir machen die Arbeit vorzugsweise dann, wenn sie Spaß macht oder uns einen begehrenswerten Lohn, persönliche Ehre oder Anerkennung bringt.
Die Mithilfe im Weinberg seines Vaters hätte ihm im Moment keinen besonderen Vorteil gebracht. Vermutlich war das der Grund, warum er keinen "Bock" darauf hatte, das zu tun, um was ihn der Vater gebeten hatte.

Es gereute ihn und er ging hin (V. 29)

Die Reue bewegte das erste Kind zur Umkehr. Wie kam es zu dieser Reue? Auch über diese Frage kann man nur spekulieren. Aber Jesus ließ diesen Punkt ganz bewusst offen, weil wir selbst wissen, wie viele unterschiedliche Gründe es geben kann, warum jemand eine Reue empfindet, die dann tatsächlich zur Umkehr führt. Es könnte z. B. ein schlechtes Gewissen gewesen sein. Dieses schlechte Gewissen ließ ihn nicht mehr in Ruhe und er dachte: "Besser ich erfüll jetzt meinen Auftrag, damit ich wieder meine Ruhe habe!"

Eine solche Haltung ist zwar nicht schlecht, aber sie ist alles andere als ideal. Man könnte sie als "gut" bezeichnen, aber diese Einstellung entspricht nicht dem "wohlgefälligen" und schon gar nicht dem "vollkommenen" Willen Gottes (Röm 12:2). Wahrscheinlich gibt es einige Christen, die arbeiten einfach deshalb im Reich Gottes, damit sie ihr schlechtes Gewissen beruhigen können. Vielleicht sagen sie sich sogar, dass Gott mit ihnen jetzt zufrieden sein müsse und sie dadurch sicher einen "Platz im Himmel" bekämen.

Die Reue kann aber auch dadurch entstanden sein, dass der Sohn wusste oder ahnte, wie traurig jetzt sein Vater sein würde, wenn er seinen Auftrag nicht ausführen würde. Einen traurigen Vater, der von seinem Sohn enttäuscht sein würde, wollte er nicht sehen und deshalb entschied er sich, die Bitte des Vaters zu erfüllen.
Hier handelt es sich um das Motiv eines harmoniebedürftigen Sohnes, der die Beziehung zu seinem Vater nicht trüben wollte. Bei einer solchen Intention wird deutlich, dass dem Sohn die Beziehung zum Vater wichtiger ist als sein momentanes Wohlbefinden. Eigentlich hatte er keine Lust auf eine Arbeit im Weinberg, aber eine gute Beziehung zum Vater hatte für ihn die größere Priorität als sein eigener Genuss. Weil ihm seine Beziehung zum Vater wichtiger war als seine persönlichen Bedürfnisse, könnte man sein Motiv als "wohlgefällig" bezeichnen.
Christen, die im Reich Gottes arbeiten, weil sie eine ungetrübte Beziehung zu Gott haben möchten, stellen ihre Beziehung zum Herrscher des Universums über ihre persönlichen Bedürfnisse. Sie haben erkannt, dass eine gute Beziehung zum "Größten" wichtiger als alles andere ist. Jeder Geschäftsmann und ganz besonders jeder Politiker weiß, dass gute Beziehungen das "A und O" sind, um erfolgreich zu sein.
Gute Beziehungen sind mehr wert als Reichtum oder Erfolg, und wer zum Allmächtigen eine "gute Beziehung" hat, ist in der sichersten und verheißungsvollsten Position. Eine gute Beziehung ist mehr wert als Genuss oder Selbstverwirklichung und jeder der die "gute Beziehung" zu Gott wichtiger erachtet als seine anderen Bedürfnisse, kann als "weise" und Gott wohlgefällig bezeichnet werden. Aber das vollkommene Motiv beinhaltet noch etwas mehr!

In seiner ersten Reaktion war der Sohn nicht bereit, den Auftrag seines Vaters zu tun, dann aber ging er in sich und er bereute sein Verhalten. Vielleicht dachte er: "Ich habe einen so lieben Papa, ich genieße es immer so sehr, wenn er mir abends eine Geschichte erzählt, wenn er mit mir spielt. Es ist jedes Mal so wunderbar, wenn er mich auf seinen Schoß nimmt und mir zeigt, wie sehr er mich liebt.
Seine Liebe zu mir ist das Beste, was ich je erlebt habe und besitzen darf. Ich liebe meinen Papa mehr als alles andere und weil ich ihn so liebe, will ich auch das tun, was er mir aufgetragen hat! Ich mache es aus Liebe zu meinem Papa! Das ist das vollkommene Motiv und das entspricht dem vollkommenen Willen Gottes.
Nachdem der Sohn aus Liebe zu seinem Vater in den Weinberg ging, wurde ihm vielleicht noch vieles neu bewusst! Er verstand, dass es ihm nur darum so gut geht, weil der Vater zuvor viel Zeit und Kraft in diesen Weinberg investierte. Nur durch das Werk seines Vaters darf er in einem schönen Haus mit Garten wohnen und viele wunderbare Dinge tun. Nur weil sein Vater zuvor im Weinberg hart arbeitete, wurde er täglich satt und durfte eine unbeschwerte Kindheit erleben.
Möglicherweise erkannte er, dass der Vater ihn jetzt in sein Werk einbeziehen wollte. Was für eine Ehre! Der Vater will mich am Ertrag und Gewinn seines Geschäftes teilhaben lassen und der Weinberg ist ja nicht einfach das Geschäft meines Vaters, sondern auch mein Erbe, das ich nur dann richtig in Empfang nehmen kann, wenn ich zuvor gelernt habe, wie man damit umgeht und was dabei zu tun ist. Aus Liebe zu mir will mein Vater mich in sein Werk integrieren und mich zu einem würdigen Nachfolger machen!
Das Schönste und Beste, was wir tun können, ist: Aus Liebe zum himmlischen Papa und mit Freuden das zu tun, was er uns zu tun heißt. Wenn wir erkennen dürfen, dass unser himmlischer Vater uns an seinem Liebeswerk teilhaben lässt und uns in sein "Heilsprojekt" miteinbezieht, dann können wir auch erfassen, welche Ehre er uns damit schenkt. Wenn wir Jesus Christus nur gehorchen, weil wir es müssen, dann fehlt uns noch etwas! Wenn ich ihm nur deshalb nachfolge, damit ich gerettet werde, habe ich den himmlischen Vater in seinem innersten Wesen noch nicht wirklich verstanden und erkannt. In der feurigen Liebe zu Jesus Christus liegen die größte Kraft und das wahre Vermögen, auch das zu tun, was er uns als Werk schenken möchte.
Erachten wir es als eine unbeschreibliche Ehre, wenn uns der himmlische Vater mit kleinen und großen Aufgaben beauftragt und uns so in sein universales Heilsprojekt mit einschliesst.
Nachdem er anfänglich nicht wollte, kostete es ihn vermutlich zuerst Überwindung, in den Weinberg zu gehen. Er hätte lieber etwas anderes gemacht, aber irgendetwas drängte ihn zu gehen und er stellte seine persönlichen Bedürfnisse zurück. Der Wille des Vaters hatte höhere Priorität als seine eigenen Wünsche. Das machte uns auch der Herr Jesus vor, als er betete:

  • "Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber! Doch nicht wie ich will, sondern wie du [willst]." (Mt 26:39b)

Meistens darf man dann auch die Erfahrung machen, dass die Arbeit gar nicht so schlimm ist, wie man anfänglich dachte, und man erlebt bei der Arbeit im Weinberg des himmlischen Vaters auch immer wieder eine besondere Freude, mit der man anfänglich gar nicht rechnete. Nach getaner Arbeit war der Sohn auf jeden Fall viel glücklicher und zufriedener, als wenn er sich den ganzen Tag geweigert hätte, den Auftrag des Vaters zu erfüllen! Ich bin fest überzeugt: Nach getaner Arbeit konnte er mit Freude und Frieden im Herzen ins Vaterhaus gehen. Die Erfüllung des väterlichen Auftrags war das Beste und letztlich auch das Schönste, was er tun konnte!
Die Zöllner und Huren waren – wie auch der verlorene Sohn – nicht gewillt, nach den Geboten Gottes zu leben. Sie wollten das tun, was ihnen Spaß machte. Die Geldliebe, der Betrug und der schnelle Sex schienen ihnen viel mehr Lebenserfüllung zu geben als die Ehrlichkeit, die Geduld und Enthaltsamkeit. Der Eigenwille und die Sünde hatten eine so große Anziehungskraft, dass sie davon überzeugt waren, mit der Sünde ein wesentlich schöneres Leben führen zu können als mit Warten und Verzichten!
Doch irgendwann fühlten sie eine innere Leere und sie mussten erfahren, wie ihr sogenannt genussreiches Leben zerbrach. Mitten im Scherbenhaufen ihres Lebens begegnet ihnen der Heilige Gottes, der absolut Sündlose, und sie machen die unglaubliche Erfahrung, dass dieser "Mann Gottes" sie trotz allem liebt und dass Jesus ihnen Wertschätzung gibt und sie annimmt. Sie erleben eine wunderbare Vergebung und sind von der Liebe Gottes so überwältigt, dass sie gar nicht mehr anders können, als Jesus Christus von ganzem Herzen zu lieben. In dieser Liebe ist es für sie das größte Herzensanliegen, den Liebeswillen des himmlischen Vaters zu tun.
Sie gehen mit übergroßer Dankbarkeit in den Weinberg Gottes und erledigen mit großer Freude den Auftrag des Vaters! Nach der Gnadenerfahrung Gottes ging Saulus von Tarsus mit größter Bereitwilligkeit in den "Weinberg Gottes", um das zu tun, was ihm der Vater aufgetragen hat. Die erkannte Liebe des Vaters bewirkte in ihm eine brennende Liebe zum Vater und die ist auch die beste Grundlage für den Dienst im Reich Gottes.
Nicht zuletzt deshalb fragte Jesus Petrus in seinem letzten Gespräch dreimal: "Liebst du mich" (Joh 21:15-17)? Anschließend beauftragte er ihn, sich um seine Schafe zu kümmern. Der Dienst im Reich Gottes kann nur dann gottgemäss getan werden, wenn wir Jesus über alles lieben!

Ich [gehe], Herr; und er ging nicht (V. 30)

Der zweite Sohn schien gewillt zu sein, den Auftrag seines Vaters zu tun; aber aus irgendeinem Grund machte er es dann doch nicht. Die Antwort, die der zweite Sohn dem Vater gibt, ist sehr interessant. Er bezeichnet seinen Vater als Herr! Das ist ja auch nicht falsch, denn in einer gewissen Weise ist der Vater auch ein Herr und Gebieter. Es gilt, den Anweisungen des Vaters zu gehorchen. Respekt und Gehorsam gegenüber dem Vater ist wichtig und richtig, aber wenn ein Kind im Vater nur den Gebieter sieht, dann wird es nicht in der Lage sein, den Auftrag im Sinne des Vaters zu tun, weil dem Kind die Liebe zum Vater fehlt!
Es gibt leider viele Kinder, die in ihrem Vater nur den strengen Gebieter sehen. Sie gehorchen ihm aus Zwang, aus einer Art Kadavergehorsam und wenn sie denken, dass der Vater sie nicht erwischt, dann machen sie nicht das, was der Vater sich von ihnen wünscht.
Die meisten Männer, die eine kriminelle Laufbahn hinter sich haben, hatten eine schlechte oder gar keine Beziehung zu ihrem Vater. Viele Menschen haben ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Vater, weil sie von ihm kaum Liebe erfahren haben, oder sie fühlten sich nur dann geliebt, wenn sie alle Erwartungen ihres Vaters erfüllen konnten. Vermutlich hat nur eine Minderheit der Menschen ein liebevolles Verhältnis zu ihrem Vater. Das ist mitunter auch ein Grund dafür, warum etliche Menschen mit einem Gott, der sich als Vater präsentiert, nicht so viel anfangen können.
Sowohl die Hohepriester und Ältesten des Volkes als auch die vorbildlichen Juden versuchten, die über 600 Gebote und Verbote der Thora möglichst gut einzuhalten. Dabei gaben sie den Geboten mehr Gewicht, von denen sie meinten, sie gut einhalten zu können. Bei ihnen verhielt es sich vermutlich ganz ähnlich wie bei den Schriftgelehrten und Pharisäern, denen das Verzehnten der Gartenkräuter (Mt 23:23), die Einhaltung des Sabbats sowie das Aufrechterhalten des äußeren Scheins, wesentlich wichtiger war als die Versorgung der Eltern, Witwen und Waisen. Ebenso vernachlässigte die fromme Elite Israels die Barmherzigkeit; ganz im Gegensatz zum römischen Hauptmann Kornelius (Apg 10). Durch die Verschiebung der Prioritäten innerhalb der Gebote Gottes empfanden sie sich – im Vergleich mit anderen Menschen – besser und waren davon überzeugt, den Willen Gottes einigermaßen gut ausgeführt zu haben. Wir kennen das Gebet des Pharisäers, der sagte:

  • "Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen der Menschen: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner." (Lk 18:11b)

Die Selbsteinschätzung der Hohepriester und Ältesten des Volkes war vermutlich nicht viel anders als bei den Pharisäern, sodass sie dachten: "Wir gehen auf dem Weg Gottes! Wir können und machen das! Wir sind von Gott berufen und unser moralisches Verhalten kann sich – im Gegensatz zu den Zöllnern und Huren – sehen lassen!"
Der äußere Schein war gerecht, aber im Herzen waren sie hochmütig, geldliebend, ehrsüchtig und unbarmherzig. Mit der Not eines Mannes, der unter die Räuber gefallen war, wollten sie sich lieber nicht beschäftigen (Lk 10:31-32). Ihre Dienste im Tempel – sprich; im religiösen Machtzentrum – waren natürlich viel wichtiger! Den Schriftgelehrten war die Not der Witwen nicht nur gleichgültig, nein; sie trugen noch dazu bei, dass diese immer größer wurde (Lk 20:47). Die Selbstgerechten waren stolz auf ihre Frömmigkeit und sie sahen nur sich selbst. Die Aussage "Ich Herr" (aus Vers 30) bringt das ein stückweit zum Ausdruck. Im Grundtext steht nicht "Ich gehe Herr", sondern nur "Ich, Herr". Aber was heißt das? Müsste man hier ein Fragezeichen nach dem Wort "Herr" setzen ("Ich, Herr?"), im Sinne von: "Meinst du mich, Herr?"? Das glaube ich nicht, weil der Textzusammenhang mehr dafürspricht, dass der zweite Sohn dem Vater eine Zusage macht, die er dann aber nicht hält. Die Übersetzung, "Ich gehe, Herr" dürfte wohl am ehesten dem Sinn der Gesamtaussage entsprechen. Durch den Umstand, dass das Wort "gehe" nicht im Grundtext steht, ist es jedoch möglich, in dieses "Ich Herr" auch noch andere erklärende Worte einzusetzen:

• Ich [kann das], Herr
• Ich [mach das], Herr
• Ich [will es tun], Herr

In diesen zwei Worten steckt also noch mehr drin. Man könnte sagen; das zweite Kind lässt es ein stückweit offen, was es wirklich machen wird, es wird noch nicht so konkret, aber es gibt den Anschein, das zu tun, was der "Herr" von ihm verlangt. Das zweite Kind legte sich aber noch nicht fest.
Es bringt vielleicht auch die Überzeugung zum Ausdruck: "Ich befinde mich (bereits) auf dem Weg, den du mir gewiesen hast!" Die Hohepriester und Ältesten des Volkes waren davon überzeugt, den Auftrag Gottes auszuführen und sich auf dem richtigen Weg zu befinden, da sie dies durch die Beachtung der Schrift, schon jahrzehntelang "geübt" haben; währenddem sich die Zöllner und Huren ganz offensichtlich auf dem falschen Weg befanden. Sie dachten: "Wir gehören zu der Elite Gottes, die sich auf dem richtigen Weg befindet!"
Wenn sie die ganze Schrift ernst genommen hätten, dann hätten sie erkannt, dass ihre Aufgabe auch darin besteht, priesterlich für das Volk einzustehen, so wie Mose das in 2Mo 32:11ff tat oder wie Daniel in Dan 9 betete. Es war auch ihre Aufgabe, auf Gott zu achten, indem sie über seine Worte nachdachten und der Stimme des HERRN die oberste Priorität gaben. Stattdessen suchten sie die Ehre bei Menschen, sie arrangierten sich mit König Herodes und den römischen Statthaltern, um so ihre Stellung zu sichern. Sie arbeiteten für ihre eigene Kasse und der "Weinberg Gottes" war ihnen mehr oder weniger egal.
Sie dachten, "ich mache das, Herr!", weil sie sich mit dem frommen Schein begnügten. Aber dass es ihnen an göttlicher Gerechtigkeit fehlte, haben sie nicht realisiert. Die Propheten Gottes waren ihnen lästig. Sowohl Johannes als auch Jesus deckten die Bosheit ihrer Herzen auf. Diejenigen, die sagen, "ich will das, Herr", aber dann doch nicht gehen, sind mit denen zu vergleichen, die in diesem Moment zwar motiviert sind, aber später, aus irgendeinem Grund, dann doch nicht gehen. Im Gleichnis vom Sämann, fällt der Same u. a. auch auf steinigen Boden, wo er sofort aufsprosste, dann aber verdorrte, weil er keine tiefe Erde hatte. Das ist ein Bild auf diejenigen, die das Wort Gottes mit Freuden aufnehmen; aber, weil sie keine Wurzel in sich haben und Menschen des Augenblicks sind, nehmen sie in Zeiten der Bedrängnis und Verfolgung Anstoß daran und fallen vom Glauben ab (Mt 13:20-21). Letztlich gehen diese auch nicht in den Weinberg Gottes!

Das erste Kind tat den Willen des Vaters (V. 31)

Jesus erzählte ein kurzes Gleichnis und stellt im Anschluss eine ganz einfache Frage, die jedes Kleinkind beantworten kann. Egal ob Freund oder Feind; die Antwort war "kinderleicht" und jeder kommt zum gleichen Schluss: "Das erste Kind tat den Willen des Vaters!" Jede Frage bei einem Abitur ist schwerer zu beantworten als diese.
Das absolut Geniale an der Frage Jesu war die Tatsache, dass er seinen hochintelligenten Feinden deutlich vor Augen führen konnte, dass sie sich in einer Sackgasse befanden. Wenn die Angesprochenen wirklich von ganzem Herzen nach der Wahrheit gesucht hätten, wäre ihnen jetzt klar geworden, dass sie sich auf dem "Holzweg" befinden. Sie hätten verstanden, dass sie bis dato nicht im Weinberg Gottes gearbeitet hatten. Sie hätten erkannt, dass sie stattdessen weiter in ihrem "Sandkasten" der Selbstverwirklichung gespielt haben. Sie wollten nicht im Weinberg Gottes arbeiten, sondern viel lieber weiter an den "Sandburgen" der eigenen Ehre arbeiten.
Ihre hohe Intelligenz ermöglichte es ihnen, die einfache Wahrheit Gottes erfolgreich zu verdrängen. Ihre eigene Schlauheit baute um ihr Herz einen Schutzwall gegen die ganz einfache Wahrheit Gottes. Die Elite des Volkes hat mit ihrer Antwort ihr eigenes Urteil gesprochen. Wer den Aufforderungen Gottes nicht Folge leistet, hat seine Qualifikation, ein Führer des Volkes zu sein, definitiv verloren.
David hat in seinem Gespräch mit dem Propheten Nathan auch sein eigenes Urteil gesprochen, aber im Gegensatz zu den Hohepriestern und den Ältesten tat er Buße und kehrte um. David hätte sein Königtum verloren, wäre er nicht umgekehrt. Innerhalb dieses Gespräches von Mt 21 bot Jesus den Ältesten die gleiche Möglichkeit an, wie sie Nathan dem David anbot. Doch sie machten von der Möglichkeit einer Buße und Umkehr keinen Gebrauch; ganz im Gegensatz zu den Zöllnern und Prostituierten.

Unglaube und Glaube (V. 32)

Das große Problem der Hohepriester, Ältesten, Pharisäer, Sadduzäer und Schriftgelehrten war nicht in erster Linie ihre mangelnde Kenntnis, sondern ihr Unglaube. Sie glaubten Johannes nicht, der die Menschen zur Buße aufrief, weil sie dachten, dass sie diese Buße gar nicht nötig hätten.
Ihre Einschätzung basierte auf einem Vergleich mit den übrigen Menschen und bei diesem Vergleich empfanden sie sich überdurchschnittlich gut. Genau dieses Vergleichen führt in die Sackgasse der Überheblichkeit, die zu Beginn sehr süß schmeckt, aber am Ende im Verderben endet. Wer aus dem Glauben und im Vertrauen auf Gott lebt, der schaut auf Gott und seinen Gesalbten. Dabei wird einem die eigene Unzulänglichkeit und Fehlerhaftigkeit immer mehr bewusst. Dieses Bewusstsein bewirkt zuerst einmal das Gefühl der Verlorenheit. Aber zum Glück schenkt uns der Blick auf den Gesalbten Gottes auch die Gewissheit der absoluten Vergebung und die Erkenntnis, vollständig aus der Gnade Gottes leben zu dürfen. Das wiederum erzeugt eine große Freude über die Liebe Gottes, die dann auch uns lieben lässt. Weil die Zöllner und Huren ihre Verlorenheit erkannten, wurden sie demütig und weil sie die bedingungslose Liebe Gottes erfahren durften, begannen sie auch Gott von ganzem Herzen zu lieben!

Die Arbeit im Weinberg Gottes

Die Arbeit im Weinberg Gottes war und ist der Auftrag Gottes. Dabei geht es vornehmlich darum, dass viele gute und genießbare Früchte für den Vater entstehen. Es soll zu einer reichen Ernte für den himmlischen Vater kommen. Es sollen Früchte seines Wohlgefallens entstehen, Früchte der Liebe, des Friedens und der Freude.
Damit diese Früchte entstehen dürfen, müssen die Triebe der Selbstgefälligkeit und des Hochmuts weggeschnitten werden. Es ist notwendig, die kleinen Füchse der egoistischen Schlauheit und der widergöttlichen Erkenntnis zu fangen, damit sie den Weinberg nicht verderben (Hl 2:15 / 2Kor 10:5). Wer sich in der Arbeit am Weinberg Gottes engagiert, der kümmert sich mit einer hingebenden Liebe um diesen Weinberg. Dabei kümmert er sich in Liebe um die Geschwister im HERRN; auch dann, wenn diese schwierig und voller Fehler sind! Dazu möge uns der Herr Jesus Gnade geben!


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