Charakteristik der Buches Daniels: Unterschied zwischen den Versionen

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(Antiochus Epiphanes)
(Unterschied der alt- und neutestamentlichen Apokalyptik)
 
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Mit der Spezialität der apokalyptischen Weissagung des A. B. hängt es zusammen, dass wo nicht, wie Dan 9 die Erfüllung chronologisch genau vorgegeben ist, doch wenigstens über die ungefähre Zeit derselben ein deutlicheres Bild gegeben wird. Es war dies umso nötiger, da wir wissen, wie begierig man in Israel, wenigstens in den kümmerlichen, nachexilischen Zeiten (anders z. B. Zeph 1:12-14!) die Erfüllung der Weissagung erwartete, it welcher Hast das Zeichen suchende Volk auf sich auf solche Dinge warf. Noch die Zeit Jesu und die folgenden Jahrzehnte geben dafür Belege genug. Hier galt es also, unzeitigen Eifer zu dämpfen.
 
Mit der Spezialität der apokalyptischen Weissagung des A. B. hängt es zusammen, dass wo nicht, wie Dan 9 die Erfüllung chronologisch genau vorgegeben ist, doch wenigstens über die ungefähre Zeit derselben ein deutlicheres Bild gegeben wird. Es war dies umso nötiger, da wir wissen, wie begierig man in Israel, wenigstens in den kümmerlichen, nachexilischen Zeiten (anders z. B. Zeph 1:12-14!) die Erfüllung der Weissagung erwartete, it welcher Hast das Zeichen suchende Volk auf sich auf solche Dinge warf. Noch die Zeit Jesu und die folgenden Jahrzehnte geben dafür Belege genug. Hier galt es also, unzeitigen Eifer zu dämpfen.
  
Der N. B. dagegen ist die schon eingetretene End- und Erfüllungszeit (1Kor 10:11; 1Petr 120; Hebr 9:26); und mögen sich die Zeiten der Heidenkirche auch in die Länge ziehen, so sind sie doch, wie der Heidenapostel selbst andeutet (Röm 11:12.15), für die gesamte Reichsentwicklung, welche das Wort der Weissagung im Auge hat, für die göttliche Taxierung der Ereignisse Tage geringer Dinge, rasch dahin eilende Zwischenzeiten, auf welche Petrus vorzugsweise das Wort anwendet; dass tausend Jahre bei dem Herrn wie ein Tag seien (2Petr 3:8.9). Diese Kürze der Zeit muss gerade der Heidenkirche, für welche Johannes seine Offenbarung zu schreiben hat, umso mehr eingeschärft werden, je mehr sie eben vermöge ihres heidnischen Ursprungs geneigt ist, sich in diese Welt hineinzuleben und der Zukunft des Herrn zu vergessen. Wohl hat sie als Kirche des N. B. vor dem Volk des A. B. dies voraus, dass ihr im Geiste schon der Himmel aufgeschlossen ist; aber dem Fleische nach führt  sie ihr Dasein noch in dieser Welt und ist deren Versuchungen doppelt ausgesetzt, weil sie nicht mehr äußerlich von ihr geschieden lebt. Bedarf sie daher vermöge ihrer Vollkommenheit in Christo keine so speziellen Voraussagen mehr, wie die alttestamentliche Gemeinde, so bedarf sie doch wegen der ihr immer noch anklebenden Unvollkommenheit im Fleisch der steten Hinweisung auf das Vorübergehen des jetzigen Weltzustandes und auf das nahe Kommen des Herrn, einer Hinweisung, welcher ihr in Zeiten der Trübsal zum Trost, in Zeiten der Schläfrigkeit und Weltseligkeit aber zum Weckruf wird. Und wenn nun die Offb einerseits die Hinausschiebung der Parusie andeutet, wohin namentlich auch die Aufeinanderfolge der sieben Siegel, Posaunen und Schalen weist (vgl. B a u r in seinen und Zellers theol. Jahrbüchern 1852, IV, S 444 ff.) und andererseits doch wieder mit erhobenem Finger verkündigt: Siehe, ich komme bald; so tut sie hiermit nichts anderes als Jesus selbst, der deutlich von dem Verzug seiner Wiederkunft sprach, aber eben deswegen nur umso mehr Wachen und Warten empfahl (Mt 25:5.13.19; Mk 13:32-37).<br/><br/>
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Der N. B. dagegen ist die schon eingetretene End- und Erfüllungszeit (1Kor 10:11; 1Petr 1:20; Hebr 9:26); und mögen sich die Zeiten der Heidenkirche auch in die Länge ziehen, so sind sie doch, wie der Heidenapostel selbst andeutet (Röm 11:12.15), für die gesamte Reichsentwicklung, welche das Wort der Weissagung im Auge hat, für die göttliche Taxierung der Ereignisse Tage geringer Dinge, rasch dahin eilende Zwischenzeiten, auf welche Petrus vorzugsweise das Wort anwendet; dass tausend Jahre bei dem Herrn wie ein Tag seien (2Petr 3:8.9). Diese Kürze der Zeit muss gerade der Heidenkirche, für welche Johannes seine Offenbarung zu schreiben hat, umso mehr eingeschärft werden, je mehr sie eben vermöge ihres heidnischen Ursprungs geneigt ist, sich in diese Welt hineinzuleben und der Zukunft des Herrn zu vergessen. Wohl hat sie als Kirche des N. B. vor dem Volk des A. B. dies voraus, dass ihr im Geiste schon der Himmel aufgeschlossen ist; aber dem Fleische nach führt  sie ihr Dasein noch in dieser Welt und ist deren Versuchungen doppelt ausgesetzt, weil sie nicht mehr äußerlich von ihr geschieden lebt. Bedarf sie daher vermöge ihrer Vollkommenheit in Christo keine so speziellen Voraussagen mehr, wie die alttestamentliche Gemeinde, so bedarf sie doch wegen der ihr immer noch anklebenden Unvollkommenheit im Fleisch der steten Hinweisung auf das Vorübergehen des jetzigen Weltzustandes und auf das nahe Kommen des Herrn, einer Hinweisung, welcher ihr in Zeiten der Trübsal zum Trost, in Zeiten der Schläfrigkeit und Weltseligkeit aber zum Weckruf wird. Und wenn nun die Offb einerseits die Hinausschiebung der Parusie andeutet, wohin namentlich auch die Aufeinanderfolge der sieben Siegel, Posaunen und Schalen weist (vgl. B a u r in seinen und Zellers theol. Jahrbüchern 1852, IV, S 444 ff.) und andererseits doch wieder mit erhobenem Finger verkündigt: Siehe, ich komme bald; so tut sie hiermit nichts anderes als Jesus selbst, der deutlich von dem Verzug seiner Wiederkunft sprach, aber eben deswegen nur umso mehr Wachen und Warten empfahl (Mt 25:5.13.19; Mk 13:32-37).<br/><br/>
  
 
===<big>'''II. Das Wesen der Apokalyptik'''</big>===
 
===<big>'''II. Das Wesen der Apokalyptik'''</big>===

Aktuelle Version vom 23. Mai 2020, 17:25 Uhr

Abschrift des Buches: Der Prophet Daniel und die Offenbarung Johannis
in ihrem gegenseitigen Verhältnis betrachtet und in ihren Hauptstellen erläutert.

Verfasser: Karl August Auberlen (1854)
Verlag: Bachmaier's Buchhandlung, Basel

Inhaltsverzeichnis des Buches
Kapitel davor: Einleitung


In Bearbeitung

ERSTER ABSCHNITT:


Charakteristik des Buches Daniels

Erstes Kapitel:

Der offenbarungsgeschichtliche Ausgangspunkt

I. Die Bedeutung der babylonischen Gefangenschaft

Wollen wir zum Verständnis unseres Buches gelangen, so haben wir von dem Standpunkt auszugehen, auf welchen es uns selbst gleich in seinen beiden ersten Versen stellt. Es ist der Gegensatz Israels und der heidnischen Weltmacht, in den wir uns hier hineinversetzt sehen, und zwar in demjenigen Stadium seines Verlaufs, welches mit dem babylonischen Exil eintritt. Das letztere bildet die historische Grundlage der danielischen Weissagungen, wie der Prophet selbst in dem Einleitungskapitel sehr geflissentlich hervorhebt, indem er es mit der Erwähnung des Beginns der Gefangenschaft eröffnet und mit der Erwähnung des Endes derselben schließt. (Dan 1:1-21, vergl. Dan 1:1.2). Ein kurzer Rückblick auf die frühere Entwicklung der Theokratie wird dienlich sein; um die offenbarungsgeschichtliche Bedeutung dieser Epoche anschaulich zu machen.

Gott hatte durch Abrahams Berufung aus dem großen Völkergewoge, wie eine Insel aus dem Meer (Dan 7:2), ein Geschlecht abgesondert und zu seinem Eigentum erwählt, um dasselbe zum priesterlichen Vermittler seiner Offenbarungen an die Menschheit zu machen und so die Verbindung zwischen Himmel und Erde aufs Neue anzuknüpfen, auf welcher die ganze Zukunft der Menschheit beruht (1Mo 12:1-3; 2Mo 19:4-6). In Ägypten war die Familie Abrahams zum Volk erwachsen, durch Mose hatte das Volk das Gesetz von Gott empfangen, unter David und Salomo den Höhepunkt seiner alttestamentlichen Entwicklung in einem wohlgeordneten Staatsleben erreicht. Das eigentliche Wesen der Theokratie im Gegensatz zu heidnischer Religion und heidnischer Macht kam durch diese beiden Könige so völlig zur äußeren Darstellung, dass Israel nicht nur von den Heiden unabhängig war, sondern auch die umliegenden Völker sich unterworfen hatte. Die davidisch-salomonische Epoche, wo völlig und wesentlich erscheinen soll, was im A. T. nur äußerlich abgeschattet war.

Schon mit Salomo aber beginnt der Verfall. Derselbe fing damit an, dass sich das israelitische Gottesreich in zwei Reiche spaltete und danach die innere Kraft und den Halt nach außen verlor. Das nördliche Reich der zehn Stämme, welche von dem Heiligtum Jehovas zu Jerusalem und von der Dynastie der Verheißung abgefallen war, suchte zuerst seine Stärke in der Hingabe an heidnisches Wesen; es schloss sich Juda gegenüber an Phönizien und Syrien an und hing sich buhlerisch an Götzendienst und weltliche Macht. Aber wenn Gottes Volk seinem Herrn untreu wird, und mit der Weltmacht sich einlässt, so erweckt Gott eben diese Weltmacht zur Strafe über sein Volk. Wer auf das Fleisch sät, der wird von dem Fleisch Verderben ernten (Gal 6:8). Da musste das Reich Ephraim erfahren, indem ihm im Jahr 722 v. Chr. durch die Assyrer ein Ende gemacht wurde. Dieselbe Entwicklung finden wir auch im Reich Juda, nur dass sie sich hier langsamer vollzog, weil verhältnismäßig noch länger die Treue gegen Jehovah herrschte, indem das davidische Haus von Zeit zu Zeit wieder gottesfürchtige Könige hervorbrachte. Allein auch Juda ließ sich verführen und hurte Ephraim nach. Ungefähr vom Jahr 740 an, wo Ahas sich um Hilfe gegen Ephraim und Syrien trotz Jesajas Warnung nach Assyrien wandte (Jes 7.).

Denn so herrlich hatte die Propheten von der Erlösung geredet, dass die Juden hofften, es werde ein Zustand vollkommenen Glücks und Heils für sie eintreten, sobald sie aus der babylonischen Gefangenschaft errettet seien. Da sie aber von so vielen Drangsalen heimgesucht wurden, und nicht bloß auf kurze Zeit, sondern über vierhundert Jahre lang, während sie doch nur siebzig Jahre im Exil gewesen waren, so konnte es den Anschein gewinnen, als sei die Erlösung ein Spott geworden. So ist es unzweifelhaft, dass Satan viele Seelen zum Abfall reizte, als hätte Gott seinen Spott mit ihnen getrieben, da er sie aus Chaldäa geführt und ins Vaterland zurück gebracht hatte. Aus diesen Gründen zeigte Gott seinem Knecht im Gesicht, welch zahlreiche und schwere Drangsale das auserwählte Volk erwarteten. Der Knecht Gottes, welcher zum Empfang dieser neuen Offenbarungen ausersehen war ist D a n i e l.

Den Wendepunkt, welchen die ganze göttliche Reichsgeschichte mit dem Exil nimmt, hat in seiner prinzipiellen Bedeutung für das Verständnis der danielischen Weissagungen, so viel ich sehe, am tiefsten und schärfsten unter allen bisherigen Auslegern M a g n u s Friedrich R o o s erkannt, der große Schriftforscher voll stiller Tiefe, wie ihn Delitzsch nennt. Er gab 1771 als Pfarrer zu Lustnau bei Tübingen eine treffliche Schrift heraus unter dem Titel: Auslegung der Weissagungen Daniels, die in die Zeit des N. T. hineinreichen, nebst ihrem Vergleich mit der Offenbarung Johannis nach der Bengelischen Erklärung derselben. Hier teilt er gleich im ersten Paragraphen der Einleitung, "das Reich Gottes in der Verbindung mit den häuslichen und politischen Anstalten" betrachtend, die Weltzeiten in vier Hauptperioden ein: 1.) von Adam bis zum Auszug aus Ägypten, 2.) bis zum Anfang der babylonischen Gefangenschaft, 3.) bis auf den Anfang der glückseligen tausend, oder, wie Roos irrtümlich mit Bengel annimmt, zweitausend Jahre (Offb 20:1-6), 4.) diese zweitausend Jahre selber bis ans Ende der Welt. Wir sehen, wie der dritte Zeitraum mit Anschluss des vierten genau der von der danielischen Weissagung umfasste ist. Die nähere Begründung und Ausführung, welche Roos dieser beim ersten Anblick seltsam scheinenden Periodenteilung gibt, ist so reich an lichtvollen Blicken in die Hl. Schrift, dass wir es uns nicht versagen können, diesen ganzen Abschnitt als Beilage unten anzufügen. Über Stellung und Bedeutung der mit dem Exil beginnenden Periode des ReichesGottes vgl. außerdem Mich. B a u m g a r t e n, die Nachtgesichte Sacharjas, I. S. 24 ff.

II. Die Stellung Daniels

Seine Stellung am babylonischen Hof

Der neue Aufschluss, welcher dem Volke Gottes für die mit der babylonischen Gefangenschaft beginnende Zeit not tat, musste so beschaffen sein, dass dasselbe zunächst inne wurde, was es um die Weltmächte sei, denen es nun gehorchen sollte, was ihr Wesen und ihr Ende sei, und sodann, wie sich hierzu das in Israel begonnene göttliche Heilswerk verhalten werde. Es war also jetzt der Prophetie ein neuer Gegenstand gegeben, welcher der Natur der Sache nach erst mit dem Exil hervortreten konnte, hier aber auch mit innerer Notwendigkeit gleichsam der Weissagung sich aufdrängte.

Sollte nun aber nach Gottes Absicht eine Offenbarung über die Weltmächte und ihre Entwicklung gegeben werden, so musste der Prophet einen anderen Standort einnehmen als die bisherigen Propheten. Denn das göttliche Wort hat immer einen geschichtlichen Anknüpfungspunkt, welcher den, dem es zuteil wird, zur Aufnahme desselben tauglich macht. Die Offenbarung fällt nicht als ein geschriebenes Buch vom Himmel, das man nur mit den Händen nehmen und lesen dürfte; sondern damit sie dem Bedürfnis und Gesichtskreis der Menschen angemessen wird, muss ein Mensch lebendig im Geiste empfangen und aufschreiben. Damit er aber dies könne, muss er selbst geschichtlich so gestellt sein, dass im das Wort von oben nicht ein völlig fremdes ist, sondern dass seine ganze Situation gleichsam zur menschlichen Frage wird, auf welche die Offenbarung die göttliche Antwort bringt. Handelte es sich nun jetzt nicht mehr, wie bei den früheren Propheten, um Israel in seinem Verhältnis zu den Weltmächten, sondern um die Weltmacht in ihrem Verhältnis zu Israel: so konnte der Gottesmann, der hierüber weissagen sollte, nicht unter seinem Volke, er musste am Sitze der heidnischen Weltmacht leben. Denn von da aus allein gewann er für diese in ihrer ganzen Art und Entwicklung den rechten Blick, ,an welchen die Offenbarung von oben sich anzuknüpfen vermochte. So finden wir denn die prophetische Warte Daniels neben dem Throne zu Babel aufgeschlagen: er steht in und über der ersten Weltmonarchie und überschaut von hier aus mit göttlich geöffnetem Seherauge die wechselnden Gestalten und Geschicke der kommenden Reiche in ihren Beziehungen zum Volke Gottes bis in die fernsten Zeiten hinaus.

Von seiner frühen Jugend bis ins höchste Alter, mehr als siebzig Jahre lang lebte der Prophet am babylonischen und medopersischen Hofe (Dan 1:1.6.21; Dan 10:1). Doch nicht bloß das; sondern er war selbst auch Staatsmann und bekleidete die einflussreichsten Ämter (Dan 2:48 f. Dan 5:29; Dan 6:29; Dan 8:27). Dadurch bekam er eine Anschauung und ein Verständnis von dem Gang der politischen Dinge in den Weltreichen, welche ihn vorzüglich befähigten, der Empfänger dieser, dass ich so sage, politischen Offenbarungen zu werden. Mitten in der Politik fehlte aber der geistliche Gesichtspunkt nicht. Die Erfahrungen, welche Belsazars Sturz, von dem raschen Aufblühen, Zerfallen, Verschwinden der babylonischen Monarchie, von seiner eigenen und seiner Freunde wunderbarer Errettung (Dan 3-6), alle diese Ereignisse gaben ihm tiefe Eindrücke über die Nichtigkeit der Weltmacht und die unüberwindliche Herrlichkeit des Gottesreiches.

Auch den Unterricht in der Weisheit der chaldäischen Magier dürfen wir hier in Betracht ziehen. Denn dass die geheimen Kenntnisse und Künste der Heiden nicht Nichts waren, das zeigt uns die Hl. Schrift z. B. an den ägyptischen Zauberern, die Mose gegenübertraten. Sind es ja doch solche chaldäische Magier gewesen, welche, von dem Stern geleitet, den neugeborenen König der Juden aufsuchten, was deutlich zeigt, dass sie nicht von aller Wahrheit entfernt waren (vgl. L u t t e r b e c k, die neutestamentl. Lehrbegriffe I, S. 357 ff.) und wobei freilich gefragt werden darf, ob nicht von ihrem Obervorsteher Daniel her, der so merkwürdige Aufschlüsse über diesen König der Juden, selbst bis auf die Z e i t seiner Erscheinung hinaus, empfangen hatte (Dan 9:24 ff.), noch eine Tradition unter ihnen sich fortgepflanzt haben mag? Für den Propheten selbst aber hatte der Umstand, dass er in seiner Jugend drei Jahre in dieser chaldäischen Weisheit unterrichtet wurde, jedenfalls die Bedeutung, die hohe prophetische Anlage, welche er von Natur besaß, auszubilden und seinen Geist auf diesen geheimnisvollen Gebieten heimisch zu machen (Dan 1:4.5.17). Es muss für ihn eine ähnliche Schule gewesen sein, wie für Mose die Erziehung am ägyptischen Hof oder wie jetzt für den Theologen das Studium der Philosophie. Materiell freilich hat er von den Chaldäern nichts gelernt, sondern sie bald alle zehnfach an Weisheit übertroffen (Dan 1:19.20; 1Kor 2:6 ff.).

Und es ist aller Nachdruck darauf zu legen, mit welcher Treue und Gewissenhaftigkeit sich dieser rechte Israelit ohne Falsch von Jugend auf rein gehalten hat von allem heidnischen Wesen,mit welcher Lauterkeit er seinem Gott unter den schwierigsten Verhältnissen und versuchungsvollsten Umgebungen gedient hat, auch wo es ihm ans Leben ging (Dan 1:8ff; Dan 6:1ff.). Man darf sich nicht von den Leckerbissen und dem Wein der Welt nähren, wenn man göttliche empfangen oder auslegen will. Daniel steht in dieser Beziehung mit seinen drei Freunden da, wie eine Oase in der Wüste, aber auch wie ein Licht in der Nacht. Dieses Licht hat zu dem im Exil befindlichen Gottesvolk trostvoll hinüber geleuchtet, so dass der Prophet, zu welchem Israel als zu seiner inneren und äußeren Stütze in dieser Zeit der Trübsal emporschaute, seinen Landsleuten bald ebenso heilig wurde wie Noah und Hiob, welche gleichfalls mit ihrer Gottseligkeit allein dastanden untere einem verkehrten Geschlecht und unter göttlichen Gerichten (Hes 14:14 ff. vgl. Hes 28:3) Aber nicht nur das, sondern jenes Licht hat auch die heidnische Finsternis bestraft. Daniel sagte dem Nebukadnezar mit allem Freimut und Ernst die Wahrheit und dieser mächtige Herrscher hat sich vor dem allmächtigen, wahrhaftigen Gott gebeugt und ihm die Ehre gegeben (Dan 4.) Wie sehr aber der Prophet selbst trotz der hohen Ehre und Auszeichnung, die er an dem heidnischen Hof genoss, mit dem innersten Herzen an seinem Volk hin, wie innig und völlig er bis in sein Alter in dessen Leiden und Hoffnungen lebte, wie ihm die ganze Welt nichts war gegen das Reich Gottes; davon gibt Dan 9 mit seinem Gebet eine ergreifende Probe.

