Die Apokalypse: Vorwort: Unterschied zwischen den Versionen

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(kein Unterschied)

Version vom 4. Dezember 2019, 14:33 Uhr

Abschrift des Buches:
"Die Apokalypse oder der Tag des Herrn"
Verfasser: Ethelbert William Bullinger (1902)

Vorwort der Übersetzerin:

An die in den letzten Jahren in Deutschland von deutschen Verfassern herausgegebenen Erklärungen der Offenbarung Johannis reiht sich hier das Werk eines englischen Schriftgelehrten in deutscher Übertragung. Es möchte der gläubigen, ihres Herrn harrenden Christengemeinde eine neue Anregung bieten zur Vertiefung in das einzige prophetische Buch des Neuen Testamentes.

Mit innigem Dank gegenüber Gott verabschiede ich die vorliegende Arbeit, die unter dem theologischen Beirat meines vor kurzem heimgegangenen Vaters entstanden ist. Möge diese Übersetzung da, wo die deutsche Zunge klingt, reichen Segen spenden aus der gütigen und gnädigen Hand, die einst den Seher angewiesen hat, dieses herrliche Buch zu schreiben, das als ein heller Morgenstern durch künftige dunkle Tage dem Kommen des Herrn voran zu leuchten berufen ist.

Köln, Mai 1904

M. Stolle

Vorwort des Verfassers

Mit herzlichem Dank gegen Gott habe ich nun diese Auslegung der Offenbarung Johannis vollendet.

Man wird finden, dass sie sich in ihren Ergebnissen von jeder anderen Erklärung der Apokalypse unterscheidet.

Es möge mir hier erlaubt sein, in Kürze die Ursache solchen Abweichens darzulegen; denn der Leser wird bemerken, dass die Überlieferung beiseite gelassen, und niemals die Geschichte aufgeboten wurde, um die Ereignisse dieses prophetischen Buches der Heiligen Schrift auszulegen.

Es gibt unzählige auf historischer Grundlage aufgebaute Auslegungen der Offenbarung. Bei näherer Prüfung wird man zugeben müssen, dass nicht zwei derselben übereinstimmen betreffs der geschichtlichen Ereignisse, welche die Gerichtsakte der Siegel, der Posaunen, der Zornschalen erfüllen sollen. Grund genug, den Versuch zu machen, ein konsequentes Auslegungsprinzip aufzustellen.

Mancher wird sagen, dass für die in den folgenden Seiten niedergelegten Ansichten keine einzige Autorität unter den früheren Erklärungen eintrete. Und das ist richtig. Wenige lassen es sich angelegen sein, für selbstständig und eigenartig zu gelten, und berufen sich daher gern auf Autoritäten. Das ist eben der Grund, weshalb die Nebel der Tradition an die Stelle der unabhängigen Untersuchung haben kommen können.

Die Tradition oder Überlieferung ist wie ein Strick, der ein angepflocktes Tier verhindert, einen Grashalm, welcher weiter hinaussteht, zu erreichen. Dankbar erkennen wir an, dass es immerhin einige gibt, die sich von solcher Gebundenheit frei gehalten haben, um uns die Ergebnisse ihrer Forschungen in mehr oder weniger bruchstückartiger Form darzubieten.

Unsere Arbeit ist das Ergebnis jahrelanger dem Buche gewidmeter Studien. In all diesen Jahren wurde das nun zu einem Ganzen verarbeitete Material zusammengetragen.

Der Schlüssel, welcher die Tür zum Verständnis dieses Buches öffnet, ist, wie wir glauben, die Annahme, das es sich bezieht auf den Tag des Herrn; nicht aber darf nach irgend einer Überlieferung das Empfangen dieser Vision auf einen besonderen Tag, den ersten Tag der Woche beschränkt werden.
Die Frage ist nicht, wann Johannes diese Vision empfing, sondern was er in ihr sah. Ob es am Sonntag oder Montag war, ist nicht von Belang, noch kann es Gewicht haben, die Auslegung des Buches zu bestimmen.

Was Johannes in des Geistes Kraft und Wirkung sah, war "der Tag des Herrn" und die ganze Reihe künftiger Ereignisse, verbunden mit diesem Tage.

Wie das Gesicht Jesajas, welches er "sah von Juda und Jerusalem", zukünftig war, wie es ihm durch den Geist bekannt gemach, und deshalb von ihm "im Geist" geschauat wurde, so war es auch bei Johannes.

Jesajas Vision fasst die "letzte Zeit" in sich (Jes 2:1.2) und Johannis Gesichte beziehen sich auf den "Tag des Herrn".

So sah auch Abraham den Tag Christi, er sah ihn und freute sich. Das muss ebenfalls "im Geist" geschehen sein, was für eine Bedeutung wir auch in den Ausdruck legen mögen. Eine andere Weise, den Tag Christi zu sehen, gab es nicht für ihn, und so auch sah Johannes des "Herrn Tag".

Auch Hesekiel sah "durch den Geist" Gesichte der Zukunft (Hes 11:24; Hes 40:2.3) betreffs der Ereignisse, die mit der Wiederherstellung Israels verbunden waren (Hes 11:16-20; Hes 34:13-16; Hes 36:24-38 u.a.).

Auf genau dieselbe Weise "im Geist" schaute Johannes die Ereignisse, welche eintreten werden am "Tag des Herrn". Das ist die Grundlage, auf der unsere Auslegung ruht.

Um ein richtiges Verständnis einer einzelnen Stelle oder eines ganzen Schriftwerkes zu erlangen, muss die Auslegung der Worte immer durch den Zweck des Buches bestimmt werden.

Erst wenn man sicher weiß, wohin das ganze Werk zielt, kann ein Verständnis der einzelnen Worte gewonnen werden. Und der Zweck des Buches wird am besten ermittelt durch Einblick in den Gedankenaufbau. Durch ihn wird der Endzweck am klarsten und überzeugendsten dargetan.

Bei manchen Stellen der Heiligen Schrift kann man den Zweck auch abgesondert von der Struktur gewinnen. So z. B. 2Petr 1:20f. ist angegeben, nicht was die Schrift bedeutet, sondern woher sie kommt, nicht was ihre Auslegung, sondern was ihre Quelle ist. Sodann aber bietet das Ziel des ganzen Briefes den Schlüssel dar zu den Worten "eigene Auslegung" und zeigt, dass sie nichts anderes bedeuten können, als "eigene Deutung", eigene Offenbarung. (Das Wort Auflösung, Deutung kommt nur an dieser Stelle im NT vor.) Und der Tatbestand ist der, dass keine Weissagung in der Schrift jemals von sich selbst kommt oder aus eigener Offenbarung geschieht. Weshalb?

Weil sie nicht aus menschlichem Willen hervorgebracht wird.
Wie denn geschieht sie?
Der Heilige Geist redet durch Menschen (d. h. durch die Propheten).

Dies Beispiel zeigt uns, wie der Endzweck einer Stelle uns ermöglicht, die Bedeutung der in ihr vorkommenden Worte zu bestimmen. Machen wir's umgekehrt, so geraten wir in Irrtum und Verwirrung. Nicht aus den einzelnen Worten lässt sich der Zweck einer Stelle ermitteln.

Um die Offenbarung Johannis zu verstehen, müssen wir zuerst das Buch als ein Ganzes betrachten; wo nicht, so wird man sie falsch auffassen nach einem vorgefassten Plan, nach einer falsch verstandenen Idee über die Bedeutung gewisser Worte oder Sätze.

Wollen wir aber den Zweck des ganzen Buches gewinnen, so müssen wir in dessen Aufbau danach forschen.

Der Aufbau des Buches

Dieser wird natürlich der Kritik unterliegen und muss sich vor einem erleuchteten Urteil des geistlichen Verständnisses rechtfertigen können. Auf Seite.... haben wir einen Gedankenaufbau des Buches aufgestellt, der uns allen Anforderungen zu genügen scheint. Die Teile ergeben sich so natürlich und stehen einander so ebenmäßig gegenüber, dass kein Teil, ohne das Ganze zu schädigen oder zu stürzen, angegriffen werden kann.

In erster Linie wird offenbar, wie die Einleitung (Offb 1.) und der Schluss (Offb 22:6-21) einander Glied um Glied entsprechen. Jedes ist aus acht Doppelgliedern, die wechselweise angeordnet sind, zusammengesetzt.

Die Zeugnis gebende Person und das, was bezeugt wird, bilden das erste Paar,

Eine Seligpreisung und Bezugnahme auf den Advent macht das zweite Paar aus.

Acht solcher Doppelglieder (d.h. vier Sätze von je zwei Paaren) haben wir in der Einleitung (Offb 1) und acht am Schluss (Offb 22:6-21), je vier wechselweise angeordnet. Zwischen beiden besteht eine vollkommene Harmonie, und sie entsprechen sich offenbar in jedem einzelnen Glied.

Diese Übereinstimmung ist völlig harmonisch. Wir sehen uns folglich zu dem Schluss genötigt, dass ihre Vollkommenheit göttlich ist wie ihr Ursprung; eines der herrlichen Werke des Herrn, von denen der Psalmsänger bezeugt: Wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran.

Der Bau der Apokalypse ist derartig, dass die große mittlere Stoffmasse in sieben Paar Visionen eingeteilt ist. Und zwar ist die erste eines jeden Paares eine Vision dessen, was "im Himmel" geschaut und gehört wird; die zweite eines jeden Paares dagegen ist eine Vision dessen, was "auf Erden" geschaut und gehört wird. Die himmlischen Äußerungen erklären und zeigen an, was unmittelbar danach "auf Erden" gesehen wird; und die Gerichte "auf Erden" sind wiederum die Folge von dem, was vorher "im Himmel" geschaut und gehört wurde. So verhält es sich bei jedem Paar.

Wir nehmen alsbald wahr, dass die Apokalypse nicht aus einigen wenigen Kapiteln der Kirchengeschichte besteht, die auf einen kleinen Teil der Erde beschränkt sind; sondern diese großen Teile zeigen, dass es sich hier um die Beendigung des Widerstreits zwischen Gott und dem Weltall handelt. Sie hat es zu tun mit den gefallenen Engeln und der rebellischen Menschheit; sie umschließt, was "im Himmel" und "auf Erden" steht.

Ist es in der Mehrzahl gebraucht, so umfasst es den ganzen Umkreis der Herrschaft Gottes mit Schluss der Erde. Steht es aber in der Einzahl, so bezeichnet es den Himmel im Unterschied zur Erde.

In dem Gebet des Herrn: Unser Vater, der Du bist im Himmel - heißt es wörtlich "in den Himmeln". Stünde hier die Einzahl, so würde angedeutet, unser Vater sei zwar im Himmel, aber nicht auf Erden. Es ist aber die Mehrzahl gebraucht, woraus hervorgeht, dass Er überall, mit Einschluss der Erde, ist.

Der genannte Gegensatz zwischen Gott und Weltall wird weiter dadurch gekennzeichnet, dass in diesem Buch das Wort "Himmel" stets in der Einzahl, kein einziges Mal in der Mehrzahl gebraucht wird. Daraus sehen wir, dass das Wort "Himmel" im Gegensatz zur "Erde" steht.

Andererseits wenn es heißt: Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel, so steht hier das Wort in der Einzahl; denn Himmel und Erde werden hier in Gegensatz gestellt und voneinander unterschieden.

Das ist der stehende Gebrauch der Einzahl und Mehrzahl des Wortes "Himmel".

So ist es durchweg in der Apokalypse. Sie ist das Buch, welches sich in besonderer Weise auf Himmel und Erde und auf den Abschluss der großen Kontroverse zwischen beiden bezieht. Dieser Streit währt von dem Zeitpunkt an, wo Satan Sünde, Verderben und Tod auf die Erde brachte und die Ursache war, dass die Menschen aus dem Paradies Gottes auf Erden vertrieben wurden.

Dieser Streit wird nicht zu Ende kommen, bis dass Satan erst gebunden und dann endgültig in den Feuersee geworfen wird, bis dass Sünde und Tod nicht mehr sein werden, bis der Fluch aufgehoben ist, und die Menschen die Herrlichkeit Gottes schauen im wieder gewonnenen Paradies, im wieder hergestellten Eden.

Das ist es, was Genesis (1. Buch Mose) und Apokalypse unauflöslich miteinander verbindet. Wir sehen, wie alles, was im 1. Buch Mose verloren ging, in der Offenbarung Johannis wieder gewonnen wird, und durch welche Gerichte jener Streit beendigt werden wird.

Unser Los ist geworfen am "menschlichen Tage" (1Kor 4:3). Jetzt ist die Zeit, da Menschen richten, und wenige, wenn überhaupt etliche, entgehen der Erfahrung trauriger Beweise dieser Tatsache. Aber, Gott sei Dank, der "menschliche Tag" wird nicht immer dauern. Es kommt ein anderer Tag, und das wird "des Herrn Tag" sein. Dann wird Er der Richter sein. Darum werden wir, angesichts dieser Tatsache, ermahnt: "Richtet nicht, bis dass der Herr kommt."

Ja, Er kommt. Er soll offenbart werden vom Himmel. Und das Buch der Apokalypse führt uns die Gerichte vor, in denen Er an Seinem Tage, "des Herrn Tag", die Erde richten wird.

Johannes sah jenen Tag im Gesicht und durch den Geist, wie vor ihm Abraham den Tag Christi sah.

Wir dürfen nun hören, was Johannes sah, und lesen, was Johannes schrieb.

Über die Einleitung

In der Einleitung des Buches (Offb 1) fällt uns sofort ein Vierfaches auf:

Die Person des Zeugen,
was bezeugt wird,
die Seligpreisung derer, die das Zeugnis annehmen, und
das feierlich verkündete Kommen Christi.

Viermal wird uns das in der Einleitung als der große Hauptgegenstand eingeprägt, der allem Folgenden vorangeht und die Grundlage von allem ist. Viermal auch wird das am Schluss des Buches wiederholt und zwar geschieht es deshalb, dass wir nicht abgelenkt werden sollen von dem großen Hauptgegenstand des Buches, nämlich der Offenbarung Christi im Gericht.

Seine Zukunft ist das große Ereignis, auf welches alle anderen Geschehnisse hinführen. Sein Kommen ist der Mittelpunkt des ganzen Buches. Alles, was gesagt und getan wird, hat seine besondere Beziehung zu jenem Advent, in dem alle Gerichte ihren Höhepunkt erreichen.

Ziel des Buches

Dies ist der Endzweck des Buches, wie er sich in seinem Aufbau uns darbietet.

Nun, nachdem wir das große Mittelstück abgeteilt haben, das aus den sieben Paar Visionen samt Einleitung und Schluss besteht, bleiben noch die beiden Teile Offb 2. und Offb 3. und Offb 21:1 - Offb 22:5 übrig.

Wir sehen sogleich, dass das Erste dieser beiden großen Glieder auf die Menschen Bezug nimmt, die besonders angeredet werden; sie werden zum Glauben ermahnt angesichts der Gerichte, deren Zeugen sie sein werden; zum Eifer, dass sie lesen und zu Herzen nehmen, was über sie geschrieben ist; zur mutigen Standhaftigkeit, dass sie nicht der Versuchung, das Tier anzubeten, nachgeben, oder den Trugreden seines falschen Propheten glauben; zur Beharrlichkeit, treu zu sein bis in den Tod. Sie werden an den besonderen Segen erinnert, dessen die Überwinder in jenen Gerichtsszenen teilhaftig werden sollen.

Darum bezieht sich der erste Teil (Offb 2 und Offb 3) auf diejenigen, die an dem Tag des Herrn auf Erden sein werden. Der andere Teil (Offb 21:2 - Offb 22:5) handelt von denen, die auf der "neuen Erde" wohnen werden.

So mögen wir wohl glauben, dass dies die von Gott gegebene Einteilung des Buches ist. Wenn wir den göttlichen Plan der Weltzeiten studieren, wie er weiter hinten dargestellt ist, so werden wir in diesem Glauben befestigt und fühlen uns vergewissert, alle jene alten Auslegungsmethoden aufgeben zu müssen, die der Apokalypse so enge Grenzen zuweisen, wie sie eine kleine Pfarrgemeinde hat; wir gewinnen die Überzeugung, dass ihr größere Dimensionen zukommen, weit größere als die eines Weltreiches. Sie führt uns die Gerichtsszenen vor Augen, die am Tag des Herrn geschehen und den großen Streit zwischen Himmel und Erde beendigen.

Betreffs unserer eigenen Arbeit haben wir nur noch wenige Worte über die Grundsätze, nach denen sie ausgeführt worden ist, hinzuzufügen.

Den Text betreffend, sind wir den besten griechischen Autoritäten gefolgt und haben in den Fußnoten auf dieselben hingewiesen (A = Alford, G = Griesbach, L = Lachmann, T = Tischendorf, Tr = Tregelles, W = Westcort und Hort).

Wo die Fürwörter nachdrücklich (emphatisch) gebraucht sind, d. h. so, dass sie zu dem schon in der Form des Zeitwortes enthaltenen Pronomen noch besonders hinzugefügt werden, haben wir es durch den Druck kenntlich gemacht.

Wir bitten Gott, unsere Auslegung des so herrlichen und wichtigen Buches anzunehmen und zu segnen.

Er selbst hat, so glauben wir, das Werk geleitet, aber wo wir durch unsere Schwachheit Missgriffe getan haben sollten, da bitten wir Ihn, es zum Besten zu wenden.

Keiner kann von seiner Unvollkommenheit und Fehlbarkeit mehr als wir selbst überzeugt sein; und nach allem, was wir gegeben haben, bleibt doch noch viel für andere zu tun übrig. Wir haben das Buch keineswegs ausgeschöpft und haben nur einen Weg gebahnt, auf dem andere mit größerem Gelingen folgen mögen.

Das Eine aber wird man uns zugeben müssen: dass wir uns ernstlich bemüht haben, Gott zu glauben und das, was Er gesagt hat, anzunehmen, ohne auf Lob oder Tadel der Menschen zu achten, und uns fern gehalten haben von allen traditionellen Meinungen.

E. W. Bullinger D. D.

25 Connaugth St., London, England

Juli 1902