Geheimnisse in der Bibel

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Von Prof. Dr. Dieter Hermann

Unter einem Geheimnis versteht man etwas Verborgenes, Verschwiegenes, etwas, das den Menschen nicht ohne Weiteres zugänglich oder verständlich ist. In der Bibel kommt der hebräische Begriffe für Geheimnis, nämlich רז (raz), neunmal vor; alle Stellen befinden sich im Buch Daniel. Es gibt noch einen weiteren hebräischen Begriff mit ähnlicher Bedeutung, nämlich סוד (sod). Dies meint jedoch eher eine vertraute Mitteilung, nicht notwendigerweise ein Geheimnis. Das griechische Synonym μυστήριον (mysterion) kommt 27-mal vor, dreimal in den Evangelien, viermal in der Offenbarung und 20-mal in den Paulusbriefen. Allein im Kolosser- und Epheserbrief verwendet Paulus 10-mal den Begriff. Karl Geier und Adolf Heller haben diese beiden Briefe zurecht als Fülllebriefe bezeichnet, denn sie beschreiben in sehr komprimierter Form die Liebe Gottes zu seiner Gemeinde und der gesamten Schöpfung sowie die Hintergründe seines Handelns zur Rettung der Schöpfung. Die Konzentration der geoffenbarten Geheimnisse Gottes auf diese Briefe zeigt, dass das Thema in erster Linie für Gläubige von Bedeutung ist, die sich bereits intensiver mit biblischen Themen befasst haben.

Einführung

Wer etwas zu verbergen hat, hütet ein Geheimnis. Aber hat jeder, der ein Geheimnis hat, auch etwas zu verbergen? Der Begriff des Geheimnisses ist in der Alltagssprache oft negativ konnotiert. Geheimbünden wie den Illuminaten, der Mafia oder dem Ku-Klux-Klan werden verschwörerische, esoterische oder kriminelle Ziele unterstellt. Mit der Hilfe von Geheimnissen, die nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt sind, grenzen sie sich vom Rest der Welt ab, fördern auf diese Weise den inneren Zusammenhalt und erhöhen ihre Überlebenschance.

Auch in der Bibel ist von Geheimnissen die Rede, von Geheimnissen Gottes. In den Kommentaren zur Bibel ist wenig darüber zu lesen. Dies liegt möglicherweise an der Befürchtung, dass die christliche Gemeinde als Geheimbund etikettiert wird − eine Gruppe von Eingeweihten, die andere ausschließt. Dies ist nicht der Fall, denn Gott offenbart seine Geheimnisse. Dies erscheint auf den ersten Blick paradox, denn offenbarte, schriftlich dokumentierte und jedermann zugängliche Offenbarungen von Geheimnissen wie die Geheimnisse Gottes in der Bibel sind eigentlich keine Geheimnisse mehr. Gott tut nichts, es sei denn, dass er sein Geheimnis seinen Knechten, den Propheten, offenbart habe, so die Verheißung in Am 3:7. Die Knechte Gottes und seine Propheten gaben die Offenbarung weiter, sodass das Handeln Gottes transparent ist. Jeder kann sich informieren. Trotzdem bleiben die Geheimnisse Gottes geheimnisvoll, denn ohne den Geist Gottes ist ein Verständnis kaum möglich. Beispielsweise handeln viele Gleichnisse Jesu vom Geheimnis des Reiches Gottes. Die Jünger konnten sie verstehen, andere nicht (Mk 4:11). Sie haben Ohren und hören nicht … (Ps 115:6; Jer 5:21).

Die Geheimnisse Gottes sind kein Mittel der Exklusion, mit dem Nichteingeweihte ausgeschlossen werden; sie sind ein didaktisch elaboriertes Konzept der Informationsweitergabe. Gott offenbart Geheimnisse immer dann, wenn die heilsgeschichtliche Situation dies erfordert und dringend Antworten auf offene Fragen gesucht werden. In der Bibel werden Gottesgeheimnisse in erster Linie in Umbruchzeiten mitgeteilt: während der Babylonischen Gefangenschaft, während der Wirkungszeit Jesu und nach seiner Auferstehung. Über diese Geheimnisse kann sich jeder informieren und sie mit Hilfe des Geistes Gottes auch verstehen, sobald die relevante Epoche relevant wird.

Aufgaben der Gemeinde

Paulus schreibt, dass die Gemeinde ein Verwalter der Geheimnisse Gottes sein soll (1Kor 4:1). Diese Thematik war für Karl Geyer besonders wichtig. 1968 erschien im Paulus-Verlag ein Buch mit biblischen Betrachtungen und Gedichten von Karl Geyer, herausgegeben von Heinz Schuhmacher. Der Titel: „Verwalter der Geheimnisse Gottes“. Ein Verwalter beziehungsweise Haushalter, auf Griechisch οἰκονόμος (oikonomos) war in der Regel ein mit der Verwaltung aller Hausangelegenheiten und Aufsicht über die Dienerschaft beauftragter Knecht mit einer hohen Vertrauensstellung. Damit wird mittels eines Bildes eine Aufgabe der Gemeinde beschrieben. Um die Geheimnisse Gottes zu verwalten, muss man sie kennen und verstehen, wobei dies mit Konsequenzen verbunden ist: Durch die Beschäftigung mit den Geheimnissen Gottes wird die Gemeinde gefestigt, gestärkt und im Glauben gefestigt (Röm 16:25-26). Im Folgenden werden Inhalt und Zweck der Geheimnisse Gottes sowie ihre Offenbarung dargestellt.

Offenbarte Geheimnisse durch Daniel

Im achten Jahrhundert vor Christus wurde Israel, also das Nordreich, von Assyrien erobert. Insbesondere die Oberschicht wurde deportiert und ging in den Völkern des assyrischen Reiches auf − das war das Ende des Nordreiches. Das verbliebene Südreich Juda wurde von den Babyloniern erobert, die Bevölkerung wurde in mehreren Wellen deportiert, Jerusalem und der Tempel wurden zerstört. Das ehemalige Israel mit seinen 12 Stämmen gab es nicht mehr, ebenso wenig ein religiöses Zentrum. Die zentrale Frage für die Deportierten war, ob damit die Verheißungen Gottes für sein Volk ihre Gültigkeit verloren haben. Ist Jahwe noch der Gott Israels? Ist Israel noch das auserwählte Volk? Gott gibt ihnen eine Antwort auf ihre Fragen, indem er Daniel offenbarte, was Nebukadnezar geträumt hatte und wie der Traum zu interpretieren ist; den Wahrsagepriestern, Sterndeuter, Magier aus Babylon und den Chaldäern war dies nicht möglich (Dan 2:1-47). In diesem Kapitel kommt das Wort „Geheimnis“ achtmal vor. Der Begriff wird einerseits auf den Traum bezogen, der nur Nebukadnezar bekannt war, für die anderen war er ein Geheimnis, andererseits ist die Deutung des Traumes ein Geheimnis.

Im Traum sah Nebukadnezar ein Standbild, das aus unterschiedlichen Materialien bestand, das Haupt aus Gold, Brust und Arme waren aus Silber, Bauch und Lenden aus Bronze, Beine aus Eisen und Füße, teils aus Eisen, teils aus Ton. Mittels dieses Standbildes wird die Entwicklung von Weltreichen beschrieben, und das goldene Haupt wird mit dem Babylonischen Reich unter Nebukadnezar identifiziert. Keines der Nachfolgreiche wird jemals so prächtig sein wie das Reich von Nebukadnezar.

Für Daniel hatte die Traumdeutung die Konsequenz, dass er zum Obersten der Wahrsagepriester ernannt wurde und damit hatte er Einfluss auf ihre Ratschläge. Für Nebukadnezar führte der Traum und die Traumdeutung zu der Erkenntnis, „dass euer Gott der Gott der Götter und der Herr der Könige und ein Offenbarer der Geheimnisse ist“ (Dan 2:47).

Es ist naheliegend, dass der Auftrag Nebukadnezars, ein gigantisches Standbild aus Gold zu machen, das von jeder Person in seinem Reich angebetet werden musste, mit seinem Traum in Zusammenhang stand (Dan 3:1-7). Das Standbild war der Versuch, in einem Vielvölkerstaat und somit in einer multireligiösen Gesellschaft eine Einheitsreligion zu schaffen. Die Traumdeutung zeigte ihm doch, dass auch sein Reich vergänglich ist und letztlich, ebenso wie alle anderen weltlichen Reiche auch, durch einen Felsen zerstört werden wird. Religionen schaffen sozialen Zusammenhalt, also würde eine gemeinschaftliche Religion in seinem Reich die innere Verbundenheit stärken und könnte so den Zerfall seines Reiches verhindern. Diese Maßnahme war jedoch kontraproduktiv, sie führte zum Widerstand von Juden und zur Verurteilung von Sadrach, Mesach und Abednego (Dan 3:8-14). Der Vorwurf Nebukadnezars an sie war, dass sie seinen Göttern nicht gedient und sein Standbild nicht angebetet hätten (Dan 3:14) − ein Rückschritt in der Gotteserkenntnis Nebukadnezars. Sein Gottesbild wurde erst wieder durch die Verurteilung von Sadrach, Mesach und Abednego, die den Aufenthalt in einem Feuerofen unbeschadet überstanden haben, modifiziert. Die Verurteilten hat Nebukadnezar als „Knechte des höchsten Gottes“ bezeichnet (Dan 3:26). Später hat Nebukadnezar diese Interpretation jedoch noch einmal revidiert. In seinen Augen war in Daniel der „Geist der heiligen Götter“ (Dan 4:6). Das war wieder ein Rückschritt in der Gotteserkenntnis. Erst nachdem Nebukadnezar schwer erkrankte und wieder gesund wurde, hat er erkannt, dass der höchste Gott über das Königtum der Menschen herrscht und darüber bestellt, wen er will (Dan 5:21). Die Traumdeutung und damit die Offenbarung eines Geheimnisses Gottes war für Nebukadnezar ein Anstoß, sein Gottesbild zu überdenken und zumindest kurzzeitig den Gott Daniels als höchsten Gott anzuerkennen.

Die Frage nach der Bedeutung Jahwes in der antiken Götterwelt war nicht nur für Nebukadnezar, sondern auch für Israel von Bedeutung. War nicht der Untergang des Tempels ein Zeichen für die Überlegenheit der assyrisch-babylonischen Götter Assur und Marduk? Jedoch zeigte Nebukadnezars Traum vom Standbild sowohl Daniel als auch dem Volk Juda und Benjamin, dass Jahwe der Herr über die Geschichte ist und letztlich alle weltliche Herrschaft ein Ende haben wird, denn der Traum endet mit dem Bild von einem Stein, der das Standbild vollständig zerstört. Dies bedeutet, dass der „Gott des Himmels ein Königreich aufrichtet, das in Ewigkeit nicht zerstört und dessen Herrschaft keinem anderen Volk überlassen werden wird“ (Dan 2:44). Die Verheißung Gottes, mit Israel das Reich Gottes aufzurichten, ist trotz der Babylonischen Gefangenschaft immer noch gültig − dies war die Mut machende Botschaft für Israel. Aber der Traum zeigte auch, dass Geduld erforderlich ist, denn es sollten nach dem Babylonischen Reich noch etliche andere Großreiche kommen. Es ist wohl kein Zufall, dass gerade in der Babylonischen Gefangenschaft das monotheistische Gottesbild Israels erheblich an Bedeutung gewonnen hat, so beispielsweise die Aussagen in Jes 44:6-20.

Der Traum Nebukadnezars ist auch heute noch von Bedeutung. Wird aus neutestamentlicher Perspektive der die weltlichen Reiche zerstörende Stein als Christus interpretiert, beschreibt das Bild, wie das Reich Gottes kommen wird, nämlich schnell, unerwartet und weltumspannend, wie ein Dieb in der Nacht (1Thes 5:2).

Offenbarte Geheimnisse Gottes durch Jesus

Nach der alttestamentlichen Vorstellung herrscht im Reich Gottes Gott selbst als König, wobei diese Herrschaft „ewig“ dauern wird (2Mo 15:18). Der Prophet Samuel betonte zwar, dass Gott bereits König über Israel ist (1Sam 12:12; ebenso Jes 33:22 und Zeph 3:15), aber diese Herrschaft war für Israel und für andere Völker nicht unmittelbar erkennbar. Dies wird sich ändern, wenn Gott, der Herr der Heerscharen, als König auf dem Berg Zion und in Jerusalem herrschen wird (Jes 24:23). Dort wird das religiöse Zentrum der Erde sein, und Israel wird zum Lehrer der Völker. Gott wird König und Richter über die Völker sein. Diese werden zwar immer noch an ihre Götter glauben, aber viele werden kommen, um Gotteserkenntnis zu erlangen. Schwerter werden zu Pflugscharen und Speere zu Winzermessern umfunktioniert − ein Reich des Friedens (Jes 2:1-4; Mi 4:1-5), so die Verheißungen der Propheten.

In Jesu Verkündigungen war das Reich Gottes ein zentrales Thema; dies war sein Sendungsauftrag (Lk 4:43). Anknüpfend an die alttestamentliche Vorstellung von der Königsherrschaft Gottes verkündigt er, dass mit seiner Gegenwart das Reich Gottes nahegekommen ist (Mk 1:15). Jesus beschreibt das Reich Gottes durch Gleichnisse. Als er von seinen Jüngern nach der Interpretation eines Gleichnisses gefragt wurde, war seine Antwort:

  • „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen, den Übrigen aber in Gleichnissen, damit sie sehend nicht sehen und hörend nicht verstehen“ (Lk 8:10).

Die Gleichnisse vom Reich Gottes − im Matthäusevangelium wird es als „Reich der Himmel“ bezeichnet − sind somit geoffenbarte Geheimnisse. Diese Gleichnisse ergänzen die alttestamentliche Vorstellung vom Reich Gottes.

Einige Gleichnisse nutzen Bilder des Wachstums, so das Gleichnis von der Saat, die auf unterschiedliche Böden fällt (Mt 13:3-8 und 18-23), das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat (Mk 4:26-29), das Gleichnis vom Unkraut im Weizenfeld (Mt 13:24-30 und 36-43), das Gleichnis vom Senfkorn (Mt 13:31-32) und das Gleichnis vom Sauerteig (Mt 13:33-35). Aber dieses Wachstum erfolgt keineswegs störungsfrei. Ein Teil des Saatguts − das Wort Gottes − fällt auf den Weg, auf steinigen Boden und unter Dornen. Ein Feind des Sämanns sät Unkraut ins Weizenfeld. Aus einem kleinen Senfkorn wird ein großer Baum, der dann als Nistplatz für die Vögel des Himmels genutzt wird. Das Bild von nistenden Vögel ist heute mit der Vorstellung einer intakten Umwelt verbunden. In der Bibel ist das Symbol des Vogels keineswegs nur positiv. Im Gleichnis von der Saat, die auf unterschiedliche Böden fällt, sind es Vögel, die das Saatgut fressen. Im gefallenen Babylon sind Dämonen, unreine Geister und unreine und gehasste Vögel zu Hause (Offb 18:2). Auch das Gleichnis vom Sauerteig beschreibt keineswegs ein problemfreies Wachstum des Glaubens. Jesus warnt vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer und meint damit ihre Lehre (Mt 16:6 und Mt 16:12). Paulus verbindet mit dem Begriff die Unzucht in der Gemeinde in Korinth und fordert sie auf, den alten Sauerteig auszufegen ([1Kor 5.|1Kor 5:6-8]]). Die Botschaft hinter diesen Bildern ist, dass nicht nur das Reich Gottes wächst, sondern auch das Reich seines Feindes. Aber mit der Ernte endet die Parallelität im Wachstumsprozess.

Mehrere Gleichnisse benutzen das Bild der Ernte, um den Übergang in das Reich Gottes zu beschreiben − die Trennung von Unkraut und Weizen. Dies betrifft auch die Frage nach dem Zugang zum Reich Gottes. Wer kommt hinein, wer nicht? Dazu redet Jesus nicht nur in Gleichnissen. Die Armen im Geist, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten und Kinder sowie die Barmherzigen haben Zugang zum Reich Gottes (Mt 5:3 und Mt 5:10; Mt 19:14; Mt 25:31-46) − eine Aufzählung, die sicher nicht vollständig ist. Das Reich Gottes ist auch für nichtisraelitische Völker offen (Mt 8:11). Erschwert ist der Zugang für Reiche sowie für Schriftgelehrte und Pharisäer (Mt 19:23). Auch dabei dürften individuelle Unterschiede relevant werden. Zudem beziehen sich diese Kriterien in erster Linie auf Israel, nicht auf die Gemeinde. Ergänzt werden diese Ausführungen durch das Gleichnis vom Fischernetz (Mt 13:47-50). Nach dem Fang wird Gutes und Böses getrennt. Im Gleichnis von der königlichen Hochzeitsfeier wird deutlich, dass die ursprünglich Eingeladenen kein Interesse zeigten; sie waren nicht daran interessiert, ins Reich Gottes zu kommen und töteten sogar die einladenden Boten (Mt 22:1-14) − eine Kritik an den geistlichen Führern Israels.

In allen diesen Gleichnissen ist von Gericht, Trennung, Feuerofen, ewiger Pein, Weinen und Zähneknirschen die Rede. Dies hat möglicherweise zu der Vorstellung einer endgültigen Verdammnis geführt. Ein Beispiel ist der Reformator Calvin. Nach seiner Lehre von der doppelten Prädestination habe Gott bereits vor der Schöpfung unabänderlich festgelegt, wer gerettet und wer für immer verdammt wird. Ein Missverständnis. Gott will, dass alle gerettet werden (1Kor 15:22). Die Gleichnisse beschreiben ein Gericht Gottes, aber keineswegs eine nicht endende Verdammnis.

In drei weiteren Gleichnissen beschreibt Jesus weitere Aspekte des Reiches Gottes. Im Gleichnis von den zehn Jungfrauen wird die Wichtigkeit von Geduld betont, (Mt 25:1-13), das Gleichnis vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle zeigt, wie wichtig einem jeden Menschen das Reich Gottes sein sollte (Mt 13:44-46). Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg kann als Auseinandersetzung mit dem menschlichen Gerechtigkeitsbegriff verstanden werden (Mt 20:1-16). Alle Arbeiter erhalten den vereinbarten, jedoch nicht die gleiche Bezahlung pro geleisteter Arbeitsstunde. Dies zeigt, dass für Gott zu seinen Zusagen steht; sie sind wichtiger sind als menschliche Vorstellungen von Gerechtigkeit im Sinne von Gleichheit.

Mittels der Gleichnisse Jesu über das Reich Gottes korrigiert Jesus Vorstellungen über das Reich Gottes, insbesondere solche, die durch Pharisäer und Schriftgelehrten verbreitet wurden.

Offenbarte Geheimnisse Gottes durch Paulus

Die meisten Geheimnisse wurden durch Paulus geoffenbart. Der Tod Jesu und seine Auferstehung sowie seine Ablehnung durch große Teile Israels hatten erhebliche heilsgeschichtliche Konsequenzen, die bislang nur ansatzweise bekannt waren. Hier sollen folgende Geheimnisse näher betrachtet werden:

  • Das Geheimnis: Die Nationen sind auch Teil des Leibes Christi (Eph 3:1-12).
  • Das Geheimnis der Verstockung und Beiseitesetzung Israels (Röm 11:25-27).
  • Das Geheimnis des Evangeliums (Eph 6:17-19).
  • Das Geheimnis der Entrückung und der Verwandlung (1Kor 15:51-54).
  • Das Geheimnis der Bosheit und Gesetzlosigkeit (2Thes 2:1-15. Insbes. Vs. 7).
  • Das geheimnisvolle Bild von Mann und Frau als Beschreibung der Liebe Christi zu der Gemeinde (Eph 5:22-32; insbes. Vs. 32).
  • Das Geheimnis: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit (Kol 1:24-29).
  • Das Geheimnis der Weisheit Gottes (1Kor 2:6-10).
  • Das Geheimnis des Willens Gottes (Eph 1:9-11).
  • Das Geheimnis der Gottseligkeit (1Tim 3:16).

Die Gemeinde aus den Nationen und der Leib Christi

Ein Teil dieser Geheimnisse betrifft die Frage nach der Beziehung zwischen Gott, Israel und den Nationen − auch die Nationen sind Teil des Leibes Christi (Eph 3:1-12)):

  • „Deshalb ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch, die Nationen – wenn ihr nämlich gehört habt von der Verwaltung der Gnade Gottes, die mir in Bezug auf euch gegeben ist, dass mir durch Offenbarung das Geheimnis kundgetan worden ist – wie ich es zuvor in kurzem beschrieben habe, woran ihr beim Lesen mein Verständnis in dem Geheimnis des Christus wahrnehmen könnt –, das in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden ist, wie es jetzt offenbart worden ist seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geist, dass die aus den Nationen Miterben seien und Miteinverleibte und Mitteilhaber der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin nach der Gabe der Gnade Gottes, die mir gegeben ist nach der Wirksamkeit seiner Kraft. Mir, dem allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Nationen den unergründlichen Reichtum des Christus zu verkündigen und alle zu erleuchten, welches die Verwaltung des Geheimnisses sei, das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott, der alle Dinge geschaffen hat; damit jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Versammlung kundgetan werde die mannigfaltige Weisheit Gottes, nach dem ewigen Vorsatz, den er gefasst hat in Christus Jesus, unserem Herrn; in welchem wir die Freimütigkeit haben und den Zugang in Zuversicht durch den Glauben an ihn.“

In diesem Text kommt der Begriff des Geheimnisses mehrfach vor:

  • Paulus ist die Offenbarung das Geheimnis kundgetan worden (Vs. 3).
  • Die Korinther können sein Verständnis in das Geheimnis des Christus erkennen (Vs. 4).
  • Das Geheimnis war seit Äonen in Gott verborgen (Vs. 9).

Der Inhalt des Geheimnisses: „Die Nationen sind Miterben, Miteinverleibte und Mitteilhaber der Verheißung in Christus Jesus“ (Vs. 6). Dies war neu. Wenige Jahre zuvor betonte Jesus, dass er nur zu den verlorenen Schafen Israels gesandt sei (Mt 15:24). Den Jüngern befahl er, nicht zu den Nationen zu gehen, sondern zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel (Mt 10:5-6). Die Ausweitung der Heilskörperschaft war ein fundamentaler Schritt, der die religiöse Trennung zwischen Israel und den restlichen Völkern beseitigte. Paulus nennt auch einen Zweck: Den Fürstentümern und den Gewalten in himmlischen Welt soll durch die Gemeinde die mannigfaltige Weisheit Gottes bekannt gemacht werden (Eph 3:10). Das griechische Wort für Fürstentümer ist ἀρχή (arche); dies bedeutet auch Anfang. Mit Gewalten (ἐξουσία - exusia) sind machtvolle Obrigkeiten mit Befehlsgewalt gemeint. „Fürstentümern und den Gewalten“ sind also elitäre Geschöpfe Gottes in der Himmelswelt, die Anfänge seiner Schöpfung. Sie sollen lernen, dass Gott auch mit den Törichten und Schwachen dieser Welt sein Ziel erreicht (1Kor 1:27).

Die Verstockung und Beiseitesetzung Israels

Das Geheimnis von der Verstockung und Beiseitesetzung Israels beschreibt Paulus in Röm 11:25-27:

  • „Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist; und so wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: Aus Zion wird der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden.“

Dieses Geheimnis gibt eine Antwort auf die Frage, welche Konsequenzen die Ablehnung Jesu durch das ausgewählte Volk gehabt hat. Kurz vor seinem Tod kritisiert Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten in Jerusalem und konstatierte, dass „das Reich Gottes von euch weggenommen wird“ (Mt 21:43, vgl. Mt 23:23-39). Aber bereits beim Apostelkonzil macht Jakobus deutlich, dass sich Gott zwar den nichtisraelitischen Völkern zuwendet, aber danach zurückkehren wird, um die verfallene „Hütte Davids“ wieder aufzubauen“ (Apg 15:13-16). Israel ist zwar zum Teil verstockt, aber dies hat ein Ende, wenn die Gemeinde vollzählig ist. Dann wird der wiederkommende Christus die „Gottlosigkeiten von Jakob abwenden“ und ihre Sünden wegnehmen. Gott hält sich an seine Zusagen, seine Gaben und Zusagen sind unveränderlich. Diese Offenbarung dürfte insbesondere für Israel in der Drangsal der letzten Jahrwoche von Bedeutung sein. Für uns, die Gemeinde, klärt diese Offenbarung das Verhältnis zwischen der Gemeinde aus den Nationen und Israel. Es sollte eine hochmütige Haltung gegenüber Israel und falsche Interpretationen verhindern, beispielsweise, dass die Gemeinde jetzt die Stelle Israels eingenommen habe und die Verheißungen für Israel jetzt für die Gemeinde gelten würden. Israel bleibt, so das Bild des Paulus, der Stamm des Ölbaums, während die Gemeinde lediglich eingepfropft ist. Ganz anders ist das Bild in einigen gotischen Domen des Mittelalters. Neben der Figur der Synagoga steht Ecclesia. Synagoga sind die Augen verbunden, ihr Stab ist zerbrochen und ihre Krone ist verrutscht, während Ecclesia voll Mitleid auf die irre geleitete Schwester sieht. Die Behauptungen, Juden seien die Mörder des Messias und die Konsequenz, man müsse sie dafür bestrafen, umbringen oder vertreiben, hätten verhindert werden können, wenn man das von Paulus geoffenbarte Geheimnis über die Beziehung zwischen Israel und der Gemeinde erkannt hätte. Israel bleibt das von Gott geliebte Volk.

Geheimnis des Evangeliums

Paulus bittet die Epheserchristen, für ihn zu beten, damit er das Geheimnis des Evangeliums freimütig mitteilen könne und die rhetorische Fähigkeit dazu habe (Eph 6:17-19): „… um mit Freimütigkeit kundzutun das Geheimnis des Evangeliums.“ Dabei setzt er voraus, dass sie wissen, worin dieses Geheimnis besteht; an dieser Stelle des Epheserbriefes wird diese Frage nicht beantwortet. Jesus verkündigte, wie bereits erwähnt, das Evangelium vom Reich Gottes (Mt 4:23; Mt 9:35). Paulus hingegen predigte das Evangelium Christi (Röm 15:19; 2Kor 4:4; Gal 1:7-9). Das Evangelium Christi enthält im Vergleich zum Evangelium des Reiches neue Botschaften, insbesondere die Aussage, dass das Heil Gottes auch Menschen aus nichtisraelitischen Völkern gilt, aber auch die Zusage, dass man durch den Glauben an Christus vor Gott gerecht wird und nicht durch das Einhalten von Gesetzen, wobei nicht Gesetzlosigkeit proklamiert wird, sondern das Einhalten des Gesetzes Christ. Dieses lautet: „Einer trage des anderen Lasten“ (Gal 6:2).

Zwar wurde bereits Abram zugesagt, dass ihm der Glaube zur Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, gerechnet wurde (1Mo 15:6), und Habakuk durfte erfahren, dass Glaube und Gerechtigkeit in einem Zusammenhang stehen (Hab 2:4), aber dies geriet in Vergessenheit. Der Schwerpunkt wurde zunehmend auf die Einhaltung von Gesetzen gelegt, insbesondere in der Zeit nach dem babylonischen Exil und durch die Entstehung von Schriften über die Auslegung der biblischen Gesetze. Diese Verlagerung auf die Ebene des Gesetzes konnte sogar biblisch begründet werden, beispielsweise durch 3Mo 18:5:

  • „Und meine Satzungen und meine Rechte sollt ihr halten, durch die der Mensch, wenn er sie tut, leben wird. Ich bin der HERR.“

Verborgen blieb jedoch, dass der in dem Vers angesprochene Mensch letztlich Christus ist. So hat ihn Pilatus gesehen, als Jesus mit Dornenkrone und einem Purpurgewand vor ihm stand: „Siehe, der Mensch!“ (Joh 19:5) − und dieser Mensch hat das Gesetz erfüllt.

Insgesamt gesehen umfasst das Geheimnis des Evangeliums alle Veränderungen durch den Tod und die Auferstehung Christ. Durch die Offenbarung des Geheimnisses des Evangeliums soll die Gemeinde verstehen, welche Veränderungen der Tod Christi bewirkt hat.

Die Entrückung

Die Fragen der Menschen beschränken sich nicht auf die Erklärung von Ereignissen in der Vergangenheit − wozu und warum ist etwas geschehen, sondern auch auf Fragen zur Zukunft − was wird wann wie passieren? Diese Thematik behandelt das Geheimnis der Entrückung und der Verwandlung (1Kor 15:51-54):

  • „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden zwar nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, in einem Nu, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune; denn posaunen wird es, und die Toten werden auferweckt werden unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dieses Verwesliche muss Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen. Wenn aber dieses Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: Verschlungen ist der Tod in Sieg.“

Unmittelbar vor diesen Versen beschreibt Paulus die Ordnung der Auferstehungen (1Kor 15:20-26). Diese Ausführungen werden nun differenzierter dargestellt. Die Zeit der Gemeinde auf Erden endet in einem Augenblick. Dann werden die Toten in Christus auferstehen und die noch lebenden Gläubigen werden zusammen mit ihnen verwandelt. Dieser Übergang geht sehr schnell. Paulus verwendet dazu ein Wort, das nur einmal in der Bibel vorkommt: ἄτομος (atomos), meist mit Nu oder Augenblick übersetzt. Der Begriff „atomos“ wurde verwendet, um etwas zu beschreiben, das so klein ist, dass es nicht mehr geteilt werden kann. Der Zeitabschnitt der Entrückung ist so extrem kurz, dass eine Verkleinerung nicht mehr möglich ist. Paulus nennt auch einen Zeitpunkt, nämlich „bei der letzten Posaune“. Etliche Ausleger bringen dies mit den Posaunengerichten in der Offenbarung in Verbindung. Dies erscheint jedoch unwahrscheinlich, denn die Offenbarung des Johannes wurde erst Jahre später geschrieben. Die Korinther wussten nichts von Posaunengerichten, der Hinweis des Paulus wäre für sie unverständlich gewesen. Zudem würde dies bedeuten, dass die Gemeinde einen Teil der apokalyptischen Drangsal erleben würde. Dagegen gibt es etliche Argumente. Die Korinther kannten den Einsatz von Posaunen bei jüdischen Festen, zur akustischen Übermittlung von Befehlen in Kriegssituationen und als Mittel, um Menschen zusammenzurufen und den gemeinsamen Aufbruch einzuleiten. Einen Hinweis auf die Bedeutung dieses Begriffs liefert auch 1Thes 4:13-18. Dort beschreibt Paulus ebenfalls die Entrückung der Gemeinde und verwendet dabei den Begriff der „Posaune Gottes“, die Christus mitbringen wird − ein Signal zum Aufbruch. Auf jeden Fall beschreibt die Offenbarung dieses Geheimnisses den nächsten heilsgeschichtlichen Schritt für die Gemeinde. Darauf warten wir. Zudem zeigt das Geheimnis auch, dass dem Tod zunehmend die Macht genommen wird. Jesus hat zwar schon die Schlüssel des Todes und des Todesreiches, aber es sterben immer noch Menschen. Aber über die lebendig entrückten Gläubigen wird der Tod keine Macht haben. Sie kommen zu Christus, ohne vorher gestorben zu sein.

Das Geheimnis der Bosheit und Gesetzlosigkeit

Im zweiten Kapitel des zweiten Thessalonicherbriefes differenziert Paulus das Thema der Wiederkunft Christi. Im ersten Thessalonicherbrief schreibt er von der Auferstehung der in Christus Gestorbenen und von der Entrückung der gesamten Gemeinde. Die Gemeinde in Thessalonich wurde durch Falschmeldungen irritiert. In einem Brief, der scheinbar von Paulus stammt, wurde behaupte, dass der Tag des Herrn bereits begonnen habe (2Thes 2:2). Wäre dies zutreffend gewesen, wäre die Entrückung bereits geschehen. Paulus begründet die Falschheit dieser Aussage. Bevor der Tag des Herrn kommt und der „Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens“ geoffenbart wird, kommt es zu einem Abfall vom Glauben. Jetzt gibt es immer noch eine aufhaltende Kraft, und erst wenn diese nicht mehr vorhanden ist, kommt es zur Apokalypse (2Thes 2:3-6). In diesem Kontext schreibt Paulus vom Geheimnis der Gesetzlosigkeit:

  • „Denn schon ist das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirksam; nur ist jetzt der da, der zurückhält, bis er aus dem Weg ist, und dann wird der Gesetzlose offenbart werden, den der Herr Jesus verzehren wird durch den Hauch seines Mundes und vernichten wird durch die Erscheinung seiner Ankunft“ (2Thes 2:7-8).