Ein solcher Mann nun war, sie keiner, geeignet, ein reines Organ für die jetzt notwenigen Offenbarungen Gottes zu werden. Seine staatsmäßige Stellung bildete gleichsam den Leib, die Magierschule, die er durchgemacht, die Seele, sein glaubensstarker, dazu noch an den Schriften der früheren Propheten (Dan 9:2) gebildeter Sinn aber den Geist seiner Prophetie welche nun nur durch den Offenbarungsgeist von oben angefacht zu werden brauchte. So bereitet die göttliche Vorsehung der göttlichen Offenbarung ihre Gefäße zu.

Man hat Daniel mit J o s e p h verglichen, und mit allem Recht. Der eine steht am Anfang, der andere am Ende der israelitischen Offenbarungsgeschichte, beide an heidnischen Höfen als Repräsentanten des wahren Gottes und seines Volkes, beide durch Reinheit des Wandels vor dem Herrn musterhaft, beide mit der Gabe ausgestattet, den Wahrheitsahnungen des Heidentums, die sich hier in gottgewirkten Träumen aussprechen, zum Licht zu helfen, beide überhaupt mit wunderbarer Weisheit und Erleuchtung begabt und darum auch von der Weltmacht mit Ehren bedeckt. So stellen sie Israels Beruf dar, mitten in der Völkerwelt ein heiliges Volk und ein Königreich von Priestern zu sein; der universelle Zweck der alttestamentlichen Theokratie tritt in ihnen klar zutage. Darum sind sie Vorbilder auf Christum, dem rechten Israel, und auf die noch künftige Bestimmung des Volks, ein Licht den Heiden zu sein, wenn Röm 11:12.15 sich erfüllt. H e g e l hat bekanntlich in seiner Philosophie der Geschichte schön und geistreich darauf hingewiesen, wie die beiden Jünglinge Achil und Alexander bedeutungsvoll, einer am Beginn, der andere am Schluss der griechischen Geschichte stehen, und wie in diesem zwei Gestalten sich das ganze Wesen und Leben des hellenischen Volkes abspiegelte. Ein Ähnliches ist es auf dem Boden der heiligen Geschichte Israels mit Joseph und Daniel. Dieser insbesondere, in jeder Hinsicht noch reicher gesegnet als jener, ein Alexander gegenüber von Achilles, ist die leuchtende Gestalt und der größte Charakter aus den letzten Jahrhunderten des alten Bundes, die vorzügliche Ausprägung eines rechten Israeliten. Ein solcher Mann wurde zum alttestamentlichen Apokalyptiker berufen. Und wenn wir nun weiter wissen, dass der neutestamentliche der Jünger war, welchen Jesus lieb hatte: so muss uns schon der Umstand mit Ehrfurcht vor den beiden Apokalypsen erfüllen, dass Gott zwei der besten Männer aus dem alten und aus dem neuen Bund zu ihrem Empfängern und Verfassern auserkoren hat.

Die Stellung des Buches im hebräischen Kanon

Wir haben gesehen, es ist um die Weissagung Daniels etwas anderes und muss seiner Aufgabe und Stellung nach etwas anderes sein, als um die der übrigen Propheten. "Im Daniel öffnet sich eine ganze neue Welt, Wer mit den übrigen Propheten des A. T. eine noch so vertraute Bekanntschaft erreicht und sich in ihren Geist, ihre Sprache, ihre Vorstellungs- und Dichtungsarten noch so tief hineinstudiert hat, wird hier im ganzen alles fremd und Früchte finden, die nicht Palästina, sondern ein ganz anderer Boden getrieben haben muss (E i c h h o r n, Einl. ins A. T., IV, S. 472). Daraus begreifen wir nun auch, warum die Sammler des alttestamentlichen Kanons unseren Propheten nicht mit den übrigen zusammenstellten. Seine besondere Stellung an dem heidnischen Hof spiegelt sich in seiner besonderen Stellung im Kanon wieder.

Daniel unterscheidet sich von den anderen Propheten in vieler Beziehung so wesentlich wie die johanneische Apokalypse von den apostolischen Sendschreiben. Die prophetischen Bücher des A. T. wie die Briefe des N. T. sind unmittelbar aus den jeweiligen Bedürfnissen der Gemeinde Gottes hervorgewachsen und daher zunächst ganz für ihre Gegenwart bestimmt. Propheten und Apostel stehen in lebendigster Beziehung zu Israel und der Kirche: davon sind ihre Schriften der Aus- und Abdruck. Anders ist es bei Daniel und dem Apokalyptiker des N. B. Diese finden wir nicht in unmittelbarer Berührung mit der Gemeinde; sie stehen isoliert da, der eine an einem heidnischen Hof, der andere auf seiner öden Felseninsel (Offb 1:9); sie sind allein mit ihrem Gott. Sie schauen und schreiben nicht bloß, nicht einmal hauptsächlich für die gegenwärtige Gemeinde, sondern weit mehr für die kommenden Geschlechter. Das drückt sich auch in ihren Schriften aus. Dieselben haben, wie wir unten noch genauer sehen werden, eine andere Bestimmung, einen anderen Charakter, als die übrigen prophetischen oder apostolischen Bücher. Dieser Unterschied, den schon die Rabbinen andeuten, und den W i t s i u s näher bestimmt hat, indem er Daniel die prophetische Gabe, aber nicht das prophetische Amt beilegte, fand denn naturgemäß auch seinen Ausdruck in der Stellung der beiden Apokalypsen im Kanon. Im N. T. stehen die johanneischen Schriften nicht, wie die paulinischen, beisammen; im A. T. ist Daniel von den Propheten getrennt. Unter den Heiden lebend, war er kein eigentlicher NaBhI (Prophet), und wenigstens später unterschied die jüdische Theologie die RUaCh NeBhuAH von der RUaCH HaPhRäSch, welche man den KeTUBhiM zuschrieb, d. h. den Geist der Prophetie von dem der göttlichen Eingebung im weiteren Sinne, wie sie dem Psalmen zukommt. (H e n g s t e n b e r g, Beitr. i. S. 28. O e h l e r, Prolegomena zur Theol. des A. T. S. 93).

Wenn nun aber Daniel näher zwischen die Geschichtsbücher der nachexilischen Zeit zwischen Ester einerseits, Esra und Nehemia andererseits hineingestellt wurde, so sehen wir hierin, auch abgesehen von einem speziellen Grund, der sich uns unten gerade für diese Stellung vermutungsweise ergeben wird, eine Andeutung, dass ihn die Sammler als den prophetischen Geschichtsschreiber der mit dem Exil beginnenden Periode des Gottesreichs betrachteten. Es ist das ganz dieselbe Ansicht, die n och in neuerer Zeit B e n g e l über ihn ausgesprochen hat, wenn er ihn den Politiker, Chronologen und Historiker unter den Propheten nennt; eine Ansicht, die sich uns von selbst aus der Betrachtung der geschichtlichen Konstellation, unter welcher Daniel auftrat, als die richtige und notwendige ergeben hat. Wenn irgendwo, so ist bei ihm das Wort des großen B a c o von Verulam anwendbar: Die Weissagung ist eine Art von Geschichtsschreibung, sofern die göttliche Geschichtsschreibung das Vorrecht vor dem menschlichen hat, dass die Erzählung der Tatsache ebenso vorangehen als auch folgen kann.

Wir haben nun weiter aufzuzeigen, wie genau das Buch nach Inhalt und Form dieser historischen Situation und der in ihr liegenden Aufgabe entspricht. Überblicken wir daher zunächst den Inhalt derselben.

Zweites Kapitel:

I. Einleitung

Der Inhalt der Weissagung

Der Prophet schickt im 1. Kapitel eine historisch-biographische Einleitung voran, welche seine Wegführung nach Babel, sein Leben am dortigen Hofe, seinen dreijährigen Unterricht in der chaldäischen Weisheit und Literatur erzählt.m Das Letztere sogleich mit bestimmter Hindeutung darauf, dass der wahrhaftige Gott, welchem er treulich diente, ihm, zumal in Bezug auf Träume und Gesichte, eine Erleuchtung schenkte, welche alle Wissenschaft der heidnischen Magier weit überragte (Dan 1:17.20). Daniel erscheint hier ganz als der Repräsentant seines Volkes*). In seinem Los als Weggeführter und Gefangener spiegelt sich die politische Unterdrückung, das Exil Daniels wieder; aber seine hohe und einzige Erleuchtung stellt dar, wie das Bundesvolk in göttlichen Dingen, in Bezug auf Religion und Offenbarung, den heidnischen Gewalthabern unendlich überlegen ist und bleibt. Daher berichtet der Prophet mit Absicht mehrere solche Ereignisse, wo er den im gesamten Altertum so berühmten chaldäischen Weisen, welche ihm hier Repräsentanten der heidnischen Religion und Weisheit überhaupt sind, gegenübersteht, und sie völlig vor ihm zuschanden werden. So im 2. 4. und 5. Kapitel.

*) Hierdurch erledigt sich der Einwurf gegen die Echtheit unseres Buches, den man vom sogenannten Selbstlob Daniels (z. B. Dan 1:17-20; Dan 9:23) hergenommen hat. Hinsichtlich der Person des Propheten hat auf denselben H e n g s t e n b e r g (Beitr. 221 f.) in beherzigenswerter Weise geantwortet.)

Und dass er nun eben durch seine göttliche Weisheit bald zu den höchsten Ehren und Würden auch in weltlicher, politischer Beziehung gelangt, ist ein Vorbild davon, dass dereinst doch noch das Reich, Gewalt und Macht dem heiligen Volk des Höchsten gegeben werden wird. (Dan 7:27). So bildet Daniels eigenes Geschick nicht nur die historische Voraussetzung, sondern auch die typische Grundlage seiner Weissagung. Und hierin liegt die Ursache, warum auch in den folgenden Kapiteln, namentlich Dan 3-6, zwischen die Weissagungen noch mehreres Biographische von ihm und seinen Freunden hineingestellt wird. "Die Propheten mussten immer etwas von denjenigen, was sie auf entfernte Zeit weissagten, an sich selbst und zu ihrer Zeit erfahren, gleichwie David von dem Leiden Christi vieles an sich empfunden hat. Siehe auch Hos 1-3; Joe 1; Jon 1 usw. Da wurden dann die Propheten zugleich Vorbilder. Ihre Weissagungen wurden recht pathetisch und nicht nur so kaltsinning hingesprochen oder hingeschrieben, und die Anfechtung lehrte aufs Wort merken, das ihnen von zukünftigen Dingen gesagt wurde." (R o o s, S. 44 f.)

Die 11 übrigen Kapitel bilden nun zusammen die beiden Teile des Buches, deren erster (Dan 2-7) die Gesamtentfaltung der Weltmächte in universalhistorischem Überblick darstellt und zeigt, wie das Gottesreich am Ende über sie triumphiert, während der zweite Teil (Dan 8-12) die Entwicklung der Weltmächte in ihrem Verhältnis zu Israel in der näheren Zukunft vor der in Dan 9 geweissagten Erscheinung Christi im Fleisch uns vor Augen führt. Diese Einteilung des Buches ist für das Verständnis desselben von großer Wichtigkeit. Es könnte, wenn wir von dem gegenwärtigen Standpunkt der teilweisen Erfüllung aus reden wollen, ein näherer Aufschluss nur für die Zeit vor Christus erforderlich gewesen zu sein scheinen, weil mit diesem die göttliche Offenbarung in neuer Fülle hervortrat. Allein einmal gehört es zu Wesen der Prophetien überhaupt, dass sie auf die Endzeit der völligen Erfüllung hinausschaut; denn es kann in dem Organismus der Heilsgeschichte das Einzelne nur aus dem Ganzen, der Verlauf nur aus dem Ende begriffen werden. Sodann erwartete ja Israel von der messianischen Zeit gemäß dem Wort des Propheten nicht bloß das, was bei der ersten Erscheinung Christi verwirklicht worden ist, sondern die sichtbare Aufrichtung des Reichs, der auch wir noch zu harren haben.

Es war also zunächst und zuerst ein Aufschluss über diese und über die bis dahin noch verfließende Weltgeschichte nötig. Die ganze Periode, in welche Israel mit dem Beginn des Exils eingetreten war, und welche noch heute nicht abgelaufen ist, die Periode der Herrschaft der Weltmächte von dem Sturz bis zur Wiederaufrichtung des Gottesstaates bedurfte der prophetischen Beleuchtung. In dieser Periode der Weltverhältnisse hat die erste Erscheinung des Messias keine wesentliche Änderung hervorgebracht, weil da sein Reich noch kein Weltreich war, wie es einst werden soll (Joh 18:36; Mt 4:8; und dagegen Offb 11:15). So musste denn den Enthüllungen über die nähere Zukunft ein Gesamtüberblick über Wesen, Entwicklung und Ende der Weltmächte vorausgehen. Jeder von beiden Teilen hat also seine charakteristische Aufgabe, und wir begreifen schon hier, warum die Weissagung im zweiten Teil noch viel spezieller werden musste als im ersten.

Daniel selbst unterscheidet diese beiden Teile sehr deutlich, indem er den ersten chaldäisch, den zweiten gleich derEinleitung (Dan 1) hebräisch geschrieben hat. Er bediente sich im ersten Teil der Sprache der Weltmacht, unter der er lebte, im zweiten der des Gottesvolkes, um anzudeuten, dass es sich dort vorzugsweise um das Schicksal der Weltmächte, hier um das von ihnen dem Volke Gottes bereitete Schicksal handle. So erklärt sich nicht nur der Wechsel der Sprachen auf eine höchst einfache und natürliche Weise, sondern derselbe wird auch zu einem starken Grund für unsere Einteilung und damit für unsere Gesamtauffassung des Buches.

Die Gegner der Echtheit vermögen zunächst nicht zu erklären, warum Daniel überhaupt sich zweier Dialekte bedient, und warum gerade bei diesen bestimmten Kapiteln. Vom Exil an bürgerte sich das Chaldäisch-aramäische mehr und mehr bei den Juden ein und war im makkabäischen Zeitalter der herrschende Dialekt unter ihnen. (Vgl. H e n g s t e n b e r g , Beitr. 299 f.f) Ein Interpolator hätte nun aber sicher sein ganzes Buch in der heiligen Sprache der alten Propheten, der hebräischen geschrieben. Wollte er jedoch, um seinen Zeitgenossen etwa verständlicher zu sein, je aramäisch schreiben, so würde er dies weit eher bei dem zweiten Teil des Buches getan haben, der ja viel unmittelbarer und deutlicher auf seine Zeit ging und zur Einwirkung auf die damalige Generation bestimmt war, als der erste.

Noch wichtiger aber ist, dass der Wechsel der beiden Sprachen zugleich den Unterschiede der beiden Teile so scharf markiert. Man teilt das Buch gewöhnlich dem Inhalt nach anderes ein als wir, nämlich in zwei Hälften von je sechs Kapiteln, wobei sich als Einteilungsgrund geltend machen lässt, das so der erste Teil lauter Geschichte, der zweite lauter Gesichte enthält. Denn auch der Traum Nebukadnezars im 2. Kapitel hat doch eine ganz geschichtliche Einkleidung und findet an dem zweiten Traum desselben Königs im 4. Kapitel seine Analogie. Zieht man dann das 7. Kapitel, welches das erste unter Daniels eigenen Gesichten enthält, zum zweiten Teil, s o sch e i n t wenigstens damit schon eine gewisse Berechtigung gegeben, auch diese Offenbarung, wie die übrigen Gesichte des Propheten, auf Antiochus Epiphanes zu beziehen, und das muss natürlichen auch auf das 2. Kapitel zurückwirken, so dass man die Weltmonarchien überhaupt nur bis auf Antiochus reichen lässt. Dem allem nun ist der Verfasser selbst dadurch entgegengetreten, dass er das 7. Kapitel noch chaldäisch geschrieben und somit deutlich dem ersten Teil zugewiesen hat. Er zeigt hiermit auf eine sehr augenfällige Weise, dass und wie er sein Buch in zwei verschiedene und von Verschiedenem handelnde Teile wissen will.

II. Der erste Teil

Die Weltreiche und das Gottesreich

Die vier Monarchien und das Messiasreich

Das Hauptthema des ersten Teils sind also die vier Weltmonarchien, die einander ablösen, um am Ende dem Gottesreich Platz zu machen. Dieses Thema stellt sich in zwei Gesichten dar, deren eines den ersten Teil eröffnet (Dan 2.), das andere denselben schließt (Dan 7.)

Es ist charakteristisch und bedeutungsvoll, dass nicht der Prophet Daniel, sondern der Weltherrscher Nebukadnezar es ist, der zuerst in einemTraum, welchen ihm dann aber Daniel auslegt, die ganze künftige Entwicklung der Weltreiche überschaut. Die Weltmacht muss in dem ersten ihrer Träger, der dem Gottesstaat ein Ende gemacht hat, selbst erfahren, was ihr endliches Los sei, dass sie einst umgekehrt für immer dem Gottesreich unterliegen werde. Zwar kann es auffallend erscheinen, dass der Weltherrscher selbst zum Offenbarungsorgan wird. Allein obwohl, vom Standpunkt der Ewigkeit aus betrachtet, die Weltmacht ein Nichts ist, obwohl sie daher am Ende der Tage spurlos verschwindet, so ist doch andererseits für die diesseits des Endes liegende Geschichte, für die welthistorische Ausführung des göttlichen Ratschlusses ein weltbeherrschender König eine so bedeutende Person, dass ihn Gott mit denselben Namen nennt, wie den Anfänger und Vollender des theokratischen Königtums, David und den Messias: mein Knecht, mein Hirte, mein Gesalbter, der all mein Werk vollbringt, den ich bei seiner Rechten halte (Jer 25:9; Hes 28:12-15; Jes 44:28; Jes 45:1).

Daraus wird begreiflich, warum gerade einem König, welcher überdies schon als solcher den Abglanz göttlicher Majestät an sich trägt (Ps 82:1.6; Röm 13:1 ff.) eine Offenbarung von oben zuteil wird. Für einen außerhalb des Reiches Gottes stehenden Herrscher nun ist der Traum, der ja auch schon bei Abimelech, Pharao u. a. vorkommt (1Mo 20 und 1Mo 41), die allein angemessene und mögliche Form der Offenbarung, wobei wir uns an den hohen Respekt erinnern müssen, den das Heidentum überhaupt vor Träumen hatte. Dabei ist indessen wohl zu beachten, dass der heidnische Fürst den Traum nur empfängt, aber weder aus sich selbst noch auch mit Hilfe seiner Weisen versteht. Vielmehr wird er durch denselben nur beunruhigt und gequält und kann nicht eher zur Ruhe und Klarheit darüber gelangen, als bis ihm ein erleuchteter Israelite den Schlüssel zum Verständnis darreicht. Auf Seite des Heidentums ist lediglich die Passivität, während die Aktivität in göttlichen Dingen bei Israel bleibt, so dass dem "Gott des Himmels" und seiner besonderen Offenbarungsökonomie auch hier die Ehre am Ende allein zukommt. Vielleicht sollte durch den mächtigen Eindruck, welchen diese Enthüllung mit allen sie begleitenden Umständen auf Nebukadnezar machen musste, auch dem gefangenen Gottesvolk ein milderes Los bereitet werden. Dem Daniel aber muss der Traum des Königs und seine Auslegung zur Eröffnung des Blicks in die Zukunft der Weltmächte dienen, er muss ihm diesen ganzen Kreis von Anschauungen aufschließen und ihn dadurch zum Empfang weiterer, speziellerer Offenbarung vorbereiten: für ihn hat das Ereignis zugleich eine propädeutische Bedeutung.

