Segen und Fluch

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Abschrift des Heftes: Der Mensch unter dem Fluch
Julius Beck (1887-1962)

Aus der Reihe: Vätererbe Bd. III (1962)
Verlag Ernst Franz Metzingen, Württ.

Siehe weitere Abschriften
Inhaltsverzeichnis

Der Mensch unter dem Fluch

8. Segen und Fluch

Unter Segen ist zu verstehen der „natürliche“ Segen, der sich uns darbietet in den Früchten des Feldes, auch in unserer Gesundheit und im Gelingen all unseres Tuns. Darüber hinaus gibt es auch einen „geistlichen Segen in himmlischen Gütern“. Aller Segen ist zu begreifen als Gabe Gottes an uns, im Natürlichen wie im Geistigen. Im göttlichen Segen werden uns Kräfte der inneren Welt des Lichts vermittelt; es ist nicht abwegig, hier von paradiesischem Segen zu sprechen. Gott will den Strom des Lebens überall hin ausfließen lassen auf die Welt und ihre Kreaturen, insbesondere auf den Menschen.

Durch menschliches Sündigen aber wird dem göttlichen Segen gewehrt. Wohl segnet Gott auch sündige Menschen; wir müssten sonst alle segenslos dahingehen und wie in einer Hölle leben. Aber die Fülle des Segens wird durch menschliche Gegenwirkung unterbunden, so dass der Segen nur spärlich fließt. Wo die Sünde über ein gewisses Maß hinausgeht, tritt an die Stelle des Segens der Fluch.

Der Segen Gottes breitet sich aus durch sogenannte Mittelsubstanzen. So teilt sich der Welt Licht und Leben durch die Sonne mit; die Sonne ist demnach Organ des Segens. Ihr Einfluss auf die Erde und ihre Geschöpfe vermittelt paradiesische Lichtessubstanz, wodurch alle Kreatur belebt und veredelt wird.

Nach dem Schöpfungsbericht hat Gott die Erde verflucht – um der Sünde des Menschen willen! Der Vorgang des Fluchens geschah nicht nach der Art böser Menschen, die Fluchworte ausstoßen. Vielmehr ist das Fluchen Gottes eine Umkehrung seines Segnens; es werden die himmlischen Kräfte zurückgehalten; die Quelle des Segens fließt nicht mehr, sie ist verschlossen. Dafür breiten sich „Grimm und Zorn“ Gottes aus und herrschen über die verfluchten Wesen. „Dornen und Disteln“ sind eine Auswirkung des göttlichen Fluches auf die Erde. Statt paradiesischer Süßigkeit herrscht höllische Bitterkeit. Dies aber bedeutet Disharmonie, Streit, Unordnung und Durcheinander in den betroffenen Kreaturen. So auch im Menschen selbst, durch den diese Fluchswirkung verursacht ist. Tatsächlich zeigen sich diese Erscheinungen weithin in Natur und Kreatur; sie sind ein Zeichen von einer wirklichen Auswirkung des Fluches in der Schöpfung.

Die Geschöpfe werden durch ein solches Fluchen ärmer und elender. Zwar ist Gott nicht völlig aus ihnen „geflohen“, ebenso wenig das Paradies; Gott hat sich in seinen eigenen Grund zurückgezogen und fließt nicht mehr in Liebe aus. Er ist aber nach wie vor da – und auch bereit, wieder zu segnen, wenn die Voraussetzungen dazu gegeben sind. Dann „spricht“ Gott wieder zu seinen Geschöpfen – in Liebe und Segen!

Dieses Sprechen Gottes ist ein Bewegen seiner göttlichen Kräfte, nicht nur – wie beim Menschen – ein Hervorbringen von artikulierten Lauten. Wenn Jesus zum Jüngling von Nain spricht: „Ich sage dir, stehe auf!“, so bewegen sich in dem toten Jüngling alsbald die göttlichen Kräfte. Ebenso ist es eine Sprache Gottes, wenn die Erde uns allerlei Segen in Früchten darbringt, wenn die Witterung freundlich und günstig ist, wenn die Umstände und Verhältnisse lieblich und angenehm sind. Es könnte alles auch umgekehrt sein, und das wäre Fluch. Dann hätte Gott aufgehört zu sprechen; an seiner Stelle wirkte dann die den Fluch vermittelnde Macht, die Finsternis.