Der Begriff „Gesetzlosigkeit“ ist die wörtliche Übersetzung des griechischen Begriffs ἀνομία (anomia): Nomos, das Gesetz, a-nomos, ohne Gesetz. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass es kein Gesetz mehr gibt, sondern ein Zustand, in dem die Menschen nicht mehr wissen, was richtig und falsch ist. Das ist keine Anarchie, sondern Orientierungslosigkeit. In 1Tim 4:1-3 beschreibt Paulus diesen Abfall vom Glauben und den damit verbundenen anomischen Zustand. Durch Lügenredner und betrügerische Geister wird ein Heiratsverbot proklamiert und eine Liste verbotener Speisen erstellt. Durch neue Normen im Mantel der Frömmigkeit wird versucht, die von Gott gegebene Freiheit für die Menschheit einzuschränken − und dies führt zu Anomie.

Paulus beruhigt die Gemeinde in Thessalonich. Der Tag des Herrn, diese Zeit des Gerichts, so Jes 13:6 und 9; Mal 3:23; 2Petr 3:9-12, hat noch nicht begonnen und die Wiederkunft Christi hat sich noch nicht ereignet. Aber es sind bereits Kräfte erkennbar, die diesem Ereignis vorangehen, nämlich eine Zunahme der Orientierungslosigkeit. Damit greift Paulus die Botschaft in den Himmelreichgleichnissen Jesu auf. Jesus verwendet, wie bereits erwähnt, Bilder vom Wachstum, um das Geheimnis des Himmelreichs zu beschreiben. Jedoch wächst nicht nur die gute Saat, sondern auch das Unkraut und folglich auch die Bosheit und Orientierungslosigkeit. Die Trennung von guter Frucht und Unkraut erfolgt mit der Ernte. Paulus differenziert dieses Bild. Anomische Zustände sind bereits jetzt erkennbar, sie entfalten jedoch ihre volle Wirksamkeit erst dann, wenn das Zurückhaltende aus dem Weg ist, also die Gemeinde entrückt ist. Dann wird der Gesetzlose, der Antichrist, durch Zeichen und Wunder die Menschheit verführen, bis der Herr Jesus ihn vernichten wird durch die Erscheinung seiner Ankunft (2Thes 2:8-11). Die „Erscheinung seiner Ankunft“ ist nicht die Entrückung. Paulus verwendet hier den Begriff ἐπιφανείᾳ τῆς παρουσίας (epiphaneia tis parusia). „Epiphaneia“ wurde verwendet, um eine sichtbare Erscheinung zu beschreiben, beispielsweise die Erscheinung von Göttern oder Manifestationen göttlicher Macht. Mit „parusia“ wurde die Gegenwart und Anwesenheit von Gottheiten und Herrschern beschrieben. Die „Erscheinung seiner Ankunft“ meint also die sichtbare Wiederkunft Christi und als Folge davon seine Anwesenheit. Die Entrückung hingegen ist kein sichtbares Ereignis. Die Gemeinde wird zu ihm hin entrückt, sie wird durch ihn von der Erde weggenommen. Dafür verwendet Paulus in 2Thes 2:1 den Begriff „parusia“ und beschreibt damit unser „Versammeltwerden zu ihm hin“.

Mit der Offenbarung des Geheimnisses der Gesetzlosigkeit soll die Reihenfolge von zukünftigen Ereignissen klargestellt werden. Es gab bereits zur Zeit des Paulus einen Trend zur Anomie − und es gibt ihn immer noch, bis die Gemeinde zu Christus versammelt wird. Dann wird der Gesetzlose geoffenbart, er beginnt seine Herrschaft und wird viele Anhänger finden. Danach erscheint Christus sichtbar für alle und richtet den Gesetzlosen. Im Bild der Gleichnisse Jesu würde dies bedeuten, dass vor der letzten Ernte eine Phase kommen wird, in der die gute Frucht gesichert wird und dann das Unkraut ungehindert wuchern kann, bis zur Ernte. Die Offenbarung dieses Geheimnisses ist zudem eine Aufforderung zur Wachsamkeit in Bezug auf Verfälschungen des Evangeliums. Außerdem soll die Gemeinde wissen, dass sie vor der Machtentfaltung des Menschen der Gesetzlosigkeit bereits entrückt ist.

Das Bild von Mann und Frau als Beschreibung der Liebe Christi zu der Gemeinde

Paulus beschreibt im fünften Kapitel des Epheserbriefes das Verhältnis zwischen Frau und Mann. Der Text wird oft missbraucht für die Rechtfertigung der Unterdrückung von Frauen. Er beschreibt jedoch in einem (irdisch-menschlichen) Bild die Beziehung zwischen Christus und der Gemeinde. In dem Bild ist Christus der Mann und die Gemeinde die Frau. Mit der Beschreibung dieser Beziehung offenbart Paulus ein Geheimnis Gottes:

  • „Deswegen wird ein Mensch den Vater und die Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dieses Geheimnis ist groß; ich sage es aber in Bezug auf Christus und auf die Versammlung“ (Eph 5:31-32).

Der Vers 31 ist ein Zitat aus 1Mo 2:24. In diesem Kapitel wird insbesondere die Erschaffung des Menschen beschrieben. Obwohl der Mensch im Bild Gottes geschaffen wurde und in einer paradiesischen Welt lebte, war er ein Wesen, das die Gemeinschaft benötigte. In einem weiteren Schöpfungsakt wurde „ischa“, die „Männin, geschaffen. Isch, der Mann, und ischa waren getrennte Wesen, und trotzdem bildeten sie eine Einheit. Dies trifft, so die Kernaussage im Epheserbrief, auch auf Christus und die Gemeinde zu. Christus ist das Haupt, die Gemeinde ist der Leib; beide bilden eine untrennbare Einheit, obwohl sie eigenständig sind. Die Beziehung zwischen beiden ist ein Liebesverhältnis: Christus liebt die Gemeinde − bis zur Selbsthingabe. Dies soll der Maßstab für das Verhältnis des Mannes zur Frau sein. In diesen Aussagen verwendet Paulus jedes Mal das Wort „agape“ für Liebe. Agape ist die göttliche Liebe, während „philia“ die freundschaftliche und „eros“ die körperliche Liebe ist. Somit kann man dieses geoffenbarte Geheimnis auf zwei Arten deuten. Einerseits soll es mittels eines Bildes deutlich machen, wie innig die Beziehung zwischen Christus und Gemeinde ist. Die Offenbarung des Geheimnisses hat zum Ziel, die Größe der Liebe Christi zur Gemeinde zu verdeutlichen. Die Gemeinde soll erkennen, wie groß die Liebe Christi zu ihr ist, damit sie „heilig und untadelig“ sei. Andererseits könnte man den Text auch emanzipatorisch interpretieren. Paulus stellt die damals gültige Hierarchie zwischen Frau und Mann nicht in Frage, aber knüpft sie an die nicht erfüllbare Bedingung, dass Männer ihre Frauen in gleicher Weise lieben sollen wie Christus die Gemeinde. Daraus können Konsequenzen abgeleitet werden. Wenn Männer nicht in der Lage sind, ihre Frauen so zu lieben wie Christus die Gemeinde liebt, wäre es auch nicht gerechtfertigt, dass Männer auf der Unterordnung der Frauen bestehen − eine Kritik am Patriarchat. Die beiden Interpretationen schließen sich nicht aus, und beide sind geoffenbarte Geheimnisse Gottes.

Christus in uns, die Hoffnung der Herrlichkeit

Im Kolosserbrief beschreibt Paulus ein weiteres Geheimnis: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit (Kol 1:26-28):

  • „Das Geheimnis, das von den Zeitaltern und von den Geschlechtern her verborgen war, jetzt aber seinen Heiligen offenbart worden ist, denen Gott kundtun wollte, welches der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses ist unter den Nationen, das ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit; den wir verkündigen, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen lehren in aller Weisheit, damit wir jeden Menschen vollkommen in Christus darstellen;“

Dieses Geheimnis war seit der Schöpfung verborgen, und die Offenbarung dieses Geheimnisses trug dazu bei, um das Wort Gottes auf das Vollmaß zu bringen, so die Aussage in Kol 1:25. Dieses Geheimnis umfasst zwei Aspekte. Erstens ist Christus bereits jetzt in uns und zweitens ist damit die zuversichtliche Erwartung verbunden, einmal an der Herrlichkeit Gottes und an seiner Erhabenheit teilzuhaben. Mit der Offenbarung dieses Geheimnisses wird die Gemeinde eingeweiht in den Plan Gottes. Letztlich soll jeder Mensch vollkommen in Christus dargestellt werden. Das griechische Wort für „vollkommen“ ist „τέλειος“ (teleios). Das Substantiv τέλος (telos) bedeutet „Ziel“. Das Ziel Gottes für alle Menschen ist also, dass sie in Christus „dargestellt“ werden, und zwar vollkommen. Menge übersetzt diese Stelle mit „um einem jeden zur Vollkommenheit in Christus zu verhelfen.“ Bemerkenswert ist, dass sich Paulus hier auf jeden (!) Menschen bezieht, also nicht nur auf die Gemeinde. Jeder Mensch soll in Christus vollkommen sein. Ein Schritt, um dieses Ziel zu erreichen, ist, dass Christus bereits jetzt in uns ist. Damit sollte ein Wachstumsprozess beginnen, mit dem Ziel, die Fülle von Christus zu erreichen; erst dann sind wir erwachsen, erst dann haben wir den Sohn Gottes vollständig erkannt (Eph 4:11-13). Dies bedeutet auch, dass unser heutiges Bild von Christus noch unvollständig ist. Besonders deutlich wird dies in den Streitpunkten zwischen den christlichen Kirchen. War Christus ein von Gott geschaffenes Wesen, das von Gott adoptiert wurde, oder war er von Gott gezeugt, so der Streit zwischen Trinitariern und Arianern in der jungen Christenheit. War er wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt und nicht geschaffen, wesensgleich mit dem Vater, wie es im Nicäischen Glaubensbekenntnis formuliert ist? War Jesus der als Mensch verkleidete Gott oder war er Mensch mit göttlichem Ursprung? War er Gottes leiblicher Sohn oder "nur" einer seiner Propheten, wie dies im Islam vertreten wird? Hier hilft nur die Prüfung solcher Aussagen anhand der Bibel.

Das Geheimnis der Weisheit Gottes

Den Christen in Korinth schreibt Paulus vom Geheimnis der Weisheit Gottes (1Kor 2:6-10):

  • „Wir reden aber Weisheit unter den Vollkommenen, nicht aber Weisheit dieses Zeitlaufs noch der Fürsten dieses Zeitlaufs, die zunichtegemacht werden, sondern wir reden Gottes Weisheit in einem Geheimnis, die verborgene, die Gott vor den Zeitaltern zu unserer Herrlichkeit zuvor bestimmt hat; die keiner von den Fürsten dieses Zeitlaufs erkannt hat (denn wenn sie sie erkannt hätten, so würden sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben), sondern wie geschrieben steht: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz aufgekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben“; uns aber hat Gott es offenbart durch seinen Geist, denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes.“

In der griechischen Antike war die Erlangung von Weisheit ein wichtiges Ziel. Die weltliche Weisheit unterscheidet sich jedoch fundamental von der Weisheit Gottes. Diese Art der Weisheit war bislang unbekannt, insbesondere den Fürsten dieses Zeitalters. Im griechischen Text wird für „Fürst“ der Begriff ἄρχων (archon) verwendet. Das gleiche Wort steht in Joh 12:31, Joh 14:30 und Joh 16:11. Dort ist vom Fürsten dieser Welt die Rede, gemeint ist der Satan. Die Fürsten dieses Zeitalters, denen die Weisheit Gottes verborgen ist, sind demnach inner- und außerweltliche Machthaber, die sich von Gott abgewendet haben. Sie wussten nicht, dass Gott negative Absichten nutzen kann, um Positives zu bewirken. Deutlich wird dies bereits in der Geschichte von Joseph und seinen Brüdern. Sie hatten böse Absichten, indem sie Joseph in eine trockene Zisterne warfen und ihn als Sklaven an vorbeiziehende ismaelitische Händler verkauften, deren Karawane auf dem Weg nach Ägypten war. Bei einem späteren Treffen zwischen den Brüdern zieht Joseph Bilanz: „Ihr zwar hattet Böses gegen mich im Sinn; Gott aber hatte im Sinn, es gut zu machen (1Mo 50:20). Gott verwandelt Fluch in Segen (Neh 13:2); er benutzt das Negative, um Positives zu schaffen. So hat er die bösen Absichten, die hinter dem Tod Jesu standen, genutzt, um die gesamte Schuld und Sünde aller Geschöpfe zu tilgen und so seine Schöpfung zu retten. Diese großartige Erkenntnis, die Paulus den Korinthern mitteilt, ergänzt Paulus fast beiläufig durch eine kleine, aber ebenso wunderbare Aussage. Diesen Plan hat Gott bereits vor den Zeitaltern entwickelt − zu unserer Herrlichkeit (1Kor 2:7). Für die Jünger und für viele andere Menschen ist die Frage, weshalb Jesus sterben musste und weshalb er alles Böse nicht einfach vernichtet hat, eine zentrale Frage. Die Offenbarung dieses Geheimnisses gibt eine Antwort; selbst das Böse hat in Gottes Plan eine Funktion.

Geheimnis des Willens Gottes

Während die oben beschriebenen Geheimnisse in erster Linie die Gemeinde betriffen, beschreibt das Geheimnis des Willens Gottes seinen Plan mit der gesamten Schöpfung (Eph 1:9-11):

  • „Er hat uns kundgetan das Geheimnis seines Willens, nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorgesetzt hat in sich selbst für die Verwaltung der Fülle der Zeiten: alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist, in ihm, in dem wir auch ein Erbteil erlangt haben, die wir zuvor bestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Rat seines Willens.“

Der Inhalt dieses Geheimnisses ist die grandiose Feststellung, dass Gott beschlossen hat, einmal alles im Himmel und auf der Erde in Christus zu vereinen, wobei Christus das Haupt ist. Dies ist der Wille Gottes. Diese Aussage übertrifft sogar die Feststellung in 1Tim 2:4:

  • „Gott will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“

Gottes Wille beschränkt sich nicht auf die Rettung der Menschheit, sondern auf seine gesamte inner- und außerweltliche Schöpfung. Paulus beschreibt die Umsetzung dieses Plans, wobei die Elberfelder Bibel dies mit „Verwaltung der Fülle der Zeiten“ übersetzt, im Griechischen „οἰκονομίαν τοῦ πληρώματος τῶν καιρῶν“ (oikonomian tou pleromatos ton kairon). Die Bedeutung des Begriffs der „Verwaltung“ kann auch mit Ökonomie und Haushaltung umschrieben werden. Gemeint ist ein Plan, nach dem ein Vorhaben durchgeführt wird. Das Wort „Fülle“ steht für Vollmaß; der Begriff wird verwendet, wenn etwas zum Abschluss gebracht wird. Das griechische Wort für „Zeiten“ meint Zeitpunkte, also nicht die kontinuierlich dahinfließende Zeit. Hier wird ein Bild beschrieben, dass Gott einen Heilsplan mit festgesetzten Zeitpunkten hat. Jedes Mal, wenn ein Zeitpunkt erreicht ist, erfolgt der nächste Schritt, wobei hier der Blick ans Ende geht, wenn dieser Plan erfüllt ist.

Im weiteren Text des Epheserbriefes beschreibt Paulus, welche Rolle die Gemeinde einnimmt (Eph 1:20-23). Die Gemeinde ist der Leib Christi, Christus ist das Haupt. Somit ist Christus und die Gemeinde eine Einheit, und mit der Gemeinde ist Christus zur Fülle gebracht. Der zur Fülle gebrachte Christus erfüllt schließlich alles in allem. An anderer Stelle wird dies etwas anders ausgedrückt: „Gott wird sein alles in allem“ (1Kor 15:28). Wer dieses Geheimnis verstanden hat, dürfte kaum in der Lage sein, von immerwährender Verdammnis zu reden. Mit der Offenbarung dieses Geheimnisses wird die Gemeinde über Gottes Willen mit der Schöpfung eingeweiht. Dies ist nicht nur eine intellektuelle Erkenntnis, sie hat Konsequenzen für die Gestaltung des Lebens. Paulus bittet für die Gemeinde in Kolossä, dass sie erfüllt werden soll von der Erkenntnis des Willens Gottes, um einen würdigen und fruchtbringenden Lebenswandel zu praktizieren.

Das Geheimnis der Gottseligkeit

Paulus teilt Timotheus das Geheimnis der Gottseligkeit mit. Es ist in einem Satz komprimiert zusammengefasst (1Tim 3:16):

  • „Und anerkannt groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit: Er, der offenbart worden ist im Fleisch, ist gerechtfertigt im Geist, gesehen von den Engeln, gepredigt unter den Nationen, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit.“

Das griechische Wort für Gottseligkeit ist εὐσέβεια (eusebeia). Damit wird einerseits das ehrfürchtige Bewusstsein von der Heiligkeit und Allmacht Gottes beschrieben, also eine Haltung gegenüber Gott. Andererseits kann sich „eusebeia“ auf Gott selbst beziehen − Gott ist selig. Paulus nennt mehrere Gründe: Erstens, der Sohn Gottes wurde Mensch, er wurde im Fleisch offenbart; zweitens, er wurde als Mensch gerechtfertigt im Geist; drittens, er wurde von den Engeln gesehen; viertens, man hat sein Wort unter den Nationen gepredigt; fünftens, man hat ihm geglaubt und sechstens, er wurde aufgenommen in Herrlichkeit. Bei dieser Auflistung benutzt Paulus drei Gegensatzpaare, (1) Fleisch und Geist, (2) Engel und Nationen, (3) Welt und Herrlichkeit, um damit die umfassende Bedeutung der Menschwerdung, des Todes und der Auferstehung Jesu Christi auszudrücken.

  1. Fleisch und Geist sind Gegensätze, die jedoch für Gott nicht unüberwindbar sind. Dem Menschen war es unmöglich, die Forderungen des Gesetzes zu erfüllen. Der fleischliche Mensch kann aus eigener Kraft nicht mit Gottes Geist erfüllt werden. Gott wählt den umgekehrten Weg − aus Geist wird Fleisch. Gott sandte seinen Sohn, und das Wort wurde Fleisch (Röm 8:3; Joh 1:14). Der Sohn Gottes war Gott und wurde Mensch, ohne jedoch Anteil an seiner Sündennatur zu haben (Phil 2:6-7). Er wurde zur Sünde gemacht und sein Tod ist die Sühnung für die Sünden des gesamten Kosmos (2Kor 5:21; 1Jo 2:2). Sein Leben war Gott wohlgefällig (Kol 1:19) und damit wurde er als Mensch im Geist gerechtfertigt. Zudem ist durch die Auferstehung erwiesen, dass Jesus der Sohn Gottes war, denn Leben aus den Toten kann nur Gott ermöglichen. Mit der Auferstehung ist die Behauptung gerechtfertigt, dass Jesus der Sohn Gottes war (Röm 1:4).
  2. Bei dem zweiten Gegensatzpaar geht es um die Verkündigung. Die Adressaten sind Engel und die Nationen, also himmlische und irdische Geschöpfe. Er wurde gesehen von Engeln − bei seiner Geburt, während der Versuchung in der Wüste, in Gethsemane, bei der Auferstehung, bei der Himmelfahrt. Auch nach der Himmelfahrt könnten Begegnungen mit Engeln stattgefunden haben, wenn er „in die unteren Teile der Erde“ hinabgestiegen ist sowie „hinaufgestiegen über alle Himmel“ (Eph 4:9-10). Auch die Engelwelt soll einen Einblick in den Heilsplan Gottes bekommen, und diese Ereignisse dürften dazu beigetragen haben (1Petr 1:12; Eph 3:10). Zudem wurde das Evangelium Christi unter den Nationen gepredigt. Auch die nichtisraelitischen Völker sollen einen Einblick bekommen in den Heilsplan Gottes und seine Liebe zu seinen Geschöpfen erkennen, eine Aufgabe, die insbesondere Paulus zu erfüllen hatte (Röm 15:15-18; 1Tim 2:7).
  3. Auch das dritte Gegensatzpaar bezieht sich auf inner- und außerweltliche Dinge, wobei die Folgen der Verkündigungen im Vordergrund stehen. Die Predigt unter den Nationen führte zum Entstehen von christlichen Gemeinden und somit auch zum Glauben an Christus. Ein Beispiel dafür ist die Gemeinde in Kolossä, ihr Glaube an Jesus Christus war offensichtlich (Kol 1:4). Jesus Christus wurde aufgenommen in Herrlichkeit; dies wird durch mehrere Bibelstellen belegt: Kurz vor seinem Tod sieht Stephanus den Auferstandenen zur Rechten Gottes stehen (Apg 7:55). Der Schreiber des Hebräerbriefs beschreibt die Vollendung des Sohnes Gottes und seine Begrüßung durch Gott (Hebr 5:9-10). Paulus beschreibt diese Herrlichkeit durch die Machtfülle, die der Auferstandene von Gott erhalten hat (Eph 1:20-23).

Die sechs Gründe für die Gottseligkeit Gottes beschreiben auch die Abfolge von Ereignissen, angefangen von der Offenbarung im Fleisch bis zur Aufnahme in die Herrlichkeit Gottes. Hinter dieser nüchternen Aufzählung verbirgt sich ein zentraler Teil des Heilsplans Gottes. Jeder dieser sechs Schritte ist mit der „Seligkeit“ Gottes verbunden, denn dadurch wurde die Rettung der gesamten Schöpfung ermöglicht. Die Offenbarung des Geheimnisses der Gottseligkeit zeigt letztlich das Wesen Gottes, nämlich seine umfassende Liebe zu seiner Schöpfung. Gott ist selig, weil seine Schöpfung gerettet ist.

Offenbarte Geheimnisse Gottes durch Johannes

In der Offenbarung kommt der Begriff des Geheimnisses, also μυστήριον (mysterion), viel seltener vor als in den Paulus-Briefen. An dieser Verteilung erkennt man den Schwerpunkt; die Offenbarung von Geheimnissen wurde insbesondere Paulus anvertraut, wobei seine Botschaft in erster Linie an die Gemeinde aus den Nationen gerichtet ist, sie ist somit auch hier und heute von Bedeutung. Die offenbarten Geheimnisse in der Offenbarung hingegen beziehen sich meist auf den Tag des Herrn. Johannes beschreibt seinen gedanklichen Ausgangspunkt durch die Worte „Ich war an des Herrn Tag im Geist“ (Offb 1:10). Manche Ausleger verstehen unter dem „Tag des Herrn“ den Sonntag. Dagegen spricht, dass die rechtliche Sonderstellung des Sonntags erst im vierten Jahrhundert nach Christus erfolgte. Plausibler ist, dass Johannes den in der Bibel gängigen Begriff des Tages des Herrn verwendet hat. In allen Schriften der Bibel wird damit ein globales Gericht Gottes bezeichnet (z.B. Jes 13:6 und 9; Hes 30:3; Joe 1:15; Joe 2:1 und 11; Am 5:18 und 20; Mal 3:23; Apg 2:20). Demnach beschreibt Johannes Ereignisse, die sich kurz vor, während und nach diesem Gerichtstag ereignen werden.

Johannes sieht ein Bild mit dem erhöhten Christus, der sieben Sterne in seiner rechten Hand hält und von sieben goldenen Leuchtern umrahmt wird. Dieses geheimnisvolle Bild wird von Johannes erklärt:

  • „Das Geheimnis der sieben Sterne, die du in meiner Rechten gesehen hast, und die sieben goldenen Leuchter: Die sieben Sterne sind Engel der sieben Versammlungen, und die sieben Leuchter sind sieben Versammlungen“ (Offb 1:20).

Es gibt eine Vielzahl von Interpretationen zu diesem Bild, ebenso zu anderen Bildern, die Johannes verwendet. Die Bedeutung dürfte jedoch für die Personen, die am Tag des Herrn leben, deutlich werden. Auf jeden Fall sagt dieses Bild, dass die verschiedenen Gemeinden durch goldene Leuchter repräsentiert werden und bereits bei Christus sind. Das Bild von den Leuchtern beschreibt den Wert und die Funktion der Gemeinden: Gold war das wertvollste Metall und ein Leuchter soll Licht in die Dunkelheit bringen.

In den ersten drei Kapiteln der Offenbarung werden die Sendschreiben an die sieben Gemeinden aufgeführt. Im Text folgt dann eine Zäsur. Johannes verwendet dazu die Worte „Nach diesem sah ich…“. Zudem hörte er eine Stimme, die ihm sagte, was „nach diesem geschehen muss“ (Offb 4:1). Danach folgt eine differenzierte Beschreibung von Gerichten. Diese Zäsur kann man so verstehen, dass die Gemeinde von diesen Gerichten nicht betroffen ist und sie zuvor entrückt wurde. Dafür spricht auch Offb 10:7. Dort redet Johannes von einem weiteren Geheimnis Gottes, das vollendet ist. Dies soll mit dem siebten Posaunengericht realisiert sein. Es bleibt jedoch offen, worin das Geheimnis besteht, aber plausibel erscheint die Interpretation, dass damit die Gemeinde gemeint ist. Zumindest in Eph 3:1-12 wird sie, wie oben ausgeführt, als Geheimnis Gottes bezeichnet. In Offb 10:7 steht im griechischen Text für das Wort „vollendet“ τελέω (teleo). Damit ist nicht nur zahlenmäßige Vollständigkeit gemeint, sondern auch das Erreichen des von Gott bestimmten Ziels. Für die Gemeinde ist dies in Eph 5:27 beschrieben: Die Gemeinde soll heilig, untadelig und ohne Flecken oder Runzeln sein. Dies dürfte erst der Fall sein, wenn sie den Reinigungsprozess durch den Richterstuhl Christi hinter sich hat (2Kor 5:10). Das in Offb 10:7 beschriebene Geheimnis Gottes dürfte demnach die Vollendung der Gemeinde betreffen.

Johannes berichtet in Kapitel 17 von einem weiteren Geheimnis:

  • „ … und ich sah eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen, voller Namen der Lästerung, das sieben Köpfe und zehn Hörner hatte. Und die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlach und übergoldet mit Gold und wertvollem Stein und Perlen, und sie hatte einen goldenen Becher in ihrer Hand, voll von Gräueln und den Unreinheiten ihrer Hurerei; und an ihrer Stirn hatte sie einen Namen geschrieben: Geheimnis, Babylon, die große, die Mutter der Huren und der Gräuel der Erde. Und ich sah die Frau trunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu. Und ich verwunderte mich, als ich sie sah, mit großer Verwunderung. Und der Engel sprach zu mir: Warum verwundertest du dich? Ich will dir das Geheimnis der Frau sagen und des Tieres, das sie trägt, das die sieben Köpfe und die zehn Hörner hat“ (Offb 17:3-7).

Johannes sieht im Geist eine edel gekleidete Frau, die in ihrer Hand einen goldenen Becher hält, der voll mit Gräuel und Unreinheiten ist. Sie sitzt auf einem scharlachroten Tier, das sieben Köpfe und zehn Hörner hat. In dem Text ist zweimal von einem Geheimnis die Rede, vom Geheimnis der Frau und des Tieres vom Geheimnis Babylon. Babylon wird als Frau gesehen, als Mutter der Huren und der Gräuel. Somit dürften beide Geheimnisse identisch sein. In den nachfolgenden Versen wird das Geheimnis gelüftet. Die Frau ist eine Stadt, die das Zentrum eines antichristlichen Weltreichs ist. Die Köpfe des Tieres werden mit Bergen verglichen, ein Bild für Zentren politischer und religiöser Macht. So heißt es beispielsweise in Hos 4:13, dass sie auf den Gipfeln der Berge geopfert und auf den Hügeln geräuchert haben, eine Tätigkeit, die von Gott kritisiert wird. Selbst Salomo hat auf den Höhen geräuchert und geopfert (1Kö 3:3). Die zehn Hörner sind Könige ohne Königreich, die aber für kurze Zeit Macht erlangen und diese dem Tier übertragen. Daniel beschreibt weltliche Reiche durch Raubtiere, ein Löwe mit Adlerflügel, ein Bär, ein geflügelter Leopard und ein viertes Tier, dessen Eigenschaften beschrieben werden: schrecklich, furchtbar, stark und aggressiv. Dieses Tier in der Offenbarung hat ebenfalls zehn Hörner (Dan 7:3-8). Diese werden mit dem Lamm Krieg führen, aber von ihm besiegt werden (Offb 17:14). Das Tier selbst wird in Offb 13 näher beschrieben. Es wird verglichen mit einer Mischung aus einem Leoparden, Bären und Löwen. In einem Zeitfenster von 42 Monaten unterwirft das Tier alle Nationen und überwindet die „Heiligen“. Das Tier ist mit satanischer Vollmacht ausgestattet und wird weltweit angebetet, auch weil es von einer tödlichen Verwundung geheilt wurde. In Offb 17:8 wird das Tier durch drei Merkmale beschrieben: es war, es ist nicht und es wird aus dem Abgrund, dem abyssos, ein Bild für das Totenreich, heraufsteigen. Aber es wird vom wiederkommenden Christus besiegt.

Die Offenbarung dieses Geheimnisses ist für uns heute noch geheimnisvoll, denn die Zuordnung zu konkreten Nationen, Personen und Ereignissen wird vermutlich erst dann möglich sein, wenn die beschriebene Zeitepoche angefangen hat. Bislang haben die Interpretationsversuche dieses Textes hypothetischen Charakter, wenn die in der Offenbarung beschriebenen Ereignisse mit der aktuellen Situation in Verbindung gebracht werden. Trotzdem sind sie hilfreich im Ringen um die richtige Auslegung.

Zweck der Geheimnisse Gottes

Die Geheimnisse Gottes sind keineswegs ein Mittel zur Gründung von Geheimbünden. Sie sind wie die Prophetie ein Mittel der Orientierung, ein Licht im Dunkeln. Die Offenbarung der Geheimnisse Gottes erfolgte schrittweise, nämlich immer dann, wenn die Situation dies erforderte. Die Offenbarung von Geheimnissen Gottes durch Daniel sollten Israel den Plan Gottes für die wichtigsten nächsten Ereignisse offenlegen und zentrale Fragen beantworten. Für die Stämme Israels in der Babylonischen Gefangenschaft war die Frage, ob sie immer noch das von Gott auserwählte Volk sind oder ob sie sich, wie die anderen Stämme, in der Völkerwelt assimilieren, von zentraler Bedeutung. Für das Volk Israel zurzeit Jesu waren vor dem Hintergrund der römischen Besatzung die Fragen nach dem Reich Gottes relevant. Für die Gemeinden waren nach dem Tod und der Auferstehung Jesu viele Fragen offen. In diesen Situationen waren neue Erkenntnisse gefragt, und dieses Bedürfnis wurde durch die Offenbarung von bislang unbekannten Dingen befriedigt.

Die Offenbarungen von Geheimnissen waren zu einem bestimmten Zeitpunkt der heilsgeschichtlichen Entwicklung von besonderer Bedeutung, aber nicht nur zu diesem Zeitpunkt. Die Botschaft, dass Israel zurzeit Jesu zwar verstockt war und beiseitegesetzt wurde, aber nach der Zeit der Gemeinde wieder als Heilskörperschaft an Bedeutung gewinnt, wäre beispielsweise im Dritten Reich und als Gegenpol zu antijudaistischen Aktionen von Bedeutung gewesen. Das Verständnis des Bildes von Mann und Frau als Beschreibung der Liebe Christi zu der Gemeinde kann in patriarchalen Gesellschaften helfen, den biblischen Argumenten für die Unterdrückung der Frauen den Boden zu entziehen. Zu unserer Aufgabe gehört es, ein Verwalter der Geheimnisse Gottes zu sein. Dies bedeutet auch, immer wieder zu prüfen, ob die aktuelle Situation und gesellschaftliche Entwicklung in einer Beziehung zu den Geheimnissen Gottes steht und entsprechend darauf zu reagieren.


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