Näher lässt nun Gott dem Nebukadnezar die Weltmacht in ihrer Gesamtheit unter einem kolossalen Menschenbild erscheinen, woe der Kopf von Gold das babylonische, Brust und Arme von Silber das medopersische, Bauch und Lenden von Kupfer das griechisch-mazedonische, die Schenkel von Eisen samt den Füßen und Zehen von Eisen und Ton das römische Reich samt seinen germanisch-slavischen Ausläufern darstellen*). Es liegt im Zweck der ganzen Weissagung, dass nur diejenigen Reiche genannt sind, welche mit dem Reich Gottes irgendwie in Beziehung stehen, sie aber auch alle. "Das Königreich Gottes ist der Zweck der göttlichen Welterschaffung und das Ziel der göttlichen Regierung. Das Königreich Gottes ist die unsichtbare Wurzel, welche die Weltreiche hält und trägt, und die unsichtbare Kraft, welche Weltreiche schlägt und zermalmt. Die nähere oder fernere Verbindung mit dem Königreich Gottes bestimmt die Dauer, die Wichtigkeit, das Bemerkenswerte der Weltreiche. Das Schicksal und die Geschichte aller der Reiche der Erde, die mit dem Königreich Gottes in keine bedeutende oder in gar keine Verbindung kommen, vorher zu wissen, wäre von keinem Wert. Denn ihre Geschichte mag sein, welche sie will, so ist sie immer unbedeutend, weil sie auf die Verzögerung oder Herbeiführung der letzten endlichen Entwicklung der Dinge, der Verdrängung der Weltreiche durch das Königreich Gottes, gar nicht oder nur sehr entfernt einwirken." (M e n k e n, das Monarchenienbild, Bremen und Aurich 1809, S. 82). Das ganze Bild, welches Nebukadnezar schaut, wird hierauf von einem Stein zerschlagen, der, ohne Menschenhand von einem Bergabhang sich losreißend und hierauf zu einem die ganze Erde erfüllenden Berge sich ausdehnend, das Reich Gottes abbildet.

*) Schon L u t h e r denkt bei dem Ton an die Versetzung des römischen Reichs unter die Deutschen und bei den Zehen an "Spanien, Frankreich, England und anderer Stücke", in die das Reich auseinandergeht, wie der Fuß in die Zehen. Während C a l v i n unter dem zermalmenden Stein irrig die erste Erscheinung Christi versteht, bemerkt Luther, das vierte Reich müsse bleiben bis am jüngsten Tag. Ebenso versteht R o o s unter dem Ton die Nationen der Völkerwanderung und reiht daran richtig den Schluss, dass das vierte Reich noch jetzt stehen müsse. Dergleichen P r e i s w e r k, Morgenland 1838, S. 33 ff. H o f m a n n, Weiss. u. Erf. I S. 278 ff. Gaussen, Daniel le prophete, 2 edition 1850, I, S. 150. Die nähere Begründung folgt unten.


Die Beschreibung des letzteren Vorgangs ist in ihrer Einfachheit so göttlich großartig und heilig erhaben, dass man fühlt: das kann nicht etwas von Menschen Ersonnenes, sondern muss aus dem oberen Heiligtum geoffenbart sein. "Zermalmt wurden auf einmal Eisen,Ton, Erz, Silber und Gold und waren wir Spreu von Sommertennen, und der Wind nahm sie fort und keine Stätte wurde für sie gefunden; aber der Stein, der an das Bild geschlagen, wurde zum großen Berg und füllte die ganze Erde." (Dan 2:34 f.). Wenn wir alle Dichter und Geschichtsschreiber des Altertums und der neueren Zeit zusammentragen, wo findet sich eine Stelle, die an Majestät und Einfalt mit diesen Worten sich vergleichen ließe? Und auch die Prophetie selbst hat in ihren blühendsten Zeit und erhabensten Anschauungen, z. B. Jes 2:11 ff. Jes 40:15.17, nicht majestätischer geredet. Das Weltwesen ist in seinem ganzen Glanz geschildert; aber der metallene Koloss steht auf schwachen tönernen Füßen, ja die ganze Menschenherrlichkeit, die vorher so kostbar und so fest geschienen, ist in Wahrheit wertlos und so hinfällig wie Spreu. Das Reich Gottes aber, dem prächtigen Koloss gegenüber und gleichwohl in sich kompakt und einig gegenüber der Weltmacht, die schon in ihrer wechselvollen Vielgestaltung das Zeichen der Hinfälligkeit an sich trägt, wird am Ende, in einer auch für uns noch zukünftigen Zukunft all den gewaltigen Treiben mühelos ein Ziel setzen und selbst a u f E r d e n Platz nehmen, alles mit seiner Herrlichkeit erfüllend (vgl. 2Thes 2:8; Mt 5:5; Offb 11:15.; Offb 20:4). Stein und Berg verhalten sich hierbei wie das Kreuzreich und das Herrlichkeitsreich: in dem Moment, wo das Reich Gotte die Reiche dieser Welt zerschlägt, hört es auf regnum crucis zu sein und wird regnum glorie. Nicht leicht tritt irgendwo so scharf wie hier der Gegensatz der göttlichen und menschlichen Weltanschauung (Mt 16:23), der biblischen und profanen Geschichtsbetrachtung hervor. Wie Jesus seine Selbstbezeichnung Menschensohn aus Dan 7 genommen hat, so lassen sich seine Grundgedanken über das Verhältnis des Himmelreichs zur Welt auf unsere Stelle zurückführen, auf die er auch Mt 21:44 ausdrücklich anspielt: Auf wen der Stein fällt, den wird er zermalmen.

Die Weltreiche symbolisiert als Tiere

Über den gleichen Gegenstand erhält Daniel im 7. Kapitel eine Offenbarung. Dem Weltherrscher war die äußere, politische Geschichte der Weltmacht in allgemeinen Zügen gezeigt worden; ,denn dafür war er seiner ganzen Stellung nach vorzüglich und allein empfänglich. Dem Propheten werden nun noch genauere Aufschlüsse zuteil, zumal über den inneren religiösen Charakter der Weltmächte, wie es wiederum s e i n e r Stellung und s e i n e m Verständnis am angemessensten ist.

Aus diesem Unterschied erklärt sich nun zunächst die Verschiedenheit der Bilder. IM 2. Kapitel sind dieselben der Region des Leblosen entnommen, das nur eine Außenseite hat, im 7 aber der des Lebendigen. Indem ferner Nebukadnezar die Dinge nur von außen ansieht, schaut er die Weltmacht in ihrer Herrlichkeit als ein glänzendes Menschenbild und das Gottesreich in seiner Niedrigkeit als einen Stein; ihm erscheint also die Weltmacht zuerst herrlicher als das Gottesreich. Daniel umgekehrt, welche mehr ins Innere blicken darf, erkennt, dass die Weltreiche bei all ihrer trotzigen Macht doch in Wahrheit um ihres von Gott losgerissenen, ja widergöttlichen Sinnes willen nur untermenschliche, tierische Art an sich haben, und dass die wahre Menschenwürde bloß im Gottesreich zur Erscheinung kommt; ihm stellt sich also das Gottesreich schon durch die Wahl der Bilder in seiner wesentlichen Erhabenheit über die Reiche dieser Welt dar. Denn an physischer, brutaler Gewalt sind wohl die Tiere dem Menschen überlegen, da erscheint er als schwaches Menschenkind; aber die wesentliche, die geistige Macht ist doch sein. Das kolossale Menschenbild Nebukadnezars stellt die Menschheit in ihrer eigenen Kraft und Größe dar; aber so glanzvoll es ist, so sieht es doch nur äußerlich aus wie ein Mensch. Ihrem inneren Wesen nach aber ist nach Daniels Gesicht die von Gott losgerissene Menschheit zum wilden, vernunftlosen Tierwesen herabgesunken, der dumpfen Naturmacht verfallen; nur im Reich Gottes erreicht der Mensch wirklich sein Wesen und seine Bestimmung, nur von oben her kann der lebendige, vollkommene Menschensohn kommen.

Wie stark in dem Israeliten das Bewusstsein der Herrscherwürde des mit Gott im Gnadenbund stehenden Menschen gegenüber von der Natur und insbesondere von der Tierwelt war, zeigen aufgrund der Schöpfungsgeschichte (1Mo 1:26-28) Stellen wie Ps 8. Und umgekehrt werden. Und umgekehrt werden Menschen zu unvernünftigen Tieren, wenn sie nicht zu Gott nahen und auf seine Wege merken (Ps 73:22; Ps 32:9; Ps 49:21). Ohne Divinität ist auch keine Humanität möglich, sondern sie sinkt zur Bestialität herab. Darum finden wir die widerspenstigen Heidenvölker auch vor Daniel schon als Tiere bezeichnet. (Ps 68:31); der ägyptische Weltherrscher heißt Hes 29:3; Hes 32:2 der große Drache, der zwischen seinen Strömen liegt, der Löwe unter den Heiden; vgl. auch Jes 27:1; Jes 51:9. "Ein Tier kann mächtig sein, Schrecken erregend und stärker als irgend ein Mensch, es kann in seinem Betragen den Beweis von großem Schafsinn geben, allein es blickt stets nieder zur Erde, es hört in seinem Benehmen nicht auf die Stimmen des Gewissens und kenn keine Beziehung zu Gott. Was den Menschen wahrhaft erhebt, das ist seine Demut und die Fähigkeit, GottesWillen zu erkennen, der ihn zu höheren als bloß irdischen Dingen empor trägt. Aber in dem Augenblick, wo er, wie Nebukadnezar Dan 4:27, sagt: Ich habe gebaut, verliert er sittlicherweise die Beziehung zu Gott; er überhebt sich, und alles wahrhaft Hohe geht in ihm zugrunde, er wird ein Tier. Er mag sehr stark sein, äußerlich sehr mächtig; allein was ihn rechtmäßig erhebt, was in ihm überhaupt das Höchste ist, das besteht unstreitig in der Fähigkeit, Beziehung mit Gott zu haben. Hierbei aber muss Gott unverändert Gott bleiben, d. h. wenn der Mensch seine echte Würde behalten soll, muss er sich stets Gott unterworfen zeigen. Gibt er diese Unterwerfung auf, so wendet er Gegenständen, die niederer sind als er selbst, seine Neigungen zu, und damit entwürdigt er sich."*)

*) (Vorlesungen über den Proph. Daniell, in neun Abenden. Aus dem Franzöischen; Düsseldorf 1849, S. 32)

Dass sich in dieser Bildersprache auch in religionsphilosophischer Beziehung die tiefsten Gedanken über den Unterschied des Heidentums und der Offenbarungsreligion ausdrücken, sei hier nur angedeutet. Wie sehr aber die danielische Tiersymbolik einen babylonischen Charakter an sich trägt, darauf haben schon H e r d e r, M ü n t e r u. a. hingewiesen, und die neueren Ausgrabungen auf den Trümmern von Ninive und Babylon sind fast ebenso viele Beweise für den exilischen Ursprung unseres Buches, indem sich Tiergestalten finden, durch welche man unwillkürlich an die hier vorkommenden erinnert und auf den Gedanken gebracht wird, dass die Anschauung solcher Bildwerke bei Daniel den psychologischen Anknüpfungspunkt für die Visionen des 7. und 8. Kapitels hergegeben habe. Hat man vor kurzem die ninivitischen Funde zur Erklärung Nahums verwendet, so ist zu hoffen und zu wünschen, dass ein gleiches bald auch unserem Propheten zuteil werden möge.

Es erscheinen im 7. Kapitel die vier Weltmonarchien unter den Bilder von Tieren. Die drei ersten sind Löwe, Bär, Pardel; das vierte ist so fürchterlich, dass es mit keinem einzelnen unter den in der Natur vorhandenen verglichen werden mag. In diesen Tieren, deren Gefräßigkeit Israel überliefert ist, ,erfüllt sich höchst merkwürdig das Wort, welches der Herr durch Hoseas Mund dem abtrünnigen Volke gesagt hatte: "Ich bin ihnen wie ein Löwe, wie ein Pardel am Weg will ich lauern; ich will ihnen begegnen wie ein Bär, dem seine Jungen geraubt sind, und ihr verstocktes Herz zerreißen und will sie daselbst wie ein Löwe fressen; das Getier des Feldes soll sie zerfleischen" (Hos 13:7.8; vgl. Jer 5:6.; Jer 4:7; Jer 2:15). Wohl manchmal ist dieses Gotteswort dem Daniel beim Anblick jener babylonischen Bildwerke, welche gleichsam die Wappenschilder der Weltmacht waren, durch die Seele gegangen; er sah jetzt seine Erfüllung. Und so hätten wir hier neben dem natürlichen auch einen geistlichen Anknüpfungspunkt für unsere Vision. Das Gottesreich dagegen erscheint, nachdem über die Weltmächte Gericht gehalten ist, in der Gestalt eines Menschensohnes, der von oben her auf den Wolken des Himmels kommt, während jene Tiere aus der Tiefe des Meeres aufsteigen (Joh 8:23).

Was nun die einzelnen Monarchien betrifft, so sind in beiden Gesichten die zwei mittleren am kürzesten behandelt, weil von ihnen im zweiten Teil des Buches noch ausführlicher die Rede sein wird. Auch von der ersten Monarchie braucht nicht viel gesagt zu werden; denn sie existierte ja eben gegenwärtig, und nur auf dieses ihr Vorhandensein bedurfte es eines Hinweises, welche der Prophet Dan 2:37.38 gibt. So fällt das Hauptgewicht von selbst auf die vierte Monarchie. Dies hab aber auch noch einen anderen tieferen Grund, welche in der Natur der Weissagung liegt. Es ist nämlich ein allgemeiner Charakterzug der biblischen Prophetie, dass sie diejenigen Momente besonders ins Auge fasst, wo der Kern der Dinge sich offenbart, wo ihr inneres Wesen zu seiner vollen Entfaltung und Darstellung kommt. Darum hebt sie an den Potenzen und Faktoren, mit denen sie es zu tun hat, meist sogleich das Ende hervor, in welchem sich eine lange, vorhergehende Entwicklung zusammenschließt und so ihrem wahren Wesen nach erst recht ab- und aufschließt. Dies ist denn namentlich maßgebend für unser 7. Kapitel, weil es sich hier um die Enthüllung des inneren Wesens der Weltmacht handelt. Hier tritt daher das vierte Reich ganz besonders stark hervor (Dan 7:7-8.11.19-26). Denn erst in der fürchterlichen Gestalt des letzten Tieres wird die Weltmacht ihre ganze, gottwidrige Natur herauskehren, hat ja doch schon die Aufeinanderfolge der Metalle im 2. Kapitel die sukzessive Verschlechterung derselben klar genug angedeutet. Wie nun aber das ganze Interesse an den vier Monarchien über die drei ersten hin der letzten zueilt, so eilt es aus dem gleichen Grunde bei dieser selbst wieder ihrer letzten Gestalt zu.

Im 2. Kapitel war dem ganzen Charakter dieser Offenbarung gemäß vorzugsweise von der nationalen und politischen Entwicklung die Rede gewesen, welche innerhalb der vierten Monarchie stattfinden werde, indem deutlich zwei Perioden in derselben unterschieden sind, die eiserne und die eisern-tönerne. Die letzte Gestalt dieses Reiches war hier noch nicht Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit geworden, sondern nur vorläufig durch die zehn Zehen angedeutet. Im 7. Kapitel dagegen, wo es sich nicht um das politische, sondern um das religiöse Element handelt, ist das Moment welche im 2. durch die Unterscheidung von Eisen und Ton bezeichnet ist, nicht mehr besonders hervorgehoben, sondern die Darstellung eilt den zehn Hörnern, in denen wir auf den ersten Blick die zehn Zehen des 2. Kapitels wieder erkennen, zu, aber auch diesen nur, um zu zeigen, wie mitten zwischen ihnen ein elftes Horn aufgestiegen sei, ein König, welchem nun der ganze vermessene Trotz und Hass der Welt wider Gott, Gottesvolk und Gottesdienst hervorbricht. Wie das 7. Kapitel jene Unterscheidung von Eisen und Ton nicht mehr ausdrückt, so weiß umgekehrt das 2. Kapitel von diesem letzten, gottfeindlichen Weltherrscher noch nichts; und so stellt sich hier in der Beschreibung der letzten Monarchie durch die eigentümlichen Züge, welche jedes der beiden Gesichte für sich daran hervorhebt, ihr unterscheidender Charakter wieder recht deutlich heraus.

In dem letzten Weltherrscher konzentriert sich also auf ähnliche Weise das Wesen des vierten Reichs, wie sich in diesem das Wesen der Weltreiche überhaupt konzentriert. Mithin enthüllt sich jetzt am Ende der eigentliche Charakter der Weltmacht, das Geheimnis der Bosheit, und wir haben in dem elften Horn keinen anderen zu erblicken als denjenigen, welchen Paulus (2Thes 2.) den Menschen der Sünde und den Sohn des Verderbens nennt. Der Begriff des Antichrists tritt hier zum ersten Mal in der ganzen Offenbarungsentwicklung deutlich hervor, weil hier zum ersten Mal die Gesamtentfaltung der un- und widergöttlichen Welt bis ans Ende klar überschaut ist. Die Schilderung bei Daniel ist auch so, dass wir sehen, es stellt sich in diesem Menschen die volle Evolution des im Sündenfall gesetzten bösen Prinzips dar. Als seine Hauptkennzeichen sind wiederholt (Dan 7:8.20) Augen wie Menschenaugen - Symbol für Klugheit - und ein freches Lästermaul, welche der Empörung gegen Gott den frevelhaftesten Ausdruck gibt, hervorgehoben. Das erinnert an 1Mo 3:5; wo die Schlange den Menschen, wenn sie wider Gottes Gebot sich empören, verheißt, ihre Augen werden aufgetan und sie werden sein wie Gott. Was dort begonnen hat, ist hier vollendet. intellektuelle Kultur, aber Herz und Wesen in frechster Opposition gegen den lebendigen Gott, Selbstvergötterung.

An die Stelle der Weltreiche tritt nun also das Gottesreich, welches in der Person des Menschensohnes erscheint. Es ist die Frage, wer dieser Menschensohn eigentlich sei, das Volk Israel oder der Messias? Für die erstere Meinung können sich H o f m a n n und H i t z i g auf die im Text selbst (Dan 7:18.22.27) gegebene Erklärung berufen, wo der Engel allerdings nur die Heiligen des Höchsten oder das Volk der Heiligen es Höchsten hervorhebt. Allein die den Gesichten beigefügten Erklärungen haben überhaupt nicht den Zweck einer vollständigen Deutung derselben, sondern sie sollen nur diejenigen Punkte ins Licht stellen, welche für das nächst Bedürfnis und Verständnis notwendig sind; sie sollen das Forschen über die Weissagung (1Petr 1:11) nicht ersparen, sondern auf die richtige Spur leiten. So verhält es sich, wie allgemein zugestanden wird, z. B. mit der Dan 2:41-43 über Eisen und Ton gegebenen Erklärung, welche auch nicht alle im Bild liegenden Momente namhaft macht oder machen will. An unserer Stelle nun war das nächste Bedürfnis die Beruhigung Daniels über das Schicksal seines Volkes, welches ihn so sehr bekümmerte, und darum hebt der Engel gerade dieses hervor. Wollte man, durch das Engelswort sich gebunden haltend, das Volk zur Hauptsache machen, so wäre doch immerhin dasselbe, wie H o f m a n n (S. 291) bemerkt, nicht ohne seinen messianischen König zu denken: König und Reich sind hier ebenso eins, wie bei den Weltmonarchien, wo Daniel dem Nebukadnezar sagen muss: Du bist das goldene Haupt (Dan 2:38). Allein gerade diese Parallelstelle führt weit mehr der anderen Auffassung zu.

Der König ist der Repräsentant des Reiches, an dem das Volk hängt, und nicht umgekehrt. Nach biblischer Anschauung geht immer das Haupt dem Leib voran und begreift ihn in sich, nicht umgekehrt. Doppelt gilt dies beim Messias, der daher auch den Ausdruck Menschensohn ohne weiteres auf seine Person anwendet. Aber auch im Text selbst gibt es zwei Umstände, welche gegen die beiden genannten Ausleger entscheiden. Fürs erste kommt der Menschensohn vom Himmel herab; denn niemand wird mit H o f m a n n das Kommen mit den Wolken des Himmels von einem Getragenwerden von der Erde zum Himmel verstehen (vgl. Mt 26:64), niemand wird aber auch mit H i t z i g das Volk Israel aus dem Himmel kommen lassen. Sodann finden wir die Heiligen selbst V. 21 im Gesicht; erscheinen sie nun anderweitig in Person, so können sie nicht auch noch durch den Menschensohn dargestellt sein wollen. Man hat daher unter diesem den Messias und erst in zweiter Linie, als in ihm zusammengefasst, sein Volk zu verstehen (vgl. Gal 3:16.28; 1Kor 12:12). Auch hierin gleicht der Begriff des Menschensohnes dem des Knechte Jehovas, von welchem sogleich weiter die Rede sein wird.

Es ist dem universellen Horizont der danielischen Weissagung entsprechend, dass der Messias nicht mehr als Davids Sohn erscheint, sondern ganz allgemein als Menschensohn, nicht mehr nur als israelitischer König, sondern als Weltherrscher. Der prophetische Gesichtskreis hat jetzt wieder dieselbe Weite erreicht, die er im Protevangelium hatte. Hier steht noch, bei Daniel steht wieder die ganze Menschheit im Blickfeld der Weissagung*).

*) auf eine charakteristisch veräußerlichte Weise tritt diese Universalität des apokalyptischen Horizonts in einigen apokryphischen Apokalypsen hervor, indem hier die Offenbarung den vorisraelitischen, der ganzen Menschheit angehörigen Urväter selbst untergeschoben wird: so dem Adam (in dem kürzlich von D i l l m a n n übersetzten Adamsbuch), dem Henoch, der Sibylle, welche eine Tochter oder Schwiegertochter Noahs sein soll und dgl. Über die jüdische Sibyllistik stellt L ü c k e (S. 81-89) in dieser Beziehung eine sinnreiche Vermutung auf. Er macht darauf aufmerksam, dass bei den Griechen die Sibyllen "das allgemeine, natürliche Prophetentum repräsentieren in seiner Verschiedenheit von dem positiven, priesterlichen Orakeltum. Als nun die ägyptischen Juden in apologetischem und missionarischem Interesse ihre väterliche Religion mit dem Hellenentum zu verschmelzen begannen, so bot sich ihnen die Sibylle als das Prophetentum der allgemeine adamitischen oder auch noachitischen Religion mitten im Polytheismus dar." Der hellenistische Universalismus bemächtigte sich des apokalyptischen und trug ihn auch äußerlich in die univerrsalistische Urzeit zurück, wo Israel und die Heiden sich noch nicht geschieden hatten und wo man daher ebenso vom Heidentum seine Sibylle als von der Bibel ihre Patriarchen entlehnen zu können glaubte. Dies ist zugleich ein Moment zur Erklärung der Vorliebe jener synkretistischen Zeit für Apokalyptik. Aber so hoch die kanonischen Evangelien über den apokryphischen stehen, ebenso hoch stehen Daniel und Johannes über diesen Produkten ihrer Nachahmer.

Die Tiere und der Menschensohn

Wie wir vorhin im Bild des Antichrists die letzte, abschließende Entfaltung des 1Mo 3 gezeichneten Sündenprinzips fanden, so entspricht der Menschensohn hier dem Weibessamen dort; und wenn von dem letzteren verheißen ist, er soll dem in der Schlange sich offenbarenden bösen Prinzip den Kopf zertreten, so tritt auf ähnliche Weise hier der Menschensohn als Sieger über die widergöttliche, kosmische, ebenfalls den Tieren verkörperte Macht hervor. Schlangensame und Weibessame, die Tiere und der Menschensohn stehen einander gleichmäßig gegenüber. Die Apokalypse macht dann den Zusammenhang dieser beiden Stellen auch ausdrücklich erkennbar, indem sie das Tier, welche in ihr, die vier danielischen zusammenfassend, die gesamte Weltmacht repräsentiert geflissentlich als ein Abbild des großen Drachen, der alten Schlange, des Teufels und Satans, der die ganze Welt verführt, darstellt, ganz gemäß der johanneischen Grundanschauung vom Teufel als dem Fürsten der Welt (Offb 13:1.2; Offb 12:3.9; Joh 12:31: Joh 14:30; vgl. Lk 4:5.6). Hinter dem Tierwesen, das von untern her aus dem Meer stammt und sich im Antichrist vollendet, steht also der Teufel, wie hinter dem Menschensohn, dem Christ, der vom Himmel kommt, Gott steht. In der Schlange hatte der Teufel Tiergestalt angenommen, im Menschensohn erscheint Gott in Menschengestalt. Seit die Menschheit der Schlange gefolgt ist, hat sie das tierische Wesen in sich hereingelassen, ist tierisch geworden. Nun muss Gott Mensch werden, dass der Mensch aufhöre, Tier zu sein. Wer aber dennoch dem Tierwesen nachhängt, der wird vom Menschensohn gerichtet, eben weil er des Menschen Sohn ist*) (Joh 5:27).

*) Vergl. J. R i c h e r s, die Schöpfungs-, Paradieses- und Sündeflutgeschichte, Leibzig 1854, S. 321 f. 333.

Doch wir haben das danielische Messiasbild auch in seinem Verhältnis zu demjenigen der unmittelbar vorangehenden Weissagung zu betrachten. Die babylonische Gefangenschaft bildet, wie aus dem oben gegebenen Überblick der Geschichte Israels hervorgeht, in der Entwicklung der alttestamentlichen Theokratie das gerade Gegenteil der davidischen Periode. Diese ist die Zeit der glorreichsten Erhöhung, jene die der tiefsten Erniedrigung des Bundesvolkes. Daher hat, während bis dahin das davidische Königtum für die Prophetie den Typus der messianischen Weissagung hergegeben hatte, das Exil neue Typten dafür hervorgebracht. *1). Und zwar der Natur der Sache nach zwei. Einerseits spiegeln sich die Leiden des Volkes in dem Bild des leidenden Messias wieder, und das ist die Grundlage zur Gestalt des Knechtes Jehovas, welche Jes 40-66 vorausgeschaut hat.*2)

*1) Vgl. S t i e r, Jesaja, nicht Pseudojesaja, S. XXXIV. XXXVII.
*2) Vgl. W. H o f m a n n, die göttliche Stufenordnung im A. T. (deutsche Zeitschr. für christl. Wissensch. v. Febr. 1854, S. 62): "Schon vor dem Exil geht der Ton des Leides der Gläubigen, der Knechte Gottes, der Propheten durch das Prophetenwort. Das Gesetz ist gebrochen, der Fluch deshalb verhängt, das Gesetz tut jetzt seine letzte und bleibende Wirkung, zur Erkenntnis der Sünde. Auch die höchste Blüte der Theokratie, der Knecht Jehovas, der Gesalbte kann nicht anders als leidend zur Herrlichkeit gehen. Er trägt die Sünde seines Volkes, den alten Fluch des gebrochenen Gesetzes, aber er hebt ihn auch in stellvertretendem Gehorsam hinweg. Der Messias ist das Lamm Gottes, eine in Israel bis dahin den meisten unerhörte Verkündigung."


Eben dahin gehört in unserem Buch das 9. Kapitel. Andererseits tritt in der tiefsten Leidenszeit so hell wie noch nie die Wahrheit hervor, dass im Reich Gottes alles Kreuz doch nur der Weg zur Herrlichkeit ist, und dass daher, "wenn vollendet ist die Zerbrechung der natürlichen Kraft des heiligen Volkes" (Dan 12:7), das Himmelreich mit einer nie zuvor gesehenen Macht und Ausdehnung die ganze Menschheit beherrschen wird. Das ist die Erscheinung des Menschensohnes Dan 7. Von diesen Ausdrücken ist der eine so bezeichnend wie der andere. Knecht Jehovas deutet auf den dienenden und duldenden Gehorsam gegen Gott; Menschensohn deutet an, dass aufgrund hiervon der Mensch zu seiner ursprünglichen Bestimmung und Herrscherwürde gelangen soll, wie sie 1Mo 1:26-28 vorgezeichnet ist. Beide Benennungen des Messias sind also vom davidischen Typus abgelöst. Der Messias ist jetzt nicht mehr der theokratische König gegenüber dem Bundesvolk, sondern er erscheint als die einheitliche Zusammenfassung des Bundesvolks gegenüber der Völkerwelt. Es findet hier ein ähnlicher Fortschritt in der Prophetie statt, wie in der apostolischen Zeit der vom Judenchristentum zum Paulinismus. Wie sehr dieser Fortschritt gerade der historischen Situation des Exils entspricht, leuchtet ein. Auch in dem davidischen Messiasbild haben sich schon die beiden Seiten des Duldens und des Herrschens hervorzuheben begonnen, zerfallen doch bereits die messianischen Psalmen in Leidens- und Königspsalmen. Aber was dort nur erst keimende Knospe war, sehen wir nun zu voller Blüte entfaltet. Auf der einen Seite namentlich die sühnende Kraft des messianischen Leidens (Jes 53 und Dan 9), auf der andern die universalhistorische Stellung der messianischen Herrschaft gegenüber den einzelnen Weltreichen (Dan 2 und Dan 7) erschlossen. Der prophetische Blick hat sich ebenso vertieft wie erweitert.

Bileam, als Vorläufer Daniels

So viel von dem Messiasbild unseres Gesichtes. IN der Weissagung über die Weltmächte hat Daniel einen merkwürdigen Vorgänger an dem Propheten B i l e a m. Wie Joseph ein Vorbild von ihm ist hinsichtlich seiner politischen und religiösen Stellung, so Bileam hinsichtlich seiner prophetischen. Diesen Segenspropheten wider Willen, dessen ganze Erscheinung auch für die Erkenntnis des psychologischen Wesens der Prophetie ungemein lehrreich ist, sehen wir in vielem Betracht ähnlich an den Anfang der selbstständigen Geschichte Israels gestellt, wie Daniel an den vorläufigen Schluss. Israel, durch die Errettung aus Ägypten und die Gesetzgebung eben erst zum Volke und zum Gottesvolke geworden, kommt, als es sein Land einnehmen will, zum ersten Mal in Kollision mit heidnischen Völkern, mit den Edomiter, Amoritern, Moabitern usw. Da wird von dem moabitischen König Balak dieser wunderbare Bileam berufen, um das Volk des Höchsten zu verfluchen. Er ist ein Aramäer, am Euphrat wohnend, also von Haus aus in das Land der asiatischen Weltbewegungen hineingestellt, dabei aber mit der Erkenntnis des wahren Gottes gleich Melchisedeck und dazu noch mit einer außerordentlichen Prophetengabe ausgestattet, das sind lauter Züge, wie wir sie bei Daniel wiederfinden, und so führt die Ähnlichkeit der geschichtlichen und persönlichen Situation ähnliche prophetische Resultate herbei, nur dass wir natürlich bei Bileam erst die Keimansätze zu dem finden, was sich bei Daniel in großartigen Bildern vor unserem Blick ausbreitet.

Die Kollision Israels mit der heidnischen Welt ist auch der Brennpunkt der Weissagung Bileams. Indem er vom Gipfel des Berges Peor heraub an Balaks Seite das israelitische Lager überblickt (4Mo 23:28; 4Mo 24:2). schaut er im Geiste, der über ihn kommt, aus diesem von Gott gesegneten Volke, welches einem Löwen glich vor ihm ausgestreckt liegt, ein Königtum sich erheben, das die Völker frisst (4Mo 24:7-9), das Moab zerschmettert, Edom erobert, Amalek den Untergang bringt, die Keniter vernichtet (4Mo 24:17-22). Also über alle umliegenden Heiden wird Israel triumphieren. Aber Bileam hat die Bedeutung des Gottesvolks für die Heidenwelt überhaupt erkannt (4Mo 23:8-10; 4Mo 24:8.9), und sein Geistesblick reicht noch in weitere Fernen. Er schaut auch die größeren künftigen Weltmächte, sowohl des Morgenlandes (Assur 4Mo 24:22.23), als des Abendlandes (Chittim 4Mo 24:24). Vor ihnen kann nichts bestehen; auch Eber und mithin Israel wird von ihnen gedemütigt. "Also selbst bis in die Tiefe, dass das Volk Jehovas der Weltmacht unterliegen und übergeben werden soll, ist Bileam der Blick geöffnet." Aber auch noch weiter: er schaut auch das Ende dieser großen Weltmächte, Schiffe aus Chittim müssen Assur, der Okzident muss den Orient demütigen; doch auch die okzidentalische Macht selbst muss untergehen. Mit diesem Blick auf die Trümmer der heidnischen Macht schließt tragisch die Weissagung des heidnischen Propheten. Er darf nicht einmal mehr ausdrücklich verkündigen, dass Israel alle die Weltbewegungen überdauern werde; doch ist das freilich in dem, was er zuvor, namentlich 4Mo 23:8.9 hat aussprechen müssen, unzweideutig enthalten. Aber haben wir nun hier nicht den Grundriss zu Daniels Weissagungen vor uns? Was Bileam noch mit den uralten Namen Assur und Chittim (1Mo 10:11.22.4.) bezeichnet, das schaut Daniel, der Zeitgenosse von Nebukadnezar und Kyrus, näher in den beiden morgenländischen und in den beiden abendländischen Reichen, Babel und Medopersien, Griechenland und Rom; und vor und nach ihnen allen dieses Israel, das "besonders wohnende, dem Gott nicht flucht!" Wenn Bileams geöffnete Augen schon so weit reichten, um wie vielmehr der Seherblick eines Daniel!*)

*) Vgl. B a u m g a r t e n, theol. Komm. zum Pentateuch II, S 375-78. H o f m a n n, Weiss und Erf I, S 153 f., H ä v e r n i c k Einl. ins A. T. I, 2, S 507-10. Bei dem angegebenen Sachverhalt hat natürlich die Kritik, die den Geist der Weissagung nicht anerkennt, mit jenen wenigen Schlussworten Bileams ihre liebe Not. Die Erwähnung Assurs ging noch an; man kann ja ganz leicht den Abschnitt in die assyrische Zeit heruntersetzen. Aber "rätselhaft sind die chittäischen Schiffe, die 1Makk 1:1 auf Alexander M. gedeutet werden." D e W e t t e gestand wenigstens früher, das V. 24 als wirkliche Weissagung genommen werden zu müssen scheine. H i t z i g und E w a l d, von der assyrischen Abfassungszeit ausgehend, beziehen ihn auf völlig unbedeutende Ereignisse, jener auf einen Einfall der Griechen in Sizilien zu den Zeiten Sanheribs, dieser auf ein ähnliches Ereignis in denen Salamassars, Ereignisse, welche bei Eusebius und Josephus zufällig erwähnt werden. Einfacher halten B e r t h o l d , v. L e n g e r k e,, B l e e k den ganzen Vers für interpoliert. Sollte er nicht ins makkabäische Zeitalter zu setzen sein? Die Ähnlichkeit mit unserem Propheten, welche sich Dan 11.30 bis aufs Wort erstreckt, würde sich dann leichter erklären.

Es stellt sich uns also bei unserem Propheten nicht bloß eine Weiterentwicklung der messianischen Weissagung aus den unmittelbar vorhergehenden Jahrhunderten dar, sondern wir sehen uns auch noch weiter zurückgewiesen. In seinen Enthüllungen über die Weltmächte und ihr Verhältnis zu Israel vollendet sich, was schon am Anfang der heiligen Volksgeschichte Bileam geschaut; und in seinen Offenbarungen über den Antichrist und den Christ vollendet sich, was schon am Anfang der Menschengeschichte Gott selbst über den Schlangensamen und Weibessamen ausgesprochen hatte. Bald nach den Zeiten Daniels aber finden wir seine Weissagungen über die Weltmächte nach Inhalt und Form so deutlich bei S a c h a r j a vorausgesetzt, dass hieraus ein ebenso starker äußerer Beweis für die Echtheit des Buches erwächst, wie aus jenem Verhältnis zu den Vorgängern ein innerer. Denn dass Sacharjas Gesichte von den vier Hörnern und Schmieden, sowie von den vier Wagen (Sach 1:18-21; Sach 6:1-8) auf die vier danielischen Weltmonarchien zurückgehen, das hat H o f m a n n auf überzeugende Weise nachgewiesen, und B a u m g a r t e n hat es weiter ausgeführt.*) Auch die Weissagung über Jawan oder Griechenland (Sach 9:13 ff.) kann ihr Licht nur aus diesem Zusammenhang erhalten.

*) Weiss. und Erf. I, S. 353. Die Nachtgesichte Sach. I, S. 193 ff., wo sich auch Näheres über den biblischen Gegensatz von Tier und Mensch findet, das mit den oben gegebenen Bestimmungen dem Wesen nach ungesucht zusammentrifft.

Ehe wir weitergehen, sei endlich nur noch eine vorläufige Bemerkung hinsichtlich der Weltreiche hinzugefügt. deren weitere Ausführung wir einer späteren Stelle vorbehalten müssen. "Diese Reiche sind von Gott (Dan 2:37; Röm 13:1) und deswegen rechtmäßig und verehrungswürdig." (R o o s, S. 65). Aber wie? ist es denn nicht ein Widerspruch, wenn die Hl. Schrift einerseits gerade die Hauptreiche, die vorzüglichsten Träger der obrigkeitlichen GEwalt dem Reiche Gottes so bestimmt gegenüberstellt und als die wesentlichen Erscheinungsformen des widergöttlichen Prinzips charakterisiert? Das Wort Gottes, wie es überhaupt frei von Irrtum ist, so hält es sich auch frei von jeder Illusion, von jeder falschen und eitlen Hoffnung. Es weiß und sagt klar voraus, dass alle Gaben Gottes, auch die edelsten, in den Händen der unreinen Menschen verunreinigt und verdorben werden. Die Welt selbst ist ja einerseits Gottes Werk und besteht fort und fort in ihm, und doch liegt sie andererseits im Argen, d. h. im Teufel /Kol 1:17; Apg 17:28; 1Jo 5:18.19). Geht es doch sogar mit der Kirche des alten und selbst des neuen Bundes nicht anders: sie ist das Weib Jehovas und Christi, und doch wird sie zur Hure! So verhält es sich nun auch mit Staat und Reich auf Erden. Ihrem Ursprung und Wesen nach göttlich geordnet, treten sie mit ihrer geschichtlichen Erscheinung und ihrem endlichen Entwicklungsresultat in den Dienst der Sünde, des Verderbens, der Empörung wider Gott. Das ist die unbegreifliche Langmut und Geduld des Weltregenten, dass er seine Gaben Jahrtausende lang in den Händen der Menschen Lässt und zusieht, wie sie von denselben befleckt, in den Staub und Kot herab gezogen, in ihr Gegenteil verzerrt werden. Er tut das um der Auserwählten willen. Er lässt Staat und Kirche stehen unter seiner Geduld, bis teils unter dem Schirm dieser seiner Haushaltungsordungen, teil unter dem Druck ihrer schlechten Verwalter aus allen Nationen die Gemeinde seiner wahren Kinder gesammelt ist für jene Zeiten der Erquickung, wo der Herr selbst das Weltregiment führen wird und seine Heiligen mit ihm.

Wie es nun kommt, dass die Reiche der Welt einen so gottwidrigen Charakter annehmen, das erfuhr Daniel selbst in seinem eigenen Leben; und auch zur Veranschaulichung hiervon können und sollen die bedeutsamen Erlebnisse dienen, deren Erzählung er seinem prophetischen Buch eingeflochten hat, und zu deren Betrachtung wir nunmehr übergehen. Die Weltmacht, die über alles Sichtbare gebietet und dieses als das Reelle nimmt, vergöttert sich selbst und erhebt sich frech wider den lebendigen Gott und seine Heiligen. Sie strömt über an Mut und übertritt und wird schuldig; ihre Kraft macht sie zu ihrem Gott (Hab 1:11.16.)

Bedeutsame Erlebnisse Daniels - Dan 3-6

Zwischen den Gesichten Nebukadnezars und Daniels enthält der erste Teil unseres Buches vier Erzählungen aus dem Leben des Propheten. Das 3. Kapitel berichtet die wunderbare Errettung seiner drei Freunde, welche das goldene Bild Nebukadnezars nicht anbeten wollten, aus dem Feuerofen. Das 4. ist ein Edikt Nebukadnezars und enthält einen zweiten Traum des Königs, der sich auf ihn selbst bezieht und an ihm selbst erfüllt. Er verfällt zur Strafe fr seinen Hochmut in Wahnsinn, so dass er bis zum Tier heruntersinkt; kommt aber, nachdem er die Strafe getragen, wieder zu menschlicher Vernunft und zu noch größerer Macht als vorher, indem er dem wahren Gott die Ehre gibt. Dieses Kapitel mit seinem Gegensatz von tierischem und menschlichem Dasein enthält bedeutsame, vorbereitende Winke zu Erklärung der Symbolik des 7. Kapitels von den Tieren und dem Menschensohn und dient unserer Auffassung derselben zu wesentlicher Bestätigung; insbesondere erklärt sich aus demselben, was Dan 7:4 über das erste Tier gesagt ist. Das 5. Kapitel erzählt von dem Übermut des babylonischen Königs Belsazar bei seinem Gastmahl, von der an der Wand erscheinenden Inschrift und ihrer Deutung durch Daniel, sowie von der raschen Erfüllung seiner Prophetenworte durch das noch in derselben Nacht über Belsazar hereinbrechende Gericht. Endlich beschließt das 6. Kapitel die Reihe dieser Erlebnisse des Propheten durch den Bericht über seine wunderbare Errettung aus der Löwengrube, in welche er geworfen worden war, weil er trotz eines königlichen Verbotes nicht aufgehört hatte, zu seinem Gott zu beten.

Wir sehen leicht, dass wie Kapitel 2 und 7, so Kapitel 3 und 6, 4 und 5 zusammengehören. Und zwar haben diese neben ihrem historischen Wert auch noch eine symbolische Bedeutung. Das eine Paar zeigt an dem Beispiel Daniel und seiner drei Freunde, wie Gott seinen Heiligen wunderbar nahe ist, hauptsächlich da, wo sie im treuen Ausharren bei ihrem Herrn der Weltmacht zu erliegen scheinen. Das andere Paar stellt die beiden Könige der ersten Monarchie als ein Exempel hin, wie Gott die Weltmacht mitten in ihrem größten Übermut und Hohn gegen ihn plötzlich zu beugen weiß, und sich mithin die Gläubigen nicht vor ihrer Gewalt zu fürchten haben. Dabei findet in beiden Beziehungen von dem ersten zum zweiten Fall der Fortschritt statt, dass es von den bloßen Selbstüberhebung der Weltmacht zur ausdrücklichen Opposition gegen den lebendigen Gott kommt. Nebukadnezar verlang im 3. Kapitel Huldigung vor seinem Bild, im 4. rühmt er sich seiner großen Macht und Herrlichkeit; aber weder das eine noch das andere Mal unternimmt er etwas direkt gegen Gott. Belsazar dagegen (Dan 5) höhnt den Herrn, indem er die heiligen Tempelgeräte aus Jerusalem entweiht, und Darius der Meder verbietet (Dan 6) zu ihm zu beten. Auch in dem Verhalten der Gläubigen spiegelt sich dieser Fortschritt auf eine sehr lehrreiche Weise ab. An dem Beispiel Sadrach, Mesach und Abdenego zeigt sich, dass man der Weltmacht nicht positiv huldigen darf durch Anbetung des Weltbildes; an dem Beispiel Daniels, dass man ihr auch nicht einmal negativ huldigen darf durch Nichtanbetung Gottes.

Indem sich nun in allen diesen Fällen die herrliche Macht des Allerhöchsten gegen die Welt und für die Heiligen erweist, sehen wir hier in dem engen Rahmen historischer Genrebilder dargestellt, was die Gesichte des 2. und 7. Kapitels in großen, universalgeschichtlichen Tableaux uns vor Augen führen. Beides dient gleich sehr zu Glaubensstärkung und Belehrung des Gottesvolkes für die Zeiten der Herrschaft der Weltmächte. Und der wunderbare Reiz, den jene Erzählungen schon für das Gemüt des Kindes haben, ist ganz geeignet, den mächtigen Anschauungen der beiden Gesichte zur Unterlage zu dienen und ihren Nachdruck zu befestigen. Von Kindesbeinen an soll der rechte Israelit und der Gläubige überhaupt in der ganzen Periode weltlicher Gewalt Grundeindrücke empfangen von der Nichtigkeit des Weltwesens und der Herrlichkeit Gottes und seiner Heiligen (vgl. 1Mo 18:19). Wenn die symbolischen Bilder der Geschichte unseres Buches dem oberflächlichen Blick wenig moralische und religiöse Belebungskraft zu enthalten scheinen: so ist dies in um so höherem Maße der Fall bei den strahlenden Gestalten eines Daniel und seiner Freunde, wie bei den drastischen lehrreichen Charakteren eines Nebukadnezars und Belsazars.

Über die in diesen Erzählungen vorkommenden Wunder bemerkt K e i l (Einleitung ins A. T. S. 459 f.): "Wie alle heiligen Schriftsteller nicht das Alltägliche berichten, sondern von den Offenbarungen der göttlichen Gnade und Allmacht Zeugnis geben wollen: so sind auch im Buch Daniel nur diejenigen Tatsachen aufgezeichnet, durch welche der Gott Israels der stolzen Macht der heidnischen Weltherrscher, denen er sein Eigentumsvolk zur Strafe für seine Sünden hatte preisgeben müssen, seine Allmacht kundgetan, damit sie ihm als dem Gott des Himmels und der Erde die Ehre gäben und erkennen würden, dass Er (nicht ihre Götzen) die Welt regieren, seine Diener zu erhalten die Macht habe und den Übermut der Hohen und Gewaltigen dieser Erde strafen und demütigen könne. Dass aber alle Wunder für Daniel und seine Gefährten geschehen oder doch zur Verherrlichung Daniels gereichen, das hat seinen Grund in der Stellung, in welcher Daniel zu einer Zeit ,wo Gott sich nicht an dem ganzen Volk verherrlichen konnte, vor den Augen der sich für allmächtig haltenden Herrscher Babels berufen war, in seiner Person das Volk Gottes und die äußerlich der Macht der Chaldäer preisgegebenen Theokratie vor den Heiden und an der höchsten Stätte der heidnischen Weltmacht zu vertreten und durch seine Vertretung die Erhaltung und Wiederherstellung derselben oder die Rückkehr de Volkes Gottes in sein Land anzubahnen. Um Eindruck auf die gewaltigen Träger des Heidentums zu machen, mussten die Wunder einen gewaltigen, imponierenden Charakter annehmen; und dass sie diesen Zweck wirklich erreichten, beweist der Ausgang des Exils, namentlich das Edikt des Kyrus (Esr 1:1-4), das sich nicht darauf beschränkte, den Juden die Rückkehr ins Vaterland zu gestatten, sondern ausdrücklich dem Gott Israels als dem Gott des Himmels die Ehre gibt und seinen Tempel zu bauen befiehlt.

III. Der zweite Teil

Gottesreich und Weltreich in näherer Zukunft

Der erste Teil unseres Buches leuchtet hinein in die ganze Zukunft bis dahin, wo das Volk Gottes wieder gesammelt werden und ein sichtbares Reich auf Erden bilden wird. Aber das liegt in weiter Ferne; von den vier Weltmonarchien besteht ja noch die erste. Daher soll Israel jetzt auch über das ihm unmittelbarer bevorstehende Geschick Aufschlüsse empfangen; denn dasselbe wird ein Vorbild jener Schlussentfaltungen sein. Der Antichrist, wie der Christ haben auch eine nähere Zukunft. Ja gerade für dieses nächste bevorstehende Zeit, für das halbe Jahrtausend vom Exil bis auf Christum, wo Israel den Heiden preisgegeben und der Trost der vollen Heilsoffenbarung doch noch nicht vorhanden ist, sind besonders spezielle Weissagungen notwendig.

Sie gibt der zweite Teil Daniel. Auch hier haben wir am Anfang und am Schluss zwei einander entsprechende Gesichte Kapitel 8 und 10-12. Dieselben beschreiben die Entwicklung der Weltmacht und die Erscheinung des aus ihr hervorgehenden Antichrist in den nächsten Jahrhunderten. Dazwischen steht das 9. Kapitel, welches die Zukunft des Messias und des Bundesvolkes am Ende des halben Jahrtausends jenen Weltbildern gegenüberstellt.

Antiochus Epiphanes

Das 8. Kapitel schildert unter zwei neuen Tiersymbolen Widder und Ziegenbock, die beiden mittleren Weltmonarchien, die medopersische und die griechisch-mazedonische, welche nach dem von Daniel noch erlebten Sturz Babels über Israel herrschen sollten. Beide sind hier (Dan 8:20.21; vgl. Dan 10:13.20; Dan 11:2-4) ebenso ausdrücklich mit Namen genannt, wie früher das babylonische Reich (Dan 2;37.38). Nur die vierte, die römische Monarchie wird in unserem Buch nicht ausdrücklich benannt; ist aber das nicht ein zufälliger Beweis für sein höheres Alter? Das persische Reich erlebte Daniel selbst noch. Wie sehr Griechenland damals bereits in den orientalischen Horizont eingetreten war, zeigen nicht nur die griechischen Namen der musikalischen Instrumente, die bei unserem Propheten vorkommen, sondern auch die bald nach seinem Tod beginnenden Verwicklungen zwischen Persern und Hellenen, welche nach wenigen Jahrzehnten die weltberühmten Kriege und Schlachten herbeiführten. Auf Griechenland mussten aber Daniel und Israel überhaupt umso mehr aufmerksam gemacht werden, weil aus dieser Macht der alttestamentliche Antichrist hervorgehen sollte. So begreift es sich, warum die Engel an den angeführten Stellen den Namen Javans bereits nennen, während Rom in seinem fern okzidentalsischen Hintergrund ungenannt bleibt.

Eben daher fällt nun auch in unserem Gesicht der Hauptnachdruck auf das griechische Reich und an diesem selbst wieder auf die letzte Gestalt, die es in dem kleinen Horn gewinnt, ganz ähnlich, wie es im 7. Kapitel beim römischen Reich der Fall ist. Der Widder mit seinen zwei, die Perser und Meder mit bedeutenden Hörnern wird nur kurz beschrieben. Der Ziegenbock hat zuerst ein stolzes Horn, Alexander den Großen, der in raschem Siegeszug von Westen nach Osten eilend dem Perserreich ein Ende machte. An der Stelle dieses großen Horns wachsen vier kleinere, die Diadochenreiche Mazedonien, Asien, Ägypten, Syrien. Aus einem von diesen, dem zuletzt genannten, kommt endlich ein kleines Horn hervor, ein König, dessen Feindschaft wider den Höchsten und seinen Dienst und sein Volk (das Himmelsheer) mit ähnlichen Farben geschildert wird, wie im 7. Kapitel die des Antichrists.

Dieser König ist A n t i o c h u s E p i p h a n e s. Derselbe hatte den zu einer Art fixer Idee gewordenen Plan, in seinem ganzen Reich, zu welchem auch Palästina gehörte, den Kultus des olympischen Zeus einzuführen, und "da er sich selbst mit diesem Gott identifizierte, so wollte er damit schließlich seine eigene Anbetung allgemein machen" (vgl. 1Makk 1:41 ff.; 2 Makk 6:7) (W i e s e l e r in Herzogs Realenzyklopädie für protest. Theol. und Kirche, I, S. 384). Alle anderen Kulte suchte er mit satanischem, oft fast wahnsinnigen Eifer auszurotten; daher man ihn statt Epiphanes auch wohl Epimanes nannte. So schaffte er auch den Gottesdienst in Jerusalem ab und führte dafür den Götzenkultus ein. Und dieser Beginn war umso gefährlicher, da ihm in Israel selbst eine heidnisch gesinnte Richtung, eine hellenisierende Partei entgegenkam (1Makk 1:12 ff; 2Makk 4:9 ff. vgl. Dan 11:30.32). Von Antiochus Epiphanes drohten also dem heiligen Volk und der geoffenbarten Religion, mithin überhaupt der Bestand eines Gottesreiches auf Erden, die allergrößten Gefahren. Von allem, was Israel bis auf Christum hin durch diese Weltmacht erleiden sollte, lässt sich nichts mit dem vergleichen, was Antiochus ihm angetan hat. Denn alle früheren Weltreiche, unter deren Botmäßigkeit das Bundesvolk stand, hatten es in seiner Religionsübung nicht wesentlich beeinträchtigt, vielmehr, wie aus den Büchern Daniels, Esras und Nehemias hervorgeht, darin noch vielfach geschützt und geehrt. So Nebukadnezar (Dan 4:31-34); Darius der Meder (Dan 6:27.28), Kyrus (Esr 1:2-4); Artaxerxes Langhand (Esr 7:12 ff.; Neh 2:7.8); so nach Joseph. Arch. XI, 8. auch Alexander der Große. Auf Antiochus bedurfte es daher besonderer prophetischer Hinweise, damit das Volk gegen seine Angriffe und Verführungskünste gewappnet war. Und dass diese Hinweise nicht ohne Frucht blieben, zeigt die glorreiche Erhebung der Makkabäer, welche, so weit sie rein und recht war, als eine Frucht unseres Buches (Daniels) angesehen werden darf (vgl. besonders 1Makk 2:59 ff.).

Antiochus mit seinem "sich selbst vergötternden, fanatischen Hochmut" (Wieseler) und seiner Feindschaft wider Gott und Gottesdienst, ist eigentlich das rechte Vorbild des Antichrists, der Antichrist der dritten Monarchie und der alttestamentlichen Zeit. "Alle vorigen Lehrer, sagt L u t h e r, haben diesen Antiochus eine Figur des Endchrists genannt und gedeutet, haben es auch recht getroffen." Hierdurch fällt nun volles Licht auf das Verhältnis des zweiten Teils unseres Buches zum ersten und zunächst des 8. Kapitels zum 7.. Zwischen Antiochus und dem Antichrist besteht ein ganz ähnlich typisches Verhältnis, wie in der eschatologischen Rede Christi Mt 24. zwischen der Zerstörung Jerusalems und der Parusie des Menschsohnes. Der alttestamentliche Antichrist verhält sich ebenso zum neutestamentlichen, wie das Gericht über die abgefallene alttestamentliche Gemeinde zu dem über die neutestamentliche. Und diese Typik ist ja ein ganz allgemeines Gesetz der Prophetie, welche in den beiden genannten Beispielen nur seine deutliche Auprägung findet. Wie daher Jesus die beiden Ereignisse, von denen er spricht, dadurch näher beleuchtet, dass er das eine in das Licht des anderen hineinstellt: so ist es ähnlich mit Dan 7. und Dan 8. Die beiden Bilder des Feindes aus der dritten und des Feindes aus der vierten Monarchie spiegeln sich ineinander und beleuchten einander wechselseitig, so dass das 8. Kapitel zur Erklärung des 7. und das 7. zur Erklärung des 8. dient. In dem einen Zug, dass Epiphanes als Vorbild des letzten Feindes erscheint, liegt für das Volk Gottes die vollkommenste Belehrung über ihn: ebenso der nachdrückliche Hinweis auf die Größe der drohenden Gefahr und die ernste Warnung vor dem Trug des Verführers, als auf der anderen Seite der Trost, dass er dem rasch hereinbrechenden Gericht nicht entgehen kann. Und wie Israel aus dem im 7. Kapitel gezeichneten Bild des Antichrists das Vorbild desselben erst recht verstehen konnte, so sind wir, die wir nur den letzten Feind noch zu erwarten haben, umgekehrt berechtigt, uns sein Bild aus der Darstellung des Antiochus zu verdeutlichen und zu vervollständigen. Darin ist uns schon der Apostel vorangegangen, welcher 2Thes 2:4 den Menschen der Sünde mit Farben schildert, die aus Dan 11. genommen sind.

Das 10.-12. Kapitel - Fortsetzung

In der anderen Offenbarung Dan 10-12, wird das Gesicht des 8. Kapitels noch weit genauer ausgeführt. Jene verhält sich also zu diesem ähnlich wie das 7. zum 2. Kapitel. Die eigentliche Weissagung ist im 11. Kapitel gegeben, wozu das 10. den Prolog, das 12. den Epilog bildet.

Das 10. Kapitel eröffnet uns höchst merkwürdige Blicke in den unsichtbaren Geisterhintergrund der Weltgeschichte, wie sie auch sonst in der Hl. Schrift nicht ohne Analogie sind (Hi 1:7; Hi 2:1 ff., Sach 3:1.2; Jud 1:9; Offb 12:7. ff.), aber doch nirgends so klar und umfassend hervortreten. Die allgemeine Wahrheit, dass die Engel die dienenden Organe der göttlichen Welterhaltung und Weltregierung seien, findet ihr sehr ausgedehnte und spezielle Bewährung in der Hl. Schrift, zumal in den beiden Apokalypsen, wo am meisten der Vorhang von der unsichtbaren Welt weggezogen ist. Die Schrift sieht im ganzen Naturleben, auch in gewöhnlichen und regelmäßigen Naturerscheinungen das Walten von Engeln (Joh 5:4; Hebr 1:7; Offb 7:1-3; Offb 14:8; Offb 16:5). Ebenso nun auch in der Geschichte, und hierfür ist unser Kapitel die klassische Stelle. Wir sehen hier an der spitze der einzelnen Weltreiche besondere Engel stehen, denen gegenüber an der Spitze des israelitischen Gottesreichs Michael, einer der ersten Fürsten, erscheint. Gegen jene Weltgeister ist mit letzterem noch ein anderer Engel verbunden, welche H o f m a n n (Weiss. u. Erf. I, S. 312 f. Schriftbeweis I, S 287 ff.) als den guten Geist der heidnischen Weltmacht bezeichnet, der die Verwirklichung des Heilsratschlusses Gottes in der Heidenwelt zu fördern hat. Es ist natürlich, dass gerade dieser dem Daniel Kunde bringen muss, wo es sich um das Geschick handelt, das die Weltmächte dem Gottesvolk bereiten sollen. Er lässt nun den Propheten einen Blick tun in die unsichtbaren Kämpfe zwischen den Engelfürsten, in denen es sich entscheidet, wer auf die irdischen Machthaber den bestimmenden Einfluss ausübt, der gottwidrige Geist dieser Welt oder der gute, die Zwecke Gottes fördernde Geist. Was wir also spiritualistisch von einem Kampf des guten und bösen Geistes im Menschen bezeichnen, das nennt uns die Hl. Schrift nur wieder reel zu nehmen. Ähnlich schon 1Sam 16:13-15; 1Kön 22:22; die satanischen Einwirkungen, die wir aus dem Munde Jesu und der Apostel näher kennen, sind dem Wesen nach nichts anderes. Dadurch wird die Freiheit der menschlichen Handlungen nicht etwa aufgehoben; denn die Einwirkung der Geister auf das Innere des Menschen ist ja keine zwingende, und ihr Hauptgeschäft wird wohl in der Fügung der äußeren Umstände bestehen. Die Frage über das Verhältnis der göttlichen Weltregierung zur menschlichen Freiheit wird durch Hinzunahme des Engeldienstes nicht erschwert, sondern erleichtert.

Jener herrliche Engel, der dem Daniel erscheint, erzählt ihm nun, dass er einundzwanzig Tage lang mit dem der persischen Monarchie vorgesetzten Engel gekämpft und endlich mit Michaels Hilfe denselben überwunden und den Vorrang bei den Königen von Persien erlangt habe; er müsse aber noch weiter mit dem Vorsteher Persiens streiten und dann komme der des griechischen Reiches, dessen Überwindung ihm, wie er durchblicken lässt, trotz der Hilfe Michaels nicht so vollständig gelingen werde. Über die Bedeutung dieser Vorgänge in der Engelwelt gibt uns die Enthüllung der Zukunft Aufschluss, welche nun im 11. Kapitel folgt. Bei dem persischen Reich wird der gegen Gott und sein Volk feindselige Geist der Weltmacht noch überwunden und zurückgehalten werden, so dass die persischen Könige dem guten Geist folgen und Israel günstig sind. Nicht so unter dem griechischen Reich: da wird das Bundesvolk schon durch die Kämpfe de Ptolemäer unn Seleukiden vieles zu leiden haben, und endlich wird aus diesem Reich der Erzfeind erstehen.

Die Weissagung des 11. Kapitels zerfällt in drei Teile. Sie geht aus von einer kurzen Schilderung der persischen und griechischen Monarchie (Dan 11:2-4), schreitet dann zur Darstellung der wichtigsten Kämpfe der Ptolemäer und Seleukiden fort (Dan 11:5-20) und schließt sich einer ausführlichen und detaillierten Beschreibung des Antiochus Epiphanes ab (Dan 11:21-45). Wir sehen, alle auf die Weltmacht bezogenen Gesichte fügen sich den im Traum Nebukadnezars (Dan 2) gezogenen Linien ein und sind nur eine weitere, immer genauere Ausführung des dort gegebenen Grundrisses. Das 7. Kapitel enthält zunächst eine weitere Ausführung bezügliche der vierten Monarchie, indem es zeigt, wie aus den zehn Zehen oder Hörnern der Antichrist hervorgeht. Eben diese Weiterbildung des Früheren ist aber zugleich wieder eine Vorbereitung des Folgenden; denn nach dem im 7. Kapitel beschriebenen antichristlichen Muster wird nun im 8. Antiochus Epiphanes geschildert. Doch auch noch in einer anderen Beziehung, im Hinblick auf die dritte Monarchie, enthält das 7. Kapitel eine Weiterführung des 2., welche dann im 8. noch weiter verfolgt wird. In den vier Köpfen und vier Flügeln des Pardels (Dan 7:6) deutet sich schon die im Traum Nebukadnezars noch nicht offenbar gewordene Vierteilung des griechischen Reiches an, welche im 8. Kapitel in den vier Hörnern des Ziegenbocks, die statt des einen, großen Horns aufwachsen, noch deutlicher dargestellt ist, zugleich mit dem Fortschritt gegenüber dem 7. Kapitel, wie wir ihn im 7. gegenüber dem 2. in Bezug auf das römische Reich fanden.

Im 7. Kapitel nämlich steigt zwischen den zehn Hörnern des 4. Tieres, welche mit den zehn Zehen des Traumbildes Nebukadnezars identisch sind, das kleine Horn, der Antichrist hervor; im 8. aus einem der vier Hörner des Ziegenbocks, welche mit den vier Köpfen des Pardels identisch sind, das kleine Horn des Antiochus. Ähnlich ist nun das 11. Kapitel einen Weiterführung des 8. Die hier gegebenen Aufschlüsse über Persien und Griechenland, sowie über die Zerteilung des großen griechischen Reiches in vier kleinere werden nur kurz in Erinnerung gebracht als Ausgangs- und Anknüpfungspunkt der Weissagung, welche jetzt über Ägypten und Syrien, Ptolemäer und Seleukiden, die Könige des Südens und Nordens nähere Aufschlüsse bringen soll. "Nun lässt Daniel, sagt L u t h e r , die zwei Königreiche Asia und Gräcia fahren und nimmt die zwei, Syria und Ägypten, vor. Denn zwischen diesen beiden liegt das jüdische Land und hat Syrien gegen Mitternacht, Ägypten gegen Mittag, welche ewig Streit miteinander hatten. Darum wurden die Juden, weil sie so zwischen Tür und Angel steckten, zu beiden Seiten wohl geplagt. Jetzt fielen sie Ägypten zu, jetzt Syrien, danach war ein Königreich dem anderen überlegen, und mussten der Nachbarschaft viel entgelten, wie es denn geht in Kriegsläufen. Besonders da der lose Mann König in Syrien war, den die Historiker Antiochum den Edlen nennen, der griff gräulich auf die Juden, würgte und wütete als ein Teufel unter ihnen. Um dieses Schelmen und losen Vettern willen am meisten ist das Gesicht geschehen, zum Trost der Juden, welche er mit aller Plage plagen sollte."

Es ist übrigens sehr bemerkenswert, dass wir in Syrien und zudem die einzelnen Könige ebenso wenig genannt finden wie Rom. Diese Reiche lagen noch völlig außer Daniels geschichtlichem Horizont; daher konnte der Engel sie nicht namentlich benennen. kWie Rom dem Raum, so war ein selbstständiges syrisches Reich noch in ferner Zukunft. Syrien, schon von den Assyrern erobert (2Kön 16:9; Jes 8:4; Am 1:5), ging von ihnen als Provinz nacheinander an das babylonische, persische, griechische WEltreich über (Vgl. W i n e r s Realwörterbuch unter Damaskus, Aram, Syrien) und war slo in Daniels Tagen ein ganz unbedeutendes Land. Daher bezeichnet der Engel die syrischen Könige mit dem allgemeinen Ausdruck: Könige der Mitternacht, zunächst wohl an den prophetischen Sprachgebrauch erinnernd, in welchem die mitternächtliche Region das Land der Finsternis, des Unheils, der Feinde Gottes und seines Volkes ist (Joe 2:20; Jer 1:13-15; Jer 4:6; Jer 10:22; Jer 47:2; Sach 2:10). Wäre unser Buch erst im makkabäischen Zeitalter geschrieben, so ließe sich kein Grund erkennen, warum nicht Syrien ebenso tu, ja noch mehr genannt sein sollte, als Griechenland. Dieser Umstand gehört daher zu jenen kleinen, seinen Zügen, welche in ihrer zufälligen, natürlichen Art dem unbefangenen Forscher die wichtigsten Zeugen für Echtheit und Alter einer Schrift sind. Die Gegner können auch nicht etwa sagen, ihr makkabäischer Verfasser habe Syrien aus Furcht vor Antiochus nicht genannt, denn für jene Zeit sind ja Land und König auf unzweideutige Weise beschrieben. Der Umstand ist umso bedeutungsvoller, da Ägypten, dessen Fürsten den syrischen gegenüber die Könige des Mittags heißen, Dan 11:8.42 f. mit Namen genannt ist. Denn diese Monarchie ist nicht nur die alte, dem Israeliten so wohlbekannte Weltmacht, sondern sie war auch, als Daniel diese Offenbarung empfing, noch ein selbstständiges, ja blühendes Reich, das erst etwa ein Jahrzehnt später von Kambyses erobert und zu Persien geschlagen wurde. (Vgl. L e p s i u s in Herzogs Realenzyklopädie I, S. 150). Bei der Bezeichnung Könige des Südens und Könige des Nordens ist der palästinensische Standpunkt vorausgesetzt. Aber dieser ist nicht nur überhaupt der Standpunkt aller Weissagung, ja der ganzen Bibel (vgl. Dan 6:11), sondern die Rückkehr der Israeliten in ihr Land hatte ja im dritten Jahr des Kyrus, wo Daniel diese Offenbarung empfing, bereits begonnen. So trägt also die Bestimmung unseres Kapitels über die Feinde Israels nicht nur den spezifischen Charakter der danielischen Zeit an sich, sondern sie hat auch darin echt prophetische Art, dass sie bei aller Spezialität doch wieder verhüllt ist.

Und das stellt sich nun überhaupt als Charakter der ganzen, merkwürdigen Offenbarung dar, welche wir hier vor uns haben. Es ist wahr, sie ist die speziellste und detaillierteste aller Weissagungen, welche die Hl. Schrift enthält; und man muss wirklich an die Allwissenheit und an die reale Offenbarung Gottes im prophetischen Wort glauben, um sich nicht an ihr zu stoßen. Ja, es darf diesem 11. Kapitel für die Lehre von der göttlichen Präsenz eine dogmatische Bedeutung beigelegt werden. Die Annahme mancher Theologen (z. B. R o t h e, theol. Ethik S. 42; M a r t e n s e n, Dogmatik S 116) dass Gott den Weltgang nur in seiner reinen Abstraktheit, in seinem Ziel und seinen wesentlichen Entwicklungsknoten vorauswisse, verträgt sich mit unserer Stelle nicht. Freilich steht dieselbe in dieser Beziehung keineswegs allein. Das Wort jenes Gottesmannes in Bethel (1Kön 13:2), das den Namen des Königs Josia mehr als 300 Jahre im Voraus nennt, die Weissagung Jesajas von den 65 Jahre, ,welche das Reich Ephraim noch bestehen soll (Jes 7:8), die über Babel, ja über Kores (Jes 13:1-14.23; Jes 21:1-10; Jes 44:28; Jes 45:1), die prophetische Bestimmung der 70 Jahre des Exils bei Jeremia (Jer 25:11f.; Jer 29:10), die speziellen Aufschlüsse Heskiels über die Zerstörung Jerusalems (Hes 24:2; Hes 25-27) und anderes sind bedeutsame Analogien.

Die bedeutsamsten aber bietet immerhin das Buch Daniel selbst dar, und diese sind umso wichtiger, weil sie zugleich organische Vorbereitungen unserer Weissagung sind, welche sich zu ihnen als die abschließende Spitze verhält. Dann ist aber besonders noch mit H o f m a n n (Weiss. und Erf. I, S 313) ins Auge zu fassen, dass "diese Darstellung auch einem sonst nirgends vorkommenden Bedürfnis genügen muss", indem sie dem Volke der Wahl in den dunkelsten Jahrhunderten der Gottverlassenheit zum Licht auf seinem Wege dienen soll. Und dazu kommt endlich der schon angedeutete Charakter der Weissagung selbst. Dieselbe ist bei all ihrer Spezialität doch wahrlich nicht so angetan, dass dadurch der Schleier, der dem Menschen nach Gottes weisem Rat die Zukunft verbergen soll, auf eine ungehörige Weise weggezogen und die Zukunft unverhüllt vor das profane Auge hingestellt würde. Man nehme einmal das Kapitel vor sich und lese es durch, ohne Zuziehung der historischen Nachweise aus der Geschichte der Ptolomäer und Seleukiden: jeder wird es voll Rätsel finden. Und das musste natürlich noch in viel höherem Maße der Fall sein, als jene Geschichte noch eine zukünftige war. Diese Rätsel mussten den gläubigen Israeliten zur Forschung reizen, zum Vergleich mit den Zeitereignissen, und so erst empfing er nach und nach den Schlüssel des Verständnisses, eben damit aber zugleich den unermesslichen Trost, dass all dieses Welttreiben,unter welchem die Auserwählten seufzen mussten, im Rat des treuen Gottes zuvor ersehen und seinem Volke geweissagt sei. Wer überhaupt einmal etwas von dem Licht und Trost des prophetischen Wortes in trüben Zeiten des Weltgewühls empfunden hat, wird das verstehen Vgl. 2Petr 1:19.

Und hier sehen wir nun auch in die Ursache hinein, ,warum gerade mit dieser speziellen Weissagung zugleich ein so spezieller Aufschluss über den Geisterhintergrund der Geschichte verbunden ist. Das 10. Kapitel ist eine ebenso eigentümliche Erscheinung in der Bibel wie das 11. und diese beiden merkwürdigen Einzelheiten hängen offenbar untereinander nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich zusammen. Sie verhalten sich zueinander wie das Unsichtbare und das Zukünftige. Dem Volk Gottes musste ein Blick auf seine mächtigen Vorkämpfer und Bundesgenossen in der Geisterwelt ebenso stärkend und erhebend sein in der schweren Zeit wie ein Blick in die Weissagung. Wie Paulus die Epheser (Eph 6:12) zum Ernst im Kampf wider die Sünde anspornt, indem er ihnen vorhält, sie haben nicht mit Fleisch und Blut zu streiten, sondern mit Fürsten und Gewaltigen: so soll Daniel seinem Volk getrosten Mut zum Kämpfen und Ausharren unter dem Weltgedränge einflößen, indem er ihnen zeigt, dass nicht bloß sie selbst, die nur Fleisch und Blut sind, sondern mit ihnen auch Fürsten und Gewaltige den Weltwesen Widerstand leisten. In demselben Sinn bemerkt R o o s (S.13): "Der Name Herr Zebaoth kommt nirgends so häufig vor wie in den Propheten Haggai, Zacharias und Maleachi, die durch diesen Namen ohne Zweifel der Furcht begegnen wollten, welche die Juden als ein armes und verachtetes Volk vor der Macht der Heiden hatten, und ihnen versichern, dass ihr Gott, an den sie glaubten, noch Heere genug habe, sie zu schützen, ob sie gleich selbst keine weltliche Macht mehr haben, womit sie den Feinden die Spitze bieten könnten."

Wir können uns hier mit dieser allgemeinen Charakteristik des 11. Kapitels begnügen, da sich die nähere Entwicklung des Inhalts in allen wissenschaftlichen oder populären Auslegungen Daniels der Hauptsache nach übereinstimmend sind. Es sei hierfür auf H ä v e r n i c k oder H i t z i g, sowie auf S c h m i e d e r s Fortsetzung des Gerlach'schen Bibelwerks verweisen. Nur zwei Punkte bedürfen einer Besprechung, der Anfang und der Schluss des Kapitels.

Man hat es auffallend gefunden, dass Dan 11:2 die Reihe der Perserkönige schon mit Xerxes abschließt. Denn die drei Könige nach Kyrus, unter dessen Regierung Daniel die ganze Offenbarung erhält sind Cambyses, Pseudosmerdis, Darius Hystspis. Der vierte ist Xerxes, dessen Reichtum sprichwörtlich wurde, und der sich immer zurufen ließ Herr, gedenke der Athener! Unter im erreichte das persische Reich seinen Höhepunkt und entfaltete seine größte Machtfülle gegen Griechenland. Aber es wurde auch von Griechenland überwunden und geriet von da an immer mehr in Verfall. Seit der Schlacht bei Salamis lag der Schwerpunkt der Weltgeschichte nicht mehr im zweiten, sondern im dritten, dem hellenischen Reich. Jenes kommt daher nach einem Gesetz der Prophetie, das wir unten noch genauer kennen lernen werden, von jetzt an nicht mehr in eigentlichen Betracht. Der Engel geht Dan 11:3 zum griechischen Reich fort, und auch dieses fasst er sogleich in seiner welthistorischen Kulmination unter Alexander, von welchem an es erst für das Volk Gottes bedeutend wurde. So wandelt die Weissagung auf der Menschheit Höhen und schreitet über die Täler hinweg: sie beleuchtet mit ihrem Licht die Bergspitzen, die Köpfe und die Hörner. Er von jetzt an, Dan 11:5 ff., steigt sie auch in die Niederungen herab, weil Israel, das bisher Ruhe gehabt, nun in die Wechselfälle der syrisch-ägyptischen Kämpfe hineingezogen wurde.

Der zweite Punkt betrifft den Schluss der Weissagung über Antiochus Epiphanes. Dies beschreibt zuerst die frühersten Kämpfe de Königs mit Ägypten (Dan 11:21-27), sodann sein religiöses Verhalten, teils gegenüber Israel (Dan 11:28-35); teils im Allgemeinen (Dan 11:36-39), endlich seine letzten Unternehmungen und sein Ende (Dan 11:40-45). Schon aus dieser Inhaltsübersicht geht hervor, dass von Dan 11:36 an das typische Verhältnis des Antiochus zum Antichrist besonders stark hervortreten wird. Daher haben die älteren Ausleger meistens Dan 11:36-45 unmittelbar auf den letzteren bezogen. Dies ist aber von H ä v e r n i c k u. a. mit Recht als willkürlich aufgegeben worden. Nicht nur sind auch Dan 11:36-39 die Charakterzüge des Antiochus unschwer erkennbar, sondern Dan 11:40-45 finden wir den das ganze beherrschenden Gegensatz des Südens und Nordens wieder. Die Schwierigkeit aber ist in Bezug auf diesen letzten Abschnitt die, dass die Geschichtsschreiber von einem Zug des Antiochus nach Ägypten kurz vor seinem Tode nichts mehr berichten. Daher nehmen mehrere Ausleger, auch H i t z i g, an, die Weissagung gehe jetzt wieder auf die früheren Begebenheiten zurück und fasse sie abschließend zusammen. Allein dies erweist sich durch die ganze Textgestalt als ein bloßer Notbehelf. Wir müssen daher doch wohl der von Hieronymus aufbewahrten Notiz des Porphyrius Glauben schenken, das Antiochus in seinem elften Jahr, also 166-165 v. Chr. noch einen Zug gegen Ägypten unternommen habe, auf welchem er auch nach Palästina kam. Die Dan 11:44 erwähnten Gerüchte, welche sich ohne Zweifel auf die Widersetzlichkeit und denAbfall tributpflichtiger Völker bezogen, führten ihn hierauf in den Osten. Porphyr berichtet, Antiochus sei von Ägypten aufgebrochen, habe Arad (im Stamme Juda) genommen und den ganzen phönizischen Küstenstrich verheert, was zu der Aufschlagung der Palastzelte zwischen dem Mittelmeer und dem heiligen Berg Zion (Dan 11:45) gar wohl stimmt; hierauf sei er rasch gegen den König Artarxias von Armenien gezogen, welcher Unruhen angefangen habe. Auf diesem Zuge starb er in der persischen Stadt Tabes 164 v. Chr. wie übereinstimmend mit Porphyr und Polybius berichtet.

Den Schluss der Rede des Engels (Dan 12:1-3) werden wir an einer späteren Stelle näher beleuchten. Im übrigen hat das 12. Kapitel (Dan 12:4-13) abschließende Bedeutung, aber nicht bloß für dieses spezielle Gesicht, sondern e ist der Epilog des ganzen Buches. Denn nicht nur ist von diesem ausdrücklich die Rede in Dan 12:4, nicht nur wird Dan 12:13 Daniel von dem Engel für immer verabschiedet; sondern es enthält auch Dan 12:6-7 eine deutliche Rückweisung auf Dan 7:25, also auf die Zeit des Antichrists, während die folgenden Verse (Dan 12:8-12) von der des Antiochus handeln, wie besonders Dan 12:11 mit seiner deutlichen Anspielung auf Dan 11:31 zeigt. Es erscheinen also die beiden großen Drangsalszeiten, für welche unser Buch mit seinen beiden Teilen vorzugsweise bestimmt ist, in höchst bedeutungsvoller, ein helles Licht auf das Ganze zurückwerfender Weise zum Schluss nebeneinander gestellt. Der Ausblick auf die Zeit des Antichrist in einer sonst nur bis auf Antiochus gehenden Weissagung motiviert sich durch die Erwähnung der Auferstehung (Dan 12:2.3), welche ja unmittelbar nach der antichristlichen Zeit und gleichzeitig mit der Parusie des Messias in Herrlichkeit, wovon Dan 7 die Rede war eintritt. Darauf bezieht sich auch die Frage des Engels nach dem קֵץ הַפְּלָאֹֽות (Dan 12:6), zum Unterschied von der Frage Daniels nach der אַחֲרִית אֵֽלֶּה (Dan 12:8). Der Engel fragt nach dem Ende der wunderbaren Führungen Gottes überhaupt, der Prophet, welche den Aufschluss über die l e t z t e n Dinge nicht sogleich versteht (Dan 12:8), nach dem abschließenden Ausgang dieser, sich jetzt begebenden und zunächst bevorstehenden Dinge. Der Engel schaut mit himmlischem Auge weit hinaus ans Ziel der Weltgeschichte, der Prophet bleibt menschlich bei der näheren Zukunft seines Volkes stehen.

Das 9. Kapitel - Nähere Zukunft des Messias

Wie im ersten Teil unseres Buches zwischen die beiden Gesichte des 2. und 7. Kapitels einige nicht unmittelbar mit ihnen zusammenhängende Erzählungen eingefügt sind: so steht auch im zweiten Teil zwischen dem Anfangs- und dem Schlussgesicht noch ein besonderes, ganz anders geartetes Stück, das 9. Kapitel. Dieses beschreibt ebenfalls ein bedeutsames Erlebnis Daniels, das aber nicht zwischen ihm und der Weltmacht, sondern zwischen ihm und seinem Gott vorgeht und daher mit einer der merkwürdigsten und speziellsten Offenbarungen schließt, welche überhaupt die Hl. Schrift enthält. In dieser Hinsicht ist das 9. Kapitel eine nicht zu übersehende Vorbereitung des 10. und 11., die wir bereits betrachtet haben.

Von Anfang an finden wir uns hier auf einen vom bisherigen völlig verschiedenen Boden gestellt. Daniel sucht Aufschluss über die siebzig Jahre, welche nach der Weissagung Jeremias (Jer 25 und Jer 29) die babylonische Gefangenschaft dauern sollte (Dan 9:1-3), und erhält ihn, nachdem er inbrünstig und bußfertig für sein Volk zu Gott gefleht (Dan 9:4-19), durch den Engel Gabriel in der berühmten Weissagung von den siebzig Jahrwochen (Dan 9:20-27). Die Weltmächte bleiben also hier ganz aus dem Spiel. Israel und die ihm gegebene Heilsverheißung ist's, um was es sich handelt; denn deren Erfüllung musste ja oder konnte doch nach den bisherigen Aussprüchen der Propheten am Ende des Exils erwartet werden. Und so betrifft denn diese Weissagung, welche unten ausführlich besprochen werden soll, das Heil und seinen Träger, den Messias. Sie kündigt an, derselbe werde nicht unmittelbar nach dem Exil erscheinen; vielmehr seinen für sein Kommen von der allerdings bevorstehenden Wiederherstellung und Erbauung Jerusalems an noch siebenmal siebzig Jahre in Rechnung zu nehmen. Und auch dann werde er nicht in Herrlichkeit erscheinen, wie etwa Daniel nach den früheren Propheten oder nach der ihm selbst Dan 7 zuteil gewordenen Offenbarung erwarten mochte; sondern er werde getötet werden, dadurch aber die Sühnung der Sünden bewirken und Vielen Heil schaffen. Das Volk Israel im Ganzen jedoch, das Ihn verwerfe, werde selbst auch verworfen und Jerusalem samt dem Tempel zerstört werden und bleiben bis auf die von Gott bestimmte Vollendungszeit.

Der erste Teil unseres Propheten hatte wohl den endlichen Sieg des messianischen Reichs über alle Weltmächte in Aussicht gestellt, der zweite aber verkündigte die schweren Leiden und Versuchungen, welche Israel in der näheren Zukunft von Seiten der Weltmacht erfahren sollte, und so durfte nun auch ein Aufschluss darüber nicht fehlen, wie und wann das Heil in der näheren Zukunft erscheinen werde. Während nun aber in jener Endzeit, welche der erste Teil im Auge hat, das Kommen des Messiasreichs unmittelbar mit dem Sturz der feindseligen Weltmacht zusammenfallen wird, und daher beides je in ein Gesicht zusammengefasst werden konnte und musste, sowohl im 7. als im 2. Kapitel: wird dagegen in der näheren Zukunft nicht das gleiche der Fall sein. Die erste Erscheinung Christi im Fleisch schließt sich nicht unmittelbar an die des Antiochus Epiphanes an, und daher werden beide auch in der Weissagung vollständig auseinander gehalten. Denn dass die Ankündigung der Auferstehung (Dan 12:2.3) nicht so gefasst werden darf, als wolle der Engel den Anbruch des messianischen Reichs gleich nach dem Tode des Antiochus weissagen, werden wir später sehen. Die messianische Weissagung tritt im 9. Kapitel selbstständig zwischen die beiden, den alttestamentlichen Antichrist bestreffenden Gesichte hinein, als ein Trostwort für "die Verständigen". Über die Zeit zwischen Antiochus und Christus aber waren keine speziellen Aufschlüsse nötig. Denn es gab in derselben für Israel keine solche Versuchung mehr, wie die durch Epiphanes ihm bereitete; vielmehr entflammte der makkabäische Rückschlag gegen diese letzteren den Eifer für die väterliche Religion aufs Neue, und die Geschichte zeigt, wie die Juden von da an mit immer steigender Zähigkeit am Gesetz festhielten. Christus und Antichristus: das ist das Thema wie für den ersten, so auch für den zweiten Teil unseres Buches.

Wie weit nur das zeitliche und sachliche Verhältnis der messianischen Weissagung des 9. Kapitels zu der des 2. und 7., also das Verhältnis des sühnenden Opfertodes des Messias zu seiner herrlichen Erscheinung vom Himmel und im Zusammenhang damit das Verhältnis der (römischen) Zerstörung Jerusalems selbst zu klarem und bestimmten Bewusstsein gekommen sei, können wir nicht entscheiden. Es tut das aber auch nichts zur Sache. Denn auf ihn, wenn auf irgendeinen, wird das Wort 1Petr 1:10-12 seine Anwendung finden, dass sogar wahrscheinlich in ausdrücklichem Hinblick auf Dan 12:8 ff. geschrieben ist: (Vgl. H e n g s t e n b e r g. Beitr. , S 273 f.) Daniel weissagt sowohl von den Leiden des Messias als von den darauf folgenden Herrlichkeiten; Daniel hauptsächlich diente mit seiner Offenbarung nicht sich, sondern den kommenden Geschlechtern; Daniel vor allen anderen Propheten musste selbst erst wieder suchen und forschen, auf welche oder welcherlei Z e i t der in ihm waltende Messiasgeist deutete. So viel können wir wohl sicher vermuten, dass der gewaltige Kontrast, welchen beiderlei Weissagungen sowohl in Bezug auf die Zukunft des Messias als auf die des Volkes darbieten, dem Propheten viel zu denken gegeben haben wird. Als Spuren hiervon wird man die Stellen Dan 10:2 f. und Dan 12.8 ansehen dürfen. Was aber in dieser Beziehung dem Daniel etwa noch nicht verliehen war, das findet sich noch im A. T. selbst ziemlich deutliche geoffenbart bei S a c h a r j a. Dieser Prophet, welcher überhaupt die reichen Früchte aller bisherigen Weissagung sammeln darf, führt uns das Messiasbild nach seinen verschieden Seiten noch einmal zusammenfassend vor Augen, in einer Weise, dass man sieht: "es war für ihn der Gegensatz zwischen dem leidenden und verherrlichten Messias und zwischen der ersten und zweiten Ankunft des Messias schon bestimmt ausgeprägt." (J. P. S p a n g e, positive Dogmatik s. 688). Es wäre dies nicht wohl denkbar, wenn nicht Sacharja, wovon wir schon oben deutliche Spuren fanden, den Daniel vor sich gehabt hätte.

Drittes Kapitel:

Die Form der Weissagung: Die Apokalyptik

I. Die Aufgabe der Apokalyptik

Im Allgemeinen

Das Bisherige mag vorläufig über den Inhalt unseres Buches genügen. Wir glauben gezeigt zu haben, wie natürlich und notwendig sich derselbe in allen seinen Teilen aus der offenbarungsgeschichtlichen Situation des Exils ergibt. Eben damit hängt nun aber auch die Form der Weissagung sehr genau zusammen.

Das Buch Daniels steht zum A. T. und insbesondere zu den Propheten in dem gleichen Verhältnis wie die Offenbarung Johannis zum N. T. und insbesondere zu den prophetischen Aussprüchen Christi und der Apostel. Es ist die alttestamentliche Apokalypse. Von der großen messianischen Zukunft ist auch sonst im A. T., von der Wiederkunft oder Parusie Christi auch sonst im N. T. die Rede. Aber während sonst die Propheten nur die jeweilige Lage des Gottesvolkes in das Licht der Weissagung hinein stellen, und die Apostel je nach Bedürfnis ihrer Leser Aufschluss über einzelene eschatologische Punkte geben: haben Daniel und die Offenbarung Johannis nicht eine so spezielle Veranlassung und Bestimmung, sondern es ist ihnen die allgemeinere Aufgabe gestellt, der Gemeinde Gottes als prophetische Leuchten für die offenbarungslosen Zeiten zu dienen, in welchen sie in der Heiden Hände dahingegeben ist (καιροὶ ἐθνῶν, Lk 21:24). So haben wir Daniel als das Licht erkannt, welches zunächst die Nacht des halben Jahrtausends vom Exil bis auf Christum und die römische Zerstörung Jerusalems für die Verständigen in Israel erhellen soll; und so ist die johanneische Apokalypse den Heiligen des N. B. als Leitstern gegeben auf ihrer Pilgerfahrt durch die Welt von der ersten Erscheinung Christi oder näher von der Zerstörung Jerusalems an bis zu seiner Wiederkunft zur Gründung des Reiches der Herrlichkeit (vgl. Tit 2:11-13; Offb 1:7.22; Offb 17:20). Die letztere Zeit ist freilich auch schon von Daniel (Dan 2 und Dan 7) mit umfasst, und daraus erklärt sich der enge Anschluss der Offenbarung an diese danielischen Kapitel als eine innere Notwendigkeit. Aber Daniel schaut und schreibt von alttestamentlichem Standpunkt aus für Juden, Johannes von neutestamentlichem für Heidenchristen; und wir werden unten erkennen, was sich hieraus für Unterschiede ergeben.

Diese Bestimmung der Apokalypsen ist nun auch der einfache Grund, warum jedes der beiden Testamente nur eine eigentliche Apokalypse enthält, während sich doch im A. T. viele Propheten und im N. T. viele prophetische Aufschlüsse finden. Es gibt zwei große Offenbarungszeiten, die alt- und die neutestamentliche; auf sie folgen zwei große offenbarungslose Zeiten, die nachexilische und die kirchengeschichtliche; und die Apokalypsen sind die Lichter, welche von jenen aus diese beleuchten. Eben daher gehört die Apokalypse je zu den spätesten Büchern des betreffenden Kanons, in eine Zeit, wo die Offenbarung, eben im Begriff zu verstummen, noch einmal ihre ganze Kraft zusammennimmt. Dies letztere besagt denn auch der Name Apokalyptik. Eine ἀποκάλυψις (Offb 1:1), eine Offenbarung in besonderem, emphatischen Sinn ist es, welche den offenbarungslosen Zeiten, den Zeiten der Heiden zum Leitstern gegeben werden muss.

Hieran reihen sich zwei weitere Erscheinungen. Während unsere Bücher innerhalb ihres Kanons vereinzelt dastehen, haben sie dagegen umso mehr apokryphische Nachahmungen gefunden, z. B. die jüdischen und christlichen Sibyllinen, das buch Henoch, das 2. buch Esra, das Anbatiko des Jesuja usw. Es ist natürlich, dass die offenbarungslosen Zeiten, die noch unter dem frischen Eindruck der Offenbarung standen, sich in ihrem Nachbildungstrieb mit Vorliebe auf denjenigen Teil der heiligen Literatur warfen, welcher sie selbst zum Gegenstand hatte, um so mehr, da sich hier die wunderbarste, gesteigertste Form der jetzt schmerzlich vermissten übernatürlichen Offenbarung fand. Ebenso begreiflich ist aber die andere Erscheinung, dass in späteren Zeiten, welche, der Offenbarung ferne gerückt, kein lebendiges, inneres Verständnis mehr für dieselbe haben, sich die Kritik vorzugsweise an die Apokalypsen heften wird, gerade weil sie die wunderbarsten Erzeugnisse des Offenbarungsgeisstes sind. Besteht nun solche kritische Verkennung der Offenbarung überhaupt darin, dass man sie auf das Niveau der profanen Geschichte herabzieht, dass man die Grenzlinie des Kanonischen und Apokryphischen verwischt: So wird dies auch auf dem apokalyptischen Gebiet der Fall sein, und der Mangel an pneumatischem Verständnis der kanonischen Apokalypsen wird sich vornehmlich darin kundtun, dass man sie von den apokryphischen nicht mehr genügend zu unterscheiden weiß, dass man die heilige, scharfe Scheidelinie zwischen göttlicher Eingebung und menschlicher Dichtung auslöscht. Dies ist auch in neuerer Zeit mehrfach geschehen; und es ist dieses Verfahren, welches als das im eigentlichen Sinn unhistorische und unkritische bezeichnet werden muss, weil es die geschichtlichen Gestalten nicht in ihrem spezifischen, scharf umrissenen Charakter aufzufassen weiß und daher ohne gehörige Unterscheidung durcheinander mengt, allerdings auf apokalyptischem Gebiet am wenigsten zu verwundern.

Nicht umsonst steht die Offenbarung Johannes am Schluss des N. T.. Gerade diese Bücher sind bloß für diejenigen geschrieben, welche den ganzen übrigen Inhalt des Wortes in Glauben und geistlichem Verständnis sich zugeeignet haben. Dem gewöhnlichen Auge bieten sie Anstöße genug. So lange wir satt und reich sind in dieser Welt, so lange wir nicht im tiefsten Grund unseres Wesens nach dem Vollkommeneren, ja nach der persönlichen Erscheinung des Herr selbst (Offb 22:17.20 uns ausstrecken, so lange sind die Apokalypsen nicht für uns da. Niemand als das geschlachtete Lamm vermochte das Buch mit den sieben Siegeln aufzutun; niemand als wem die Welt gekreuzigt ist, vermag seine Geheimnisse zu lesen (Offb 5:1 ff.). Daniel und Johannes sind beim Empfang dieser vertrautesten Mitteilungen aus dem oberen Heiligtum betend und anbetend zu Boden gesunken; keiner wird auf anderem Weg zu ihrem Verständnis gelangen (Dan 8:17f; Dan 10:8ff.; Offb 19:10; Offb 22:8). Beide Bücher sprechen sich auch selbst in diesem Sinne aus. Sie machen insbesondere darauf aufmerksam, dass zu ihrem Verständnis nicht nur ein frommer Sinn im Allgemeinen, sondern Reinigung, Läuterung und Bewährung, vorzüglich in der Hitze der Anfechtung gehöre; daher nennt Johannes sich selbst in der Überschrift nicht bloß Bruder überhaupt, sondern Mitgenosse an der Trübsal und am Reich und an der Geduld Jesu Christi (Dan 12:10; Offb 1:9). Die Zeiten der Heiden überhaupt sind kümmerliche Zeiten, wo die Knechte auf ihren Herrn warten (Dan 9:25; Lk 12:35ff., 1Thes 1:10; Phil 3:20); ihre Spitze aber erreichen sie erst in der letzten Trübsalszeit. Für diese und ihre Vorboten sind daher die Apokalypsen eigentlich bestimmt, in ihr erst wird Schloss und Riegel völlig von ihnen gelöst. Und wenn auch die johanneische Weissagung zum Unterschied von der danielischen nicht versiegelt werden sollte, wie dies im Wesen der neutestamentlichen Zeit als der bereits eingetretenen Endzeit liegt: so verwahrt sich das Buch nur umso nachdrücklicher gegen jede Entstellung und spricht es wiederholt aus, dass zu seinem Verständnis Geduld und Glaube der Heiligen nötig sei und der Sinn, der Weisheit hat (Dan 8:26; Dan 12:4.9f; Offb 22:10f.; Offb 22:18f.; Offb 13:10.18; Offb 14:12; Offb 17:9). Es kann daher nicht anders sein, als dass in gewöhnlichen Zeiten und mit gewöhnlichen Mitteln nur eine unvollkommene Würdigung dieser Bücher möglich ist, und dass sich an ihnen vergreifen muss, wer die Grundbedingungen übersieht, welche sie selbst für ihr Verständnis so klar vorzeichnen.

Aus der angegebenen Stellung und Aufgabe der Apokalypsen erklärt sich nun auch der eigentümliche Charakter, der ihre Weissagung von der übrigen Prophetie unterscheidet. In Zeiten lebendiger Offenbarung, wo ein Prophet auf den anderen folgt, eine apostolische Belehrung die andere ergänzt, braucht nicht so viel in eine prophetische Schrift zusammengedrängt zu werden. Die Apokalypsen aber müssen gemäß ihrer Bestimmung, das Verhältnis von Welt und Gottesreich für die Zeiten, denen das Licht der unmittelbaren Offenbarung fehlt, prophetisch zu beleuchten, einerseits universeller im Überblick und andererseits spezieller in der Detailschilderung sein. Und dies kann nur dadurch geschehen, dass der Gott, der die Weltgeschichte lenkt, den Sehern besonderes Aufschlüsse über die Zukunft gibt, welche über das Maß der gewöhnlichen Prophetie noch weit hinausgehen.

Jene erste Eigenschaft der Apokalypsen, die Universalität des Überblicks, stellt sich darin dar, dass sie Zusammenfassungen, göttliche Kompendien der gesamten Weissagung ihrer Testamente sind. Was in den Reden des Herrn und in den Schriften der Apostel von eschatologischen Aufschlüssen zerstreut ist, das findet sich in der Offenbarung Johannis an einem lebendigen Ganzen verbunden, so dass erst aus ihr heraus dem Einzelnen seine richtige Stellung in der Gesamtentwicklung angewiesen werden kann. Hier erst ist z.B. ein klare Unterscheidung gegeben zwischen der parusie Christi zur Gründung seines (tausendjährigen) Reiches auf Erden und zwischen seiner Zukunft zum Weltgericht, während die Evangelien und Briefe noch viele Stellen enthalten, bei denen man zweifelhaft sein kann, ob die eine oder die andere gemeint oder beide zusammen geschaut seien, wenn gleich zu bemerken ist, dass die Exegese im Ganzen bis jetzt hierin wohl vieles verfehlt und übersehen hat, weil man immer zu rasch mit dem Weltgericht bei der Hand war und die Idee des ihm vorangehenden Gottesreiches auf Erden nicht in der hohen Bedeutung würdigte und anerkannte, welche sie auch in der Lehre Jesu und der Apostel hat. Ebenso bietet Daniel eine Zusammenfassung aller wesentlichen Momente der alttestamentlichen Eschatologie d. h. der messianischen Weissagung. Wie daher die Offenbarung Johannis es ist, in welcher der Unterschied zwischen der zweiten und dritten Zukunft des Herrn allein mit zweifelloser Klarheit hervortritt, so ist es unser Prophet, bei welchem sich zuerst eine deutliche Unterscheidung zwischen der ersten Erscheinung des Messias im Fleisch und der zweiten in der Herrlichkeit findet.

Aber nicht bloß auf die messianische Zukunft, sonder auch die bis zu ihr hinverstreichende weltgeschichtliche Zukunft wird in den Apokalypsen Gegenstand bestimmterer Offenbarung, ,während sonst die Propheten und Apostel die Weltmacht in ihrer gegenwärtigen Gestalt mit der Schlussentfaltung derselben zusammenschauen und daher die messianische Zeit meist als nahe bevorstehend verkündigen. Was die Prophetie perspektivisch zusammen schaut, das legt die Apokalypse in seine einzelnen Entfaltungen und Zeiträume auseinander. So sind bei Daniel einerseits die vier Weltmonarchien die apokalyptische Entfaltung der einen Weltmacht, welche die Propheten je nach ihrer geschichtlichen Stellung Assur oder Babel u. dgl. genannt hatten; andererseits ist die messianische Weissagung des 9. Kapitels nichts anderes als die Auseinanderlegung des typischen und den antitypischen Heiles, der vorläufigen Erlösung aus dem Exil und der vollen messianischen Erlösung, welche von den Propheten noch zusammen geschaut worden waren. Desgleichen muss die Offenbarung Johannis wohl unter anderem auch unter den Gesichtspunkt gestellt werden, dass sie den Christen, welche nach Mt 24. die Parusie mit der Zerstörung Jerusalems gleichzeitig erwarten konnten, einen weiteren Aufschub derselben verkünden und einen Blick in die ihr vorangehenden Zeiten der Heiden eröffnen soll, was sich mit einem scheinbar entgegengesetzten, sogleich zu besprechenden Zweck, den sie namentlich für die späteren Zeiten hat, wohl vereinigen lässt.

Und hier schließt sich nun an die Universalität des Überblicks unmittelbar die andere Eigenschaft an, durch welche die Apokalyptik ihre Aufgabe erfüllt, die Spezialität der Weissagung. Die Apokalyptik gibt beides, mehr weltgeschichtliches und mehr eschatologisches Detail, als die Prophetie. Dahin gehört dann besonders auch ein charakteristisches Merkmal derselben, auf das wir unten aus Anlass der siebzig Jahrwochen näher zu sprechen kommen, das bedeutende Hervortreten der Zahlen und der in ihnen ausgedrückten chronologischen Bestimmungen. IN Beziehung auf diese ganze zweite Eigenschaft findet jedoch ein charakteristischer Unterschied zwischen der alt- und der neuttestamentlichen Apokalypse statt, welcher jetzt näher ins Auge zu fassen ist.

Unterschied der alt- und neutestamentlichen Apokalyptik

Es war nämlich im alten Bund eine spezielle Weissagung für die offenbarungslose Zeit umso nötiger, weil damals das Volk Gottes in seinen Leiden den Trost, der uns Christen geschenkt ist, nämlich die Aussicht auf das unvergängliche Erbe im Himmel noch nicht hatte, da dem Tod die Macht noch nicht genommen und den Menschen der persönliche Eingang in die obere Licht- und Lebenswelt noch verschlossen war. Die Christengemeinde ist ihrem eigentlichen Lebenskern nach dem Wesen dieser Welt schon entnommen und ins himmlische Wesen versetzt; ihr Herz und Schatz, ihr Wandel und Bürgerrecht ist im Himmel bei ihrem verklärten Herrn, und zugleich hat ihr das Kreuz Christi auch die Leiden und Anfechtungen dieser Zeit ein für allemal ins recht, göttliche Licht gestellt (Eph 2:6; Phil 3:20; Kol 3:1-4 und namentliche 2Kor 4:8 - 2Kor 5:8). Kurz, das Verhältnis der gegenwärtigen und zukünftigen, der diesseitigen und jenseitigen Welt ist für diejenigen, welche aus Gott geboren und schon jetzt des ewigen Lebens teilhaftig sind, das gerade umgekehrte, wie für die vorchristliche, auch die israelitische Menschheit. Auch Israel war ja über die Elemente des Weltwesen noch nicht hinausgehoben; auch das Heiligtum des alten Bundes war noch ein irdisches Heiligtum (Gal 4:3.9; Hebr 9:1). Es sollte und konnte der Blick Israels noch nicht in die himmlische, sondern nur in die irdische Zukunft gerichtet sein, da auf eRden die Erscheinung dessen bevorstand, in welchem alle Absichten und Begegnungen Gottes mit seinem Volke ihre Erfüllung finden sollten. Daher ist der Kern der alttestamentlichen Prophetie überhaupt die Lehre vom Reich Gottes auf Erden. (Vgl. D e h l e r, Veteris Test. sententia de rebus post mortum futuris p. 54 sq.)

War aber das Herz Israels noch nicht im Himmel, so musste es gegen die irdischen Versuchungen umso besser gewappnet werden; war nach göttlicher Absicht der Blick des Volkes in die irdische Zukunft gerichtet, so musste ihm nun eben diese bis dahin, wo der Messias auf Erden erschien, auch sehr genau enthüllt werden. Die Spezialität der Weissagung irdischer Geschicke musste ersetzen, was auf alttestamentlichem Boden noch an Ausblick in die himmlische Herrlichkeit fehlte. Daher finden sich bei Daniel und zwar gerade im zweiten Teil, der sich auf vorchristliche und urchristliche Zeit bezieht, so ungemein detaillierte Weissagungen, viel detailliertere als bei Johannes, sowohl was die welthistorischen Tatsachen als was die chronologischen Bestimmungen betrifft. In ersterer Beziehung kennen wir die Offenbarung des 11. Kapitels über die syrisch-ägyptischen Kämpfe mit ihren Schlachten, Eroberungen, Heiraten usw. als die speziellste Weissagung der ganzen Hl. Schrift. Nicht minder wunderbar sind aber die chronologischen Details sowohl hinsichtlich der Zeit des Antiochus als hinsichtlich der messianischen Zeit (Dan 8:14; Dan 12:11.12; Dan 9:24-27). Bei letzterer sind sie für die ganze Zeit bis zur Erfüllung hin bis auf das Jahr, bei ersterer für die Erfüllungszeit selbst bis auf den Tag hinaus genau angegeben.

Und hier schließt sich nun auch ein weiterer, charakteristischer Unterschied zwischen der alt- und neuttestamentlichen Apokalypse an. Daniel muss seine Gesichte versiegeln (Dan 8:26; Dan 12:4), Johannes soll sie nicht versiegeln (Offb 22:10), und das deswegen, weil jenem gesagt werden muss, die Weissagung gehe auf ferne Zeit hinaus, sei also für die unmittelbar bevorstehende Zukunft noch dunkel, während es bei diesem umgekehrt heißt, was er schaue, werde bald geschehen, die Zeit sei nahe (Offb 1:1.3; Offb 22:6f.). Wir würden eher das Umgekehrte erwarten, zumal da gerade die Gesichte Dan 8: und Dan 11-12, wo sich die Bestimmungen finden, nur bis auf Antiochus Epiphanes gehen.*)

*) Wenn die Zeit des Antiochus die Z e i t des E n d e s heißt (Dan 8:17.19; Dan 11:40; vgl. Dan 12:4), so darf uns das nicht irre machen. Es ist dies überhaupt der prophetische Ausdruck für die Zeit, welche als Erfüllungszeit am Ende des jeweilgen prophetischen Horizontes liegt; vgl. namentlich 1Mo 49:1; 4Mo 24:14.

Es muss also hier eine heilige Absicht zugrunde liegen; um so mehr, da Offb 22:10 der Gegensatz zu Daniel offenbar ein bewusster und bezweckter ist. Die Verschiedenheit ist wohl in der verschiedenen Bestimmung beider Apokalypsen begründet, und wir versuchen, wenigstens einige Anhaltspunkte darüber zu geben.

Mit der Spezialität der apokalyptischen Weissagung des A. B. hängt es zusammen, dass wo nicht, wie Dan 9 die Erfüllung chronologisch genau vorgegeben ist, doch wenigstens über die ungefähre Zeit derselben ein deutlicheres Bild gegeben wird. Es war dies umso nötiger, da wir wissen, wie begierig man in Israel, wenigstens in den kümmerlichen, nachexilischen Zeiten (anders z. B. Zeph 1:12-14!) die Erfüllung der Weissagung erwartete, it welcher Hast das Zeichen suchende Volk auf sich auf solche Dinge warf. Noch die Zeit Jesu und die folgenden Jahrzehnte geben dafür Belege genug. Hier galt es also, unzeitigen Eifer zu dämpfen.

Der N. B. dagegen ist die schon eingetretene End- und Erfüllungszeit (1Kor 10:11; 1Petr 1:20; Hebr 9:26); und mögen sich die Zeiten der Heidenkirche auch in die Länge ziehen, so sind sie doch, wie der Heidenapostel selbst andeutet (Röm 11:12.15), für die gesamte Reichsentwicklung, welche das Wort der Weissagung im Auge hat, für die göttliche Taxierung der Ereignisse Tage geringer Dinge, rasch dahin eilende Zwischenzeiten, auf welche Petrus vorzugsweise das Wort anwendet; dass tausend Jahre bei dem Herrn wie ein Tag seien (2Petr 3:8.9). Diese Kürze der Zeit muss gerade der Heidenkirche, für welche Johannes seine Offenbarung zu schreiben hat, umso mehr eingeschärft werden, je mehr sie eben vermöge ihres heidnischen Ursprungs geneigt ist, sich in diese Welt hineinzuleben und der Zukunft des Herrn zu vergessen. Wohl hat sie als Kirche des N. B. vor dem Volk des A. B. dies voraus, dass ihr im Geiste schon der Himmel aufgeschlossen ist; aber dem Fleische nach führt sie ihr Dasein noch in dieser Welt und ist deren Versuchungen doppelt ausgesetzt, weil sie nicht mehr äußerlich von ihr geschieden lebt. Bedarf sie daher vermöge ihrer Vollkommenheit in Christo keine so speziellen Voraussagen mehr, wie die alttestamentliche Gemeinde, so bedarf sie doch wegen der ihr immer noch anklebenden Unvollkommenheit im Fleisch der steten Hinweisung auf das Vorübergehen des jetzigen Weltzustandes und auf das nahe Kommen des Herrn, einer Hinweisung, welcher ihr in Zeiten der Trübsal zum Trost, in Zeiten der Schläfrigkeit und Weltseligkeit aber zum Weckruf wird. Und wenn nun die Offb einerseits die Hinausschiebung der Parusie andeutet, wohin namentlich auch die Aufeinanderfolge der sieben Siegel, Posaunen und Schalen weist (vgl. B a u r in seinen und Zellers theol. Jahrbüchern 1852, IV, S 444 ff.) und andererseits doch wieder mit erhobenem Finger verkündigt: Siehe, ich komme bald; so tut sie hiermit nichts anderes als Jesus selbst, der deutlich von dem Verzug seiner Wiederkunft sprach, aber eben deswegen nur umso mehr Wachen und Warten empfahl (Mt 25:5.13.19; Mk 13:32-37).

II. Das Wesen der Apokalyptik

Subjektive Form: Traum, Vision

Sind die Apokalypsen diese eigentümlichen und für eine so eigentümliche Aufgabe bestimmten Offenbarungen, wie wir sie im bisherigen kennenlernten, so werden sie sich den Sehern auch auf eine andere Weise vermittelt haben, als die gewöhnlichen Weissagungen. Wie das geschehen sei, haben wir jetzt zu untersuchen.

Schon der Name der Apokalyptik, welcher in der Stelle Offb 1:1 seine biblische Begründung und Berechtigung findet, deutet an, dass die menschliche Vermittlung im Propheten hier gegen die göttliche Enthüllung und Mitteilung zurücktritt; denn Offenbarung bezeichnet eine göttliche, Prophetie, Weissagung eine menschliche Tätigkeit. Vgl. Dan 2:22.23, wo es von Gott heißt: Er offenbart Tiefes und Verborgenes, erkennend, was im Finstern ist, und das Licht ist bei ihm; und Offb 1:1.2, wo der überirdische Faktor ein dreifacher ist: Gott hat die Offenbarung Christo gegeben, und dieser sie durch seinen Engel dem Johannes zu weiterer Kundmachung angedeutet. An sich beruht natürlich jede biblische Weissagung auf göttlicher Offenbarung, so dass die beiden Worte das subjektive und das objektive Moment derselben Sache bezeichnen (s. 1Kor 14:29.30) und daher auch von derselben Sache gebraucht werden können, wie denn Johannes seine Apokalypse, welche Offb 1:1 Jesu Christi heißt, Offb 1:3 die Worte der Weissagung nennt. Eben daher werden aber auch wieder beide Begriffe unterschieden und für zwei verschiedene Arten derselben Gattung gebraucht, je nachdem die objektive Enthüllung oder die subjektive prophetische Begeisterung besonders hervortritt. So heißt es 1Kor 14:6: Entweder durch Offenbarung oder durch Weissagung.

Der Prophet steht noch im Zusammenhang mit der Außenwelt. Zu Fürst und Volk, wie die alttestamentlichen, zur Gemeinde, wie die neutestamentlichen Propheten, ,redet er Worte, die der Geist Gottes, den menschlichen Geist gewaltig durchdringend, ihm eingibt. Während aber der Prophet nur im Geiste r e d e t (vgl. 1Kor 12:3 εἰ μὴ ἐν πνεύματι ἁγίῳ ), ist dagegen der Apokalyptiker mit seiner ganzen Person im Geiste (Offb 1:10; Offb 4:2). Die Tätigkeit von Seele und Leib, wodurch der Mensch mit der Außenwelt in Verbindung steht, ist ganz zurückgetreten, weswegen Paulus von einem solchen Zustand, den er selbst erlebte, sagt, er wisse nicht einmal, ob er dabei im Leibe oder außer dem Leibe gewesen sei (2Kor 12:2.3). Nur der Geist, wodurch wir mit Gott und der unsichtbaren Welt zusammenhängen, ist im apokalyptischen Zustand tätig oder vielmehr empfangend; denn alle rechtet Tätigkeit des Menschen Gott gegenüber kann ja nur ein Empfangen sein. Der Mensch ist also hier, wo es sich nicht sowohl um eine unmittelbare Einwirkung auf die Zeitgenossen, als vielmehr um eine Eröffnung an alle kommenden Geschlechter handelt, allein mit dem sich offenbarenden Gott und vernimmt lediglich, was ihm von oben her enthüllt wird, da die Hülle von der unsichtbaren Welt vor seinem Geiste weggezogen ist. Die Himmel taten sich auf, sagt Hesekiel (Hes 1:1), und ich sah Gesichte Gottes. Daher heißt dieser Zustand E k s t a s e (Apg 10:10; Apg 11:5; Apg 22:17), ein Hinausgestelltsein aus den Beziehungen des irdischen Lebens ein der Welt entrückt und in den Himmel entzückt werden (ἁρπαγέντα ἕως τρίτου οὐρανοῦ 2Kor 12:2.4). Und daher führen auch die apokryphischen Apokalypsen Titel wie Himmelfahrt u. dgl.

Aus demselben Grunde ist die subjektive, psychologische Form der Apokalyptik der T r a u m - denn in diesem sind wir ja dem Zusammenhang mit der Außenwelt entnommen, und es geht uns eine neue Welt von Bildern und Vorstellungen auf, - oder auf höherer Stufe die V i s i o n, das Gesicht. Charakteristisch ist in dieser Beziehung die Zusammenstellung des Paulus 2Kor 12:1: Gesichte und (in ihnen) Offenbarungen des Herrn: "Auf den niederen Stufen ist der Zustand ein rein traumartiger, und die Apokalypsen werden den Menschen zuteil in nächtlichen Träumen, auf den höheren Bildungsstufen kann die Ekstase auch in sonst wachem Zustand eintreten; aber ist sie ein Zustand, wo das irdische Bewusstsein, das dialektische Denken udn seine Gnosis zurücktreten, Wort und Begriff vergehen, und der menschliche Geist, von demGeiste Gottes überflutet, sich ganz und gar in den göttlichen Dingen versenkt." (L ü c k e a.a.D., S 28, vgl. überhaupt S. 17ff.) Weil sich im Traum oder in der Vision eine ganze Geschichte vor dem inneren Auge des Menschen aufrollt, so sind gerade diese psychologischen Formen der Offenbarung spezifisch geeigneten für die Mitteilung jener speziellen Aufschlüsse, wie sie dem Obigen die Bestimmung der Apokalyptik erfordert.

Im Buch Daniels zeigt sich in dieser Beziehung ein schöner und merkwürdiger Fortschritt. Wie haben schon früher darauf hingewiesen, dass die Auslegung des Traumes Nebukadnezars für den Propheten selbst eine propädeutische Bedeutung hatte. Aber auch von den folgenden Offenbarungen bereitet immer die eine auf die andere wie in materieller, so auch in formaler Beziehung vor, so dass wir klar zu verfolgen imstande sind, wie Gott selbst den Propheten stufenweise für den Empfang immer bestimmterer Aufschlüsse erzog. Zuerst träumt also Nebukadnezar, und Daniel legt nur aus (Dan 2 und Dan 4); später hat Daniel selbst einen Traum, aber nur erste ein nächtliches Traumgesicht (Dan 7:1.2); darauf folgt eine Vision in wachem Zustand (Dan 8:1-3); endlich bei den letzten beiden Offenbarungen (Dan 9 und Dan 10-12), wo Daniel, ein schwacher und zitternder Greis (Dan 10:8ff.), dieser irdischen Welt ohnedies schon halb entrückt ist, bedarf's wie es scheint, auch der visionären Verzückung nicht mehr. Da sieht und hört er die Engel reden, wie Menschen, in ganz gewöhnlichem Zustand, während seine Umgebungen die Erscheinung aus der höheren Welt nicht sehen und nur von Schrecken überfallen werden, wie die Begleiter des Paulus bei Damaskus (Dan 9:20ff; Dan 10:4ff. vgl. Apg 9:7).

Es ist einleuchtend, wie mit diesem formalen Fortschritt der materielle in der Spezialität der Weissagungen Hand in Hand geht. Zuerst wird nur der allgemeine Grundriss gezeichnet, der sich nach und nach bestimmter und detaillierter ausfüllt. Die beiden letzten Weissagungen, das 9. Kapitel mit seinen chronologischen und das 11. mit seinen historischen Details, sind weitaus die speziellsten. Was die Offenbarungsform der johanneischen Apokalypse betrifft, so findet sich hier keine solche fortschreitende Mannigfaltigkeit, wie bei Daniel, sondern Johannes empfing seine Offenbarung an einem Tage und auf eine Weise (Offb 1:10; Offb 4:2), welche der entwickelteren danielischen entspricht, wie wir sie im 8. Kapitel finden. Jene unekstasischen Visionen oder vielmehr Auditionen, welche uns Dan 9. 12 entgegentreten, haben in der Offb. Joh. keine Analogie; denn der neutestamentliche Apokalyptiker hat ja keine so detaillierten Offenbarungen zu empfangen. Wohl aber ist es dem Geiste des N. T. gemäß, dass die Offenbarung nicht in nächtlichen Traumgesichten, wie auch noch bei Sacharja, sondern in der vollendetsten Form der Ekstase, in wachen, taghellen Visionen sich vermittle.

Objektive Form: die Symbolik

Dies alles bezieht sich aber nur auf die subjektive Form der Apokalyptik; wir haben nun auch noch die objektive kurz ins Auge zu fassen, den Gegenstand des Träumens und Schauens, in welchem die Offenbarungswahrheiten sich sinnlich, dem inneren Sinne wahrnehmbar ausprägen.

In der Prophetie gibt sich der das menschliche Offenbarungsorgan beseelende Gottesgeist seinen unmittelbaren Ausdruck im Wort, in der Apokalyptik tritt das Wort zurück aus dem 2Kor 12:4 angegebenen Grund ("er hörte unaussprechliche Worte, die ein Mensch nicht sagen darf."); es tritt hier ein neues Element hervor, welches dem subjektiven Moment des Schauens, der Vision korrespondiert. Dem Propheten im weiteren Sinn - öffnet sich jetzt der Blick in die unsichtbare Welt, er kommt mit Engeln in Verkehr; und wie er so das Unsichtbare schaut, so schaut er auch das Zukünftige, das sich ihm in plastischen, symbolischen Gestalten verkörpert, wie im Traum (Vgl. S c h u b e r t s Symbolik des Traums) nur dass diese Bilder nicht Ausgeburten der eigenen Phantasie, sondern Produkte der an den menschlichen Gesichtskreis allerdings wesentlich sich anschließenden göttlichen Offenbarung sind. Jed göttliche Enthüllung der Wahrheit ist nämlich zugleich wieder eine relative Verhüllung derselben vor profanen Augen; man erinnere sich nur an die Gleichnisse Jesu und seine eigenen Aussagen über dieselben (Mt 13:10-15). So nun auch die Apokalyptik. Auch durch die spezielleren Enthüllungen der Zukunft, deren Mitteilung ihre Aufgabe ist, darf "das menschliche Verhältnis zur Geschichte nicht zerstört werden"; der Mensch soll wissen und doch auch nicht wissen, was künftig ist, damit er auch das Geweissagte noch glauben und hoffen müsse und nicht die Zukunft gleich der Vergangenheit vor ihm stehe. "Immer, sagt Preiswerk, hat der Herr das, was er durch die Propheten voraus verkündigen ließ, so dargestellt, dass die Sache klar genug war für den, der mit geheiligter Einsicht sich ihr nahte, und doch auch verhüllt genug, um die Freiheit menschlicher Handlungen nicht zu beschränken. Denn wo bliebe die Verantwortlichkeit der Menschen, wo alle lebendige Bewegung derselben, wo sogar Mut, Hoffnung und Glück, wenn die unabänderlichen Ratschlüsse des Ewigen in unverhüllten Zügen uns vor Augen gelegt wären? Man stände einer eisernen Notwendigkeit gegeüber, die auf uns die entmutigende, lähmende Wirkung äußern müsste, welche wirklich zuweilen an Menschen beobachtet wird, die an eine für sie bestimmte Wahrsagung glauben." (Vgl. L ü c k e S. 403, N i t z s c h, System der christl. Lehre, 5. Ausg., S 87. 92; P r e i s w e r k a.a.D., S. 269f.)

Aus diesem Grunde ist der Apokalyptik die symbolische Form eigentümlich, welche mit der parabolischen, die wir in den Reden Jesu finden, in naher Verwandtschaft steht. Die Symbole, wie die Parabeln, sind heilige Rätsel, welche die Aufmerksamkeit wecken sollen: dem, der aufmerken und lernen will, schließen sie das himmlische Geheimnis auf; dem aber, der ein verhärtetes Herz und schlummernde Augen hat, schließen sie es zu. Die in der Geschichte waltenden Mächte treten daher in der Apokalyptik nicht unverhüllt als solche, sondern nur unter gewissen Bildern von Steinen, Pflanzen (Dan 4), Tieren, Menschen usw. auf, welche, wie die Gleichnisse des Herrn, selbst erst wieder einer Deutung bedürfen. Und wenn dann auch Engel Anhaltspunkte zum Verständnis dieser Symbole geben (Dan 7:6ff. Dan 8:19ff. Offb 17:1f.7ff. Offb 21:9ff.), so wollen das, wie schon früher erinnert werden musste, nicht vollständige Erklärungen sein, sondern nur Fingerzeige, Wegweiser, welche doch immer dem Glauben noch genug zu forschen und bei herannahender Erfüllung der Weissagungen aufzumerken übrig lassen. Denn sollen diese nur für den Weisen verständlich sein, so können sie nicht zugleich ihre plane Auslegung neben sich haben. Wie sehr die Absicht einer relativen Verhüllung durch die symbolische Form auch wirklich erreicht worden ist, geht aus nichts schlagender hervor, als daraus, dass es heut noch kaum strittigere exegetische Fragen gibt, als die danielische zwei Ansichten einander schroff gegenüber stehen, und in Bezug auf die johanneische nach zahllose Deutungen die richtige erst noch zu finden ist und sich nur allmählich bei fortschreitender Erfüllung darbietet.

Wie also die subjektive Form der Apokalyptik die Vision ist, so ist die entsprechende objektive Form derselben die S y m b o l i k. In Bezug auf das Verständnis der apokalypischen Symbolik ist noch viel zu tun, namentlich hinsichtlich der johanneischen Apokalypse, wo bekanntlich die Entscheidung, was eigentlich, was symbolisch zu nehmen sei, nicht immer so leicht und einfach ist. Hierbei ist besonders der Unterschied zwischen dem Unsichtbaren, aber schon jetzt in der himmlischen Welt Existierenden und dem Zukünftigen von Bedeutung (was da ist und was geschehen soll, Offb 1:19). Dass das Letztere symbolisch dargestellt werden muss, versteht sich von selbst, obwohl auch hier noch manche Fragen übrig bleiben; wo aber bei Schilderungen, wie Offb 4 und Offb 5, die Realität aufhört und das Symbol anfängt, bedarf genauerer Untersuchung. Worauf es hier ankommt, das ist vor allem die Zurateziehung des gesamten sachlichen und sprachlichen Apparates, welchen uns die Hl. Schrift selbst und besonders das prophetische Wort darbietet. Analogien, welche außerhalb des Offenbarungsgebietes liegen, dürfen nicht vernachlässigt, aber sie müssen streng unterschieden und bewusst in die zweite Reihe gestellt werden. Das allein ist wahrheitsgemäße, historisch-kritische Forschung. Das Biblische ist von oben her, das Außerbiblische ist von unter her; das macht den Wesensunterschied beