Ein Lehrer Israels erhält einen nächtlichen Einzelunterricht – Teil 1 (Joh 3:1-8)

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Von Daniel Muhl

🎥 Als Videovortrag → Hinweis: Gegenüber diesem Text beinhaltet dieser Video-Vortrag die Verse 1-16. Auch ist der Text wesentlich umfangreicher, als der Video-Vortrag.

Einleitende Gedanken

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Bevor es zu einer nächtlichen Begegnung zwischen Jesus und einem Pharisäer kam, lesen wir in Joh 2:23-25 Folgendes:
  • 23 Als er aber zu Jerusalem war, am Passah, auf dem Fest, glaubten viele an seinen Namen, als sie seine Zeichen sahen, die er tat.
    24 Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte
    25 und nicht nötig hatte, dass jemand von dem Menschen Zeugnis gab; denn er selbst wusste, was in dem Menschen war.

Aus diesem Abschnitt wird deutlich, dass Jesus in Jerusalem war und einige Zeichen tat, die ziemlich sicher auch von den Pharisäern gesehen wurden.
Vor Kap. 3 finden wir einzelne kurze Gespräche zwischen Jesus und verschiedenen Menschen. In Kap. 3 berichtet uns das Johannesevangelium den ersten und längeren Einzelunterricht zwischen Jesus und einem Lehrer in Israel, der auch eine ganz beachtliche Stellung innehielt.
Den nächsten Einzelunterricht finden wir in Kap. 4 bei der Frau am Jakobsbrunnen in Samaria.

Dieser Einzelunterricht stand in einem krassen Gegensatz zum ersten längeren Einzelgespräch in Jerusalem. Denken wir nur an die Tageszeit: Bei Nikodemus war es in der Nacht und bei der Samariterin um die Mittagszeit!
Denken wir an die Örtlichkeit: Joh 3 dürfte sich in Jerusalem –im Zentrum der religiösen Macht – ereignet haben, währenddem Joh 4 eine Begegnung an einem Brunnen im verachteten Samaria beschreibt.
Oder vergleichen wir einmal die Personen: Nikodemus war ein ranghoher Theologe, der vmtl. großes Ansehen genoss, währenddem die verachtete Samariterin nur eine anrüchige Lebensbiographie vorweisen konnte!
Denken wir daran, wie Nikodemus wusste, dass Jesus von Gott große Vollmacht bekam, aber die Frau am Brunnen zu Beginn keine Ahnung hatte, wen sie da vor sich hatte.
Bei Nikodemus berichtet uns die Bibel keine unmittelbar folgenden Konsequenzen. Im Gegensatz dazu glaubte die Samariterin, dass Jesus der Messias ist. Vmtl. brauchte Nikodemus zuerst noch eine längere Zeit des Nachdenkens und Beobachtens, bis er glaubte, dass Jesus der Messias Israels ist.
Denken wir an den Ausgang der beiden Begegnungen: Die Begegnung mit dem Lehrer Israels hatte vorerst keine Auswirkungen, währenddem es in Joh 4 zu einer Erweckung in der Stadt Sichar kam.

Es ist sehr naheliegend, dass Jesus auch bei Seinen Jüngern verschiedene "Einzelunterrichtsstunden" durchführte; diese sind uns aber kaum in einer solchen Länge überliefert. Beim letzten Gespräch zwischen Jesus und Petrus, ist nicht klar ersichtlich, ob andere Jünger mit dabei waren oder nicht.

Der Bibeltext

Nun möchte ich die ersten 8 Verse aus Joh 3 lesen:

  • 1 Es war aber ein Mensch aus den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden.
    2 Dieser kam zu ihm bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
    3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.
    4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er etwa zum zweiten Mal in den Leib seiner Mutter hineingehen und geboren werden?
    5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen.
    6 Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.
    7 Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von Neuem geboren werden.
    8 Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.

Ein Lehrer und die Neugeburt (V.1-3)

Nikodemus war ein Pharisäer und gleichzeitig ein "Oberster der Juden". Damit dürfte ein "Mitglied des Hohen Rates" gemeint sein. Nikodemus hat natürlich mitbekommen, dass Jesus bei seinen Kollegen alles andere als beliebt war. Trotzdem war seine Neugier so groß, dass er Jesus "im Geheimen" treffen wollte; natürlich so, dass dies möglichst niemand vom Hohen Rat mitbekommt. Wie damals, so fällt es auch heute den Obersten eines Volkes schwer, sich offen zu Jesus zu stellen, weil dadurch ihre irdische Stellung und Identität gefährdet ist. Dieser Umstand hat sich in den letzten 2'000 Jahren kaum geändert.
Nikodemus wollte aber trotz der heiklen Situation Jesus kennenlernen und von Ihm lernen. Diese positive Haltung sah Jesus und Er ließ sich auf ein Gespräch mit ihm ein. Dabei machte Jesus ganz zentrale und einmalige Aussagen des Evangeliums! Wer zu Jesus geht, bekommt immer etwas Einmaliges, etwas Heilsames und Ewiges!
Nikodemus heisst übersetzt "Sieger des Volkes", "Volkssieger" oder "Öffentlicher Sieger". Was für eine Ironie? Der "Sieger des Volkes", der heimlich in der Nacht zu Jesus geht. Dieser Name passt sehr gut für einen Obersten des Volkes. Hochrangige Menschen sind solche, die das "Volk besiegt" haben. Man könnte das aber auch von einer anderen Seite her sehen: Das Handeln der Oberen des Volkes wird auch zu einem großen Teil von der Denkweise des Volkes gesteuert. Darum sind sie in einem gewissen Sinne solche, die von der Denkweise des Volkes "besiegt wurden". Gerade in einer Demokratie schaut ein Politiker ständig darauf, mit welchen Äusserungen und Handlungen er beim Volk "punkten" kann.

Nach dem Gespräch von Joh 3 taucht Nikodemus noch zweimal auf:

  1. Er verweist auf die gesetzlichen Anordnungen des Gesetzes im Bezug auf das Richten eines Menschen (Joh 7:50-51).
  2. Zum Begräbnis von Jesus bringt er eine Mischung von etwa 100 Pfund Myrrhe und Aloe, damit der Leib Jesu gesalbt werden konnte (Joh 19:39). Ob er sich da, wie auch Joseph von Arimathia, vor den Juden fürchtete, wissen wir nicht.

Zuerst trifft er Jesus im Geheimen, dann hat er den Mut, das Vorgehen der Pharisäer infrage zu stellen und am Schluss scheut er sich nicht, Jesus mit seiner teuren Gabe zu ehren. Über den weiteren Verlauf dieses Mannes wissen wir nichts Bestimmtes. Das Calwer Bibellexikon schreibt noch:

"Eine Überlieferung erwähnt, dass er sich ganz zum Christentum gewendet und die Taufe angenommen habe, dafür aber aus dem hohen Rat gestoßen und aus Jerusalem verbannt worden sei, wo ihn dann Gamaliel in seinem Landhaus verborgen habe. — Der Talmud weiß von einem N., Sohn Gorions, einem frommen und reichen Mann, der noch zur Zeit der Zerstörung Jerusalems gelebt habe. Es ist nicht auszumachen, ob beide Personen dieselben sind."

Oberste des Volkes brauchen in der Regel wesentlich länger, um sich zu demütigen und um zu erkennen, dass sie ohne Jesus nichts Bleibendes bewirken können.

Dieses nächtliche Gespräch enthält u. a. die wichtigste Botschaft des Evangeliums, vor allem wenn wir an Joh 3:16 denken. Daher erstaunt es uns vielleicht, weshalb die anderen Evangelien dieses Gespräch nicht erwähnen. Eine Möglichkeit, warum die drei anderen Berichterstatter dieses Gespräch nicht aufgezeichnet haben, wäre folgende:

Jesus erzählte Seinen Jüngern nichts von diesem Gespräch und Nikodemus erzählte Johannes erst viele Jahre später davon.

Nikodemus beginnt ja mit den Worten:

  • "Rabbi, wir wissen, dass du [ein] Lehrer bist, von Gott gekommen, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn Gott nicht mit ihm ist." (Joh 3:2b)

Diese Aussage macht deutlich, was den Obersten und Pharisäern durchaus bewusst war: Die Vollmacht Jesu kam von Gott! Doch die Furcht vor den Menschen und vor einem Stellungsverlust, hat bei vielen Pharisäern zu einer Verdrängung dieses Wissens geführt. Diese Verdrängung war gefährlich und endete damit, dass sie trotz besseren Wissens die Grabwächter zu einer Lüge verführten, womit sie sich natürlich auch selbst betrogen haben (Mt 28:13). Bis zum Tod Jesu hielt die 'heimliche Jüngerschaft' des Nikodemus an. Wir können jedoch davon ausgehen, dass er später zu einem Jünger Jesu wurde und Jesus auch offen bekannte.

Nach der Gesprächseröffnung durch Nikodemus stellt sich die Frage: "Warum geht Jesus nicht auf das Zeugnis des Pharisäers ein?" Jesus hätte z. B. sagen können: "Wenn ihr doch genau wisst, dass ich von Gott gekommen bin, warum lehnt ihr mich dann ab?" Statt mit einer solchen möglichen Gegenfrage zu antworten, erwähnt Jesus die Tatsache, dass niemand das Reich Gottes sehen kann, wenn er nicht von oben (o. von neuem) geboren wurde. H. Schumacher schreibt dazu:

"Jesus hält sich weder bei freundlichen Begrüßungsworten auf noch lässt er sich auf theologische Erörterungen ein; er stößt sofort zum Wesentlichen vor."

Das war eine der wesentlichen Eigenschaften Jesu! Mit ganz wenigen Worten traf Er immer "ins Schwarze"! Manchmal antwortete Er mit einer Aussage, bei der die Frage auftaucht: "Was hat die Antwort mit der gestellten Frage zu tun?" Da wo dies geschah, löste Jesus ganz entscheidende Denkprozesse aus! Jesus ließ die Zuhörer des Öfteren mit offenen Fragen zurück, um das Denken in Gang zu bringen. Doch Jesus ging in den allermeisten Fällen auf kürzestem Weg auf das Kernproblem zu! Nur weil Er aus Gott geboren war und sich immer vom Heiligen Geist leiten ließ, konnte Er dies vollkommen und zu jeder Zeit tun.

Nikodemus sah die großen Zeichen Jesu und erkannte darin Seine Vollmacht! Mit seiner Feststellung wollte Nikodemus einerseits ein Gespräch einleiten und andererseits hoffte er vielleicht auch darauf, von Jesus einige entscheidende Hinweise zu bekommen, wie man zu so einer Vollmacht kommen kann. Möglicherweise suchte er nach den ultimativen Tipps, die ihm weiterhelfen würden, ebenfalls zu einer entsprechenden Vollmacht zu kommen. Sein hoher Intellekt und seine Anstrengungen wären dann bestimmt auch in der Lage, das Geheimnis dieser großen Autorität zu entdecken. Sollte Nikodemus eine ähnliche Hoffnung gehegt haben, dann kam durch die Antwort Jesu eine ganz große Ernüchterung:

"Ohne Neugeburt (von oben) kann man das Reich Gottes nicht sehen!"

Jesus machte hier darauf aufmerksam, dass die Königsherrschaft Gottes nur durch eine Neugeburt von oben wahrgenommen werden kann. Zwei Verse später weist Er darauf hin, dass nur diejenigen in die Königsherrschaft der Himmel eingehen können, die aus Wasser und Geist gezeugt, bzw. geboren wurden. Weder eine hohe Intelligenz noch ein herausragender Intellekt, sind in der Lage, die Königsherrschaft Gottes zu erkennen. Es ist auch nicht möglich, durch eigene herausragende Fähigkeiten und Anstrengungen in die Königsherrschaft der Himmel hineinzukommen.
Damit ist auch klar: Alle diejenigen, die die Zeichen Jesu mit eigenen Augen gesehen hatten, waren noch lange nicht in der Lage, das Reich Gottes zu sehen! Warum? Weil die Menschen das Reich Gottes nur durch eine Neuzeugung von oben sehen können! Nur der Heilige Geist kann in den Menschen dieses Wunder bewirken, das dann zur Folge hat, dass ein neuer innwendiger Mensch entsteht (Röm 7:22 / 2Kor 4:16). Auch mit allen herausragenden theologischen Vorkenntnissen – wie das bei den Pharisäern oft der Fall gewesen ist – kann ein Mensch die 'Regentschaft Gottes' nicht erfassen! Möglicherweise entstand in Nikodemus durch dieses Gespräch die Sehnsucht nach dieser Neugeburt und die grundlegende Erkenntnis, dass dies Gott allein tun muss, damit auch er das Reich Gottes sehen kann. Aus dieser Erkenntnis kann dann ein demütiges Bitten entstehen, das Gott vielleicht dazu veranlasst, diese Neugeburt einzuleiten, wobei das "demütige Bitten" vmtl. auch schon ein Wirken des Geistes sein dürfte.

Geboren aus Wasser und Geist (V.4-7)

Nach der ersten Aussage Jesu fühlt sich der "Theologie-Professor" bereits so sehr überfordert, dass er sich das Gesagte überhaupt nicht vorstellen kann, als er sagte:

  • "Wie kann ein Mensch gezeugt und geboren werden, wenn er [schon] alt ist? Kann er etwa zum zweiten Mal in den Schoß seiner Mutter eingehen und geboren werden?"

Seine ganze Theologie kommt an ein Ende! Wie kann man als ausgewachsener Mensch noch einmal geboren werden? Im Leib einer Frau ist doch dafür gar kein Platz! Wer bei den Aussagen Jesu in der sichtbaren Welt stecken bleibt, wird völlig irre!
In den Gesprächen mit Jesus, hatten die Menschen oft zuerst eine falsche Vorstellung von dem, was Er sagte. Vielfach wurde versucht, Seine Worte mit dem irdischen Bewusstsein zu verstehen und was dabei herauskam, war eine ganz abstruse Vorstellung des Gesagten! Das, was wir hier sehen, können wir auch im nächsten Kapitel, beim zweiten Einzelunterricht Jesu, feststellen: Die Samariterin denkt nach einem Angebot Jesu an ein „Zauberwasser“, das dazu führen würde, nie mehr einen leiblichen Durst zu verspüren, um sich den Gang zum Brunnen ersparen zu können!
Wie oft haben wir es schon erlebt, dass wir Worte der Bibel völlig falsch verstanden haben und dabei ganz falsche Vorstellungen hatten. Wer aber weiter auf die Worte Jesu hört und im Gebet darüber nachdenkt, kommt in ganz entscheidende geistliche Prozesse hinein, die in ein neues Bewusstsein hineinführen. Bibelstellen, die bei uns Fragen oder Unverständnis erzeugen, sind oft auf dieses Problem zurückzuführen. Jesus redete vielfach so, dass zuerst einmal viele Fragen entstanden sind, weil Er ganz genau weiß, dass dadurch ein neues Denken und ein neues Bewusstsein entstehen kann. Doch das neue Denken und das neue Bewusstsein kommt letztlich nur durch das Einwirken des Geistes Gottes!

Nachdem der Theologe offensichtlich überfordert war, gab Jesus ihm einen Schlüssel zum besseren Verständnis:

  • 5 Amen, amen, ich sage dir: Wenn einer nicht gezeugt und geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er in die Königsherrschaft Gottes nicht eingehen!
    6 Das aus dem Fleisch Erzeugte ist Fleisch und das aus dem Geist Erzeugte ist Geist.
    7 Wundere dich nicht [darüber], dass ich dir sagte: Ihr müsst von oben her gezeugt und geboren werden!
    8 Der Wind weht, wo er will, und du hörst [zwar] seine Stimme, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder aus dem Geist Erzeugte.

Diesmal ging es nicht nur darum, die Königsherrschaft Gottes zu sehen, sondern auch darum, in die Königsherrschaft Gottes einzugehen. Voraussetzung dafür ist eine Neugeburt, die durch Wasser und Geist geschah! Es ging nicht um eine erneute Geburt aus dem "Fleisch", sondern aus "Wasser und Geist". Aber was bedeutet das und warum reicht nicht nur eine Geburt "aus Geist"? Welche Bedeutung hat an dieser Stelle das Wasser? Dazu möchte ich eine Stelle aus Hes 36:25-27 lesen:

  • 25 Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von allen euren Unreinheiten und von allen euren Götzen werde ich euch reinigen.
    26 Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.
    27 Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechte bewahrt und tut.

Das reine Wasser hat an dieser Stelle die Funktion einer Reinigung! Dieses Wasser reinigt von den Götzen. Aus dem NT wissen wir, dass alles, was einen höheren Stellenwert als Gott hat, ein Götze ist und wir wissen auch, dass hinter den Götzen Geistesmächte stehen, die unser Herz und unsere Seele verunreinigen! Letztlich sind alle Menschen durch diese Geistesmächte in irgendeiner Form verunreinigt und alle brauchen eine entsprechende "Reinigung"! Aber wie kann es zu einer solchen Reinigung kommen? Dazu darf ich eine Anmerkung von H. Schumacher lesen:

In Joh 4:14 weist "Wasser" auf Gottes Heil und Leben hin (wie schon in Jes 12:3) und in Eph 5:26 wird Gottes Wort mit einem Wasserbad verglichen!

Die geistliche Reinigung beginnt mit Sündenerkenntnis und Sündenbekenntnis sowie Buße, die ein Umdenken beinhaltet. Durch die Gnade Gottes kommt es dann zu einer Rettung und Heilung. Daraufhin bewirkt der Geist eine göttliche Belebung.

In V.6 macht Jesus auch deutlich, dass das "Fleisch" niemals "geistlich" werden kann! Aber was heisst "Fleisch"! Auch dazu möchte ich H. Schumacher zitieren:

"Fleisch" ist alles, was der Mensch aus sich selbst hervorbringt, nicht nur grobe Sünde (Gal 5:19-21), sondern überhaupt alles der eigenen Ehre dienende Tun, auch auf den Gebieten der Kunst, Technik, Wissenschaft und sogar der Religion.

Ohne dass wir es merken, versuchen wir Christen immer wieder einmal unser Fleisch "fromm" und somit "geistlich" zu machen. Wir machen uns bewusst oder unbewusst Regeln und versuchen durch Disziplin, den natürlichen Menschen "geistlich" zu machen. Paulus sieht nur eine Möglichkeit:

  • Gal 2:19-20 - Denn ich bin durchs Gesetz ⟨dem⟩ Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe; ich bin mit Christus gekreuzigt, 20 und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben ⟨und zwar im Glauben⟩ an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.

Christus muss sich in unserem Herzen verwirklichen! Sein Geist muss uns beleben, inspirieren, erfüllen und führen! Alles andere ist nur ein "Haschen nach Wind"; wie wir das des Öfteren im Predigerbuch lesen (Pred 1:17 / Pred 2:11 u.a.)! In V.7 macht Jesus noch einmal darauf aufmerksam, dass es nur durch den Geist Gottes zu einer Neuzeugung und zu neuem Leben kommt. Das AT deutet an verschiedenen Stellen darauf hin. So wurde David in Ps 51:12 klar, dass nur Gott in ihm ein reines Herz schaffen kann. Gott ist es auch, der in seinem Innern einen festen Geist erneuern kann! In Jer 31:33 verheißt Gott, dass Er dem Volk Sein Gesetz in ihr Inneres legen wird. Noch eindeutiger lesen wir in Hes 36:26:

  • "Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben."

Aufgrund dieser Stellen hätte Nikodemus wissen können, dass die Menschen eine Erneuerung durch den Geist Gottes nötig haben und dass diese auch verheißen ist. Wahrscheinlich müssen wir den Tadel Jesu in V.10 genau vor diesem Hintergrund verstehen, als er sagte:

  • "Du als der Lehrer Israels verstehst das nicht?"

Wind und Geist (V.8)

In V.8 beschreibt Jesus einige Eigenschaften des Geistes:

  • Der Wind weht, wo er will, und du hörst [zwar] seine Stimme, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder aus dem Geist Erzeugte.

Zu V.8 schreibt H. Schumacher:

Wind ("pneuma") bedeutet zugleich Hauch o. Geist. Griechisch ein Wortspiel: Das Wehen des Windes weht (o. der Geisthauch haucht), wo er will - in unberechenbarer Freiheit, über die nur Gott verfügt.