Das Wirken der Finsternis

Der persönliche Vertreter der Finsternis ist der Teufel, der „Diabolos“, der Durcheinanderwerfer und Verwirrer. Sein Wirken ist Zerstören; Gottes Wirken bedeutet Erhalten. So ist also der Teufel das Gegenstück zur Sonne. Diese ist Organ des göttlichen Segens; der Teufel ist Organ des Fluches. Darum ist ihm auch die Sonne zum Ärger und Verdruss; denn sie verdrängt allenthalben die Finsternis, die doch das Element des Teufels ist.

Der paradiesische Segen vermittelt nicht nur höhere Kräfte an die Natur; er erweckt auch in allem das edle und unvergängliche Wesen – im Gegensatz zur Finsternis, die allenthalben Tod und Verderben wirkt. Gedeihen und Verderben in der Natur sind also nicht nur mechanische Gegensätze, sondern organische Lebens- und Sterbensprozesse. An ihnen kann unmittelbar das Walten des Schöpfers erkannt werden. In besonders lieblicher Weise geschieht dies im Frühling, wenn alles Leben aus seinem Todesschlaf erweckt wird und es überall anfängt zu grünen und zu blühen. Der gewöhnliche Mensch sieht allerdings nur den physikalischen Ablauf der Dinge; soviel jemand eröffnete Augen besitzt, die wieder zu schauen vermögen, nimmt er – wie Paulus – das Steigen und Fallen der göttlichen Kräfte in der Natur wahr. Er sieht auch das segensreiche Sprechen Gottes und merkt den Fluch in den Unregelmäßigkeiten der Elemente. Denn beim Fluchen Gottes geraten diese in Unordnung und wirken gegeneinander. Erreichen diese Gegensätze einen besonders hohen Grad, so entstehen Naturkatastrophen in größerem Ausmaß.

Es ist zwar verwunderlich, aber verständlich, dass die Sünde der Menschen den Fluch Gottes auslöst. Der erste Mensch war vom Schöpfer zum König der Geschöpfe eingesetzt worden; durch ihn sollten die göttlichen Kraftausflüsse an alle lebenden Wesen vermittelt werden, wie dies naturhaft durch die Sonne geschieht. Durch den Widerspruch des Menschen gegenüber Gott zerbrach diese Mittlerstellung; Gott offenbarte sich nicht mehr im bisherigen Ausmaß im Menschen. Der Segen hörte auf zu fließen. Dabei ist es geblieben bis auf den heutigen Tag, wo wir „Menschen des Segens“ und „Menschen des Fluchs“ unterscheiden. Denn tatsächlich hängt Segen oder Fluch vom Verhalten des Menschen zu Gott ab. – Das Gegenstück zu Adam ist Jesus, der stets den Willen Gottes tat und dadurch zum Vermittler des göttlichen Segens in größtem Ausmaß wurde. Er hat die dem Menschen zugedachte Mittlerstellung gegenüber der Schöpfung bewahrt. Darum ruhte auf Ihm das Wohlgefallen Gottes, während die Fluchserwecker selbst auch den Fluch tragen müssen; sie haben im Grund sogar ihr Leben verwirkt.

Wie Fluch den Segen verschlingen kann

Dafür gibt die Frühlingsnatur ein besonders eindrückliches Beispiel. Im Blühen offenbart sich der Segen – des Paradieses, das sich auftut. Bald aber verschließt es sich wieder, wenn ungünstige Witterung die Blüten zerstört und Ungeziefer sie verdirbt. Tausende von Blüten fallen ab und kommen zu keiner Frucht. Dies sind nicht eben „natürliche“ Erscheinungen. In diesen Vorgängen zeigt sich die Auswirkung eines göttlichen, gerichtlichen Tuns; die Vernichtung der Blüten ist Auswirkung des göttlichen Zorns. Dieser wird ausgelöst durch den Ungehorsam, d. h. durch die Sünde des Menschen; es flieht die segensreiche Paradieseskraft in ihren Ursprung hinein und lässt die Natur in Schanden.

Die gütige Absicht Gottes, uns zu segnen, zeigt sich in der Überfülle der Blüten; auf der neuen Erde werden einst keine Blüten abfallen, weil dort der volle Segen fließt. Auch jetzt schon wäre Gott jeden Augenblick bereit, das Paradies oder wenigstens das 1000-jährige Reich hervorbrechen zu lassen, wie es sich bei den Wundertaten Jesu jeweils gezeigt hat. Aber die menschliche Sünde ruft dem Fluch. Die Menschen geben Gott nicht die Ehre als dem Schöpfer, der doch die Ursache alles Wachsens und Werdens ist. Lieber vergöttern sie die Natur, die doch von sich aus nichts vermag, und treiben mit ihr Götzendienst. Auch der Missbrauch mit den Gaben des Schöpfers zwingt Gott, zu strafen und zu rächen. Wohl darf sich das Reinelement des Paradieses auf kurze Zeit zeigen, damit sich der Mensch überzeugen kann, dass Gott da ist und segnen will. Wenn aber die Menschen nicht wert sind, die volle Kraftwirkung Gottes zu erfahren, zieht es sich wieder zurück – und der Fluch herrscht. So verschlingt der Fluch den Segen!

Der blinde Mensch begnügt sich leider mit der simplen Feststellung, dass eben ungünstige Witterung eingefallen sei. Er sieht die Unordnung in den Elementen weder als Auswirkung seines Verhaltens noch als Fluchserscheinung an. In Wirklichkeit ist der Acker verflucht, und dieser Fluch zeigt sich handgreiflich und sichtbar. Die Güte Gottes wollte eine Segensfülle austeilen; aber der Fluch lässt Unkraut statt Kraut, Disteln statt Früchte wachsen. Das ist Fluch der bösen Tat des Menschen!

Die Grundursache des Fluches

In Einzelfällen mag die Sünde dieser oder jener Menschen ein Grund für Unglück und Misswachs sein. Der Hauptgrund aber ist der Sündenfall des Menschen in Adam. Die Ursache liegt in seinem besonderen Verhältnis zur Natur, die ihm untergeordnet war. Als Ebenbild Gottes hatte er mittlerische Aufgaben: er sollte der äußeren Natur den Segen der inneren Welt, des Paradieses, vermitteln. Sein Ungehorsam brachte den Verlust dieser Mittlerstellung. Die göttliche Quelle floss nicht mehr in ihn ein und darum auch nicht mehr aus ihm aus. Die Natur – auch die menschliche Natur – verlor infolgedessen den durch Adam vermittelten himmlischen Einfluss, so wie Adam seine königliche und priesterliche Würde als Vermittler der göttlichen Kräfte verlor. So wurde der Sündenfall die Grundursache des Fluches.

Durch das Ausbleiben der göttlichen Lichts- und Lebenskräfte wurden noch weitere Folgen des Sündenfalles ausgelöst. Adam hatte bisher mit seinem magisch-geistlichen Vermögen die Kräfte Gottes in sich gezogen. Wegen seines Ungehorsams versagte sich ihm Gott. Diese Kräfte hätten aber die Natur erhöhen und verklären sollen. Darin trat nun das Gegenteil ein. Da Adam selbst verarmt war, fing er an, mit seiner magischen Kraft aus der unter ihm stehenden Natur Kräfte zu holen, um existieren zu können. Das machte die Kreatur arm und seufzend – und es ist bis heute so geblieben! Nur ins Bild Gottes wieder zurückgekehrte Menschen könnten den Umlauf der Kräfte göttlich regulieren. Jesus, der in der Funktion Adams vor dem Fall stand – und stehen geblieben ist, konnte der Natur solche paradiesischen Kräfte vermitteln und aus Wasser Wein, ebenso aus wenig Broten und Fischen viele Brote und Fische machen. Wie Er war, so sollen einst alle Menschen noch werden.

Der gefallene erste Mensch war nun der verlorene Sohn im Gleichnis geworden, der sich von den Trebern der äußeren Welt, im Grund von Erde, ernähren musste. Aus der göttlichen Fülle heraus war er in die größte Bedürftigkeit gesetzt worden. Die betrogene Natur und Kreatur aber fiel alsbald dem Fluch der Eitelkeit, d. h. dem Gesetz der Sünde und des Todes, anheim. Daher kommt ihr Bangen und Sehnen, ihr Jammern und Klagen – und ihr sehnliches Warten auf die Rückkehr des Menschen in das göttliche Ebenbild und in seine einstige Funktion des Mittlers zur Natur hin. Dann erst wird der Natur ihr volles Recht wieder werden, teilweise auch schon im 1000-jährigen Reich. Auf der neuen Erde aber wird der paradiesische Zustand, wie er vor dem Fall war, wieder eintreten: es wird ein immerwährendes Wachsen, Blühen und Fruchten in der ganzen Natur stattfinden; jeglicher Fluch wird ausgeschlossen sein.

Vorläufig aber liegt noch Fluch und Tod auf der Natur, doch nicht ohne Hoffnung. Hofft doch auch der Mensch auf eine Rückkehr in den vormaligen Stand des Priesters und Königs – auf dem Weg der Erlösung und Erneuerung in das Bild Gottes. Schon jetzt aber sollten einzelne Fromme in den Urzustand des Segensvermittlers eintreten. Dazu sind sie berufen – wie einst Abraham!

Segens- und Fluchsträger unter den Menschen

Eine der Aufgaben des ebenbildlichen Menschen war, Priester und König für die unter ihm stehende Natur zu sein. Dieses Amt eines Priesterkönigs vermochte er auszuüben kraft seiner Verbindung mit der Lebensquelle, die durch ihn in kraftmagischer Weise ausfloss auf Natur und Kreatur. Durch diesen Dienst des Menschen sollte die Kreatur erhöht und – in ihrer Art – verklärt werden.

Der Sündenfall, durch den das Ebenbild im Menschen zerstört wurde, machte auch seine priesterliche Funktion zunichte. Ja, er verkehrte sie in ihr Gegenteil! Statt auf die Kreatur höhere Kräfte ausfließen zu lassen, raubte nun der gefallene Mensch, der selbst verarmt war, der Natur und der Kreatur Kräfte, welche sie bisher durch seine Vermittlung bekommen hatten. Und so ist es bis heute geblieben. Was aber die Kreatur an Kräften ihm geben konnte, waren nur Treber, die mehr Tod als Leben erzeugten. Wahres Leben kann nur der Schöpfer selbst geben. Dieser Abfall des Menschen von Gott erweiterte und vertiefte sich bis auf den heutigen Tag.

Daher kommt es, dass gottlose Menschen, die nach dem Gesetz der Sünde leben, die Kreatur immer noch tiefer in den Fluch hineinstoßen. Denn durch ihre Sünden vertreiben sie Gott mit seinen Gaben und Kräften; Er versagt sich sowohl dem Menschen als auch der Kreatur unter ihm.

Aber auch das Gegenteil ist möglich! Es können gläubige Menschen der seufzenden Kreatur wieder Kräfte des Paradieses vermitteln – vermöge ihrer magisch wirkenden Glaubenskraft. Denn sie wandeln nach dem Willen und Gebot Gottes, werden dadurch selbst gesegnet – und können nun als Träger des göttlichen Segens Kräfte der inneren Welt auf andere Kreaturen ausfließen lassen, d. h. sie segnen.

Der Unglaube dagegen entzündet den Zorn Gottes und bringt dadurch den Fluch zum Herrschen; durch Missbrauch der Kreatur bringt er diese zum Klagen und zum Seufzen. Solche Menschen sind Kreaturverderber. Dagegen vermag der Glaube durch seinen Gehorsam gegen Gott die Kreatur vom Fluch zu entbinden; je mehr der Sündenfall beim einzelnen Menschen aufgehoben wird, desto mehr kehrt er wieder in die Funktion der Segensvermittlung des ebenbildlichen Menschen zurück. So segnet er etwa beim Essen die an sich verfluchte Kreatur und wehrt dem Fluch durch das Gebet.

Menschen aber, die aus aller göttlichen Ordnung gefallen sind, ziehen alles, was sie umgibt und mit dem sie zu tun haben, in die eigene – höllische – Unordnung hinein; so vermehrt und vertieft sich der Fluch. Kann doch die Kreatur sich nicht von selbst dem Einfluss des Menschen entziehen! Dadurch aber kommt die Kreatur ins Seufzen. In ihr seufzt die anerschaffene Sehnsucht nach Gott und nach Freiheit, die ihr durch Schuld des Menschen verloren ging. Solches Seufzen bedeutet eine Anklage gegen die Naturverderber, die doch Priester und nicht Mörder der Kreatur sein sollten. Sie sind dieser Leben und Freiheit schuldig; aber sie bannen sie durch ihr gottmissfälliges Betragen immer mehr in die Fesseln des Fluches und Zornes Gottes hinein.

Dagegen bedeutet es Beglückung und Freude für die unbewusste Kreatur, wenn sie von geistgesalbten Seelen wieder priesterlich bedient wird. Durch Gebet und Danksagung heiligen solche Menschen die Nahrung, die sie essen, und opfern so die Kreatur auf dem heiligen Altar ihres Leibes Gott auf, wodurch die Kreatur wieder näher zu Gott hinkommt. Solche gläubigen Beter vermögen mit ihrer magischen Kraft in den Urgrund und Ursprung des Lebens hineinzuwirken und so den Segen Gottes wieder fließend zu machen. Das ist Lichtsmagie, zu welcher der Mensch berufen ist. Solche Magie übte auch Jesus, der Sündlose, und brachte uns und aller Kreatur den Himmel und das Paradies wieder.

Doch gibt es Menschen, die nichts wissen von solcher Vollmacht und solchem Vorrecht priesterlicher Seelen.

„Das All ist das Sensorium Gottes“

Die Frage drängt sich auf, ob die unter dem Fluch liegende Kreatur eine Empfindung ihres Zustandes habe? Sie ist unbewusste Kreatur, aber sie ist nicht gefühllose Kreatur, da sie ja auch seufzen und sich sehnen kann. Der empfindsame und von der heimlichen Weisheit betreute Mensch kann ahnen, dass die unbewusste Natur – vielleicht bis hinab zum Stein – nicht ohne jedes Gefühl ist. Reißt man gewaltsam eine Pflanze aus dem Boden, so haben sowohl Pflanze als Boden eine Empfindung, vielleicht im Sinne eines Schmerzgefühls. Die Pflanze mag ein Spezialgefühl, die Erde ein Generalgefühl besitzen. Denn solches Ausreißen bedeutet Tod im engsten Sinn. – Wir aber sollen Achtung und Ehrfurcht vor dem Leben in der Natur haben; sie offenbart in ihrer Art die Herrlichkeit des Schöpfers, der doch die Lilien auf dem Felde herrlich kleidet. Wer die Natur um uns richtig, d. h. mit offenen Augen, betrachtet, kann an ihr bis zum Throne Gottes emporsteigen.

Eine besondere Frage ist, ob etwa die Pflanzen mit ihrer Empfindung auch den Zustand des Fluches und Verderbens fühlen, in welchen sie – durch Schuld des Menschen – mit der gesamten Schöpfung gefallen sind. Es ist anzunehmen, dass die Pflanze neben ihrer Existenz auch die Bedrückung ihrer Existenz fühlt; sie würde ja nicht seufzen, wenn sie diese Empfindung nicht besäße. Es ist Leben in ihr; und niemand kann sagen, wie hoch organisiert dieses Leben ist.

Schließlich hat auch der Schöpfer, von dem alles Leben stammt, ein Gefühl von allem, was in seiner Schöpfung sich ereignet. Er selbst empfindet und fühlt im Geschöpf dessen Zustand mit. Diese Tatsache lässt sich aussprechen, ohne dass man dadurch in den Geruch eines Pantheisten gerät. Das ewige Wort, das alles geschaffen hat, empfindet auch alles Verderben in seiner Schöpfung – und leidet darunter wohl mehr als die Schöpfung selbst. Gott lebt in seiner Schöpfung und steht gleichzeitig auch über seiner Schöpfung. Hier ahnt man die Allgegenwart Gottes.

Die Schöpfung ist ein Ausfluss aus dem Schöpfer. Da wir auch ein Stück Schöpfung sind, so schließen wir, dass auch uns Gott nahe ist und in uns fühlt; ja noch mehr, dass Er selbst das Element ist, in welchem und aus welchem wir leben. „In ihm leben und weben und sind wir!“ Damit sind wir ganz nahe an das Geheimnis unseres Lebens gelangt. Den eigentlichen Grund und Ursprung seines Lebens vermag aber kein Mensch zu ergründen, es sei denn, dass ihm dies geoffenbart wird. Wir stimmen dem Mystiker zu, welcher sagt:

„Merk, wie Gott in allem spiele
als verdeckt in stiller Hülle.
Gott in allem wächst und lebet
und sich reichet zu betasten.
Alles in Gott wächst und webet;
reichlich muss sein Glanz erglasten.“

Der Schöpfergott, in dem alles lebt und webt, kann sich aber seinem Geschöpf mehr oder weniger hingeben. Seine Hingabe ist Segen, sein Entzug ist Fluch. Beides hängt auch vom Verhalten des Menschen Ihm gegenüber ab. Im Fluchen zieht Er sich in seine heilige Sphäre und in sein innerstes Zentrum zurück. Dann empfindet die verlassene Kreatur Mangel und wird gedrückt vom Fluch; deshalb seufzt sie. Da in ihr offenbar auch ein Sehnen nach Freiheit vom Fluche vorhanden ist, schaut sie mit emporgerecktem Haupt aus nach dem Tag der Freiheit. Dieses Sehnen hat ihr der Schöpfer eingesenkt und gibt so der unbewussten Kreatur auch die Hoffnung auf einen Tag der Freiheit von der Last des Fluchs.

Dieser Tag wird kommen, wenn die Menschen als Erstlinge in den Genuss der Freiheit von Fluch und Tod gelangt sind. Um diesen Gedanken dreht sich alles Geschehen im Worte Gottes sowohl des Alten als des Neuen Testaments.

Es sind gerechte Seufzer, ja Anklagen, die von der Kreatur ausgestoßen werden. Denn sie wurde durch den Fall des Menschen, der ihr Haupt war, beraubt und geschändet und in einen wahren Sklavenzustand erniedrigt. Sündigende Menschen stoßen sie immer noch weiter hinab in den Abgrund des Fluchs und des Todes. Je begründeter jene Klage ist, umso größer ist die Schuld dieser Erd- und Naturverderber. Dass doch wenigstens die Kinder des Segens ihre Aufgabe erkennen und die arme Kreatur heiligen und segnen möchten! Denn dazu sind sie berufen. Stünden alle Menschen in demselben Verhältnis zu Gott, dem Schöpfer, in welchem Jesus stand, als Er auf Erden wandelte, dann wären sie voller Kraft und Leben und könnten mit ihrer magischen Lichteskraft in die sie umgebende Natur und Kreatur ausfließen. Dadurch würde allem Tod und Verderben, ja aller Unordnung und allem Übel gewehrt.

In dieser Weise wirkte Jesus als Menschensohn, und man hieß sein Tun wunderbar. Er wird im 1000-jährigen Reich in erhöhtem Maß so wirken, wodurch die ganze Schöpfung, in eine Art Paradieseszustand versetzt, sich ihrer Freiheit und Erlösung freuen wird. In der neuen Schöpfung aber darf alle Kreatur den vollen Reichtum des Lebens aus ihrem Schöpfer genießen. Dann ist ihr Seufzen zu einem Rühmen geworden; denn alles, was Odem hat, lobt sodann den Herrn.

Vorläufig müssen auch wir Menschen noch klagen und seufzen. Denn wir stecken selbst noch tief in Fall und Fluch. Unsere Klage ist aber nicht ohne Hoffnung auf eine herrliche Freiheit der Kinder Gottes. Dahin geht auch unser Fragen: „Hüter, ist die Nacht schier hin?“

Lies weiter:
Der göttliche Liebesplan (Vätererbe Bd. IV)