Die Menschen sind manchmal der verkehrten Meinung, dass der Verstand und das Denken mit dem Geist gleichzusetzen sind. Natürlich hat der Geist einen Verstand und selbstverständlich denkt der Geist auch; aber es wäre viel zu kurz gegriffen, wenn man den Geist nur auf diese zwei Funktionen reduziert.
Der Geist Gottes ist unsichtbar und Er beherrscht alle Dimensionen! Ich weiß nicht wie viele Dimensionen es gibt, aber ich weiß, dass Er über allen Dimensionen steht. Der Geist ist nicht an Raum und Zeit gebunden! Die unsichtbare Welt und somit auch die Engelwelt leben in einer höheren Dimension! Aber die Dimension des Geistes Gottes ist noch einmal viel höher! Für den Geist Gottes ist nichts zu klein und nichts zu groß! Weder das Denken der Menschen noch das Denken der Engel kann den Geist Gottes erfassen und begreifen! Der Geist Gottes ist überall, aber niemand kann ihn sehen!
Der Geist Gottes hat nicht nur jedes Haar von unserem Haupt gezählt; nein, Er kontrolliert auch jedes Atom dieses Universums. Unsere sichtbare Welt könnte mit einer Leinwand verglichen werden, auf die ein Beamer ein bewegtes Bild projiziert. Das Bild ist nur die Auswirkung von dem, was der Computer errechnet hat. Den Computer mit seinen Prozessoren könnte man mit der unsichtbaren Welt vergleichen, währenddem die Software mit dem Geist Gottes verglichen werden könnte.
Es ist mir klar, dass dieser Vergleich seine Schwachstellen hat und auch nicht eins zu eins übertragen werden kann. Aber es hilft uns zu verstehen, dass unsere sichtbare Welt, wie das sichtbare Bild auf der Leinwand nicht das Wesentliche ist, sondern, dass es sich nur um eine Projektion handelt!
Prof. Wolfgang Leisenberg sagte einmal, dass man das Wort "Grundlegung der Welt" (w. "Herabwurf des Kosmos") auch mit "Projektion des Kosmos" übersetzen könnte. Das Handeln des Geistes Gottes lässt sich nicht voraussagen und schon gar nicht kontrollieren. Er verhält sich immer wieder anders, als wir denken. Ich glaube, er verhält sich auch immer wieder anders, als die Engel denken, aber er handelt immer aus der Liebe. Wahrscheinlich kennt der Geist Gottes nur eine Gebundenheit und das ist die Gebundenheit an die Liebe! Er hat sich an die Liebe gebunden, weil Gott die Liebe ist! Gleichzeitig ist Gott auch Geist! Wir wissen nie, von wo der Geist kommt und wohin er geht! Manchmal sind die Geschöpfe so naiv zu glauben, sie könnten den Geist manipulieren! Keiner kann das. Gott lässt sich allerdings auch Dinge erbitten, wenn sie in Seinem Sinne sind oder wenn Er dadurch seine Ziele verwirklichen kann.

Wie bereits erwähnt, finden wir im Predigerbuch immer wieder einmal den Ausdruck "Haschen nach Wind" (Pred 1:14 / Pred 2:11 u.a.). Diesen Ausdruck könnte man auch mit "Behirten des Geistes" übersetzen! Das Haschen oder das Einfangen des Windes ist nicht möglich und auch sinnlos! Genauso wenig kann man den Geist hüten, wie man Schafe hütet oder kontrolliert! Obwohl der Geist Gottes über alle Macht verfügt und alles kontrollieren kann, so ist er doch so sanft und zurückhaltend und zieht sich zurück, wenn ein Mensch seine eigene Ehre sucht. Das beinhaltet unter anderem ein "Betrüben des Geistes" (Eph 4:30)! Der Heilige Geist ist so zart und sanft, dass es eine ganz große Sensibilität erfordert, das Führen und Reden des Geistes zu erkennen! Gott ist im Ton eines leisen Wehens (1Kö 19:12). Man könnte dieses "leise Wehen" auch mit "der Stimme einer dünnen Stille" übersetzen. Gottes Geist befindet sich in einer dünnen, feinen, sanften und zerbrechlichen Stille! In dieser dünnen Stille kann man die Sensibilität für das Wirken des Geistes erlernen!

Weiter zu:
Ein Lehrer Israels erhält einen nächtlichen Einzelunterricht – Teil 2 (Joh 3:9-15)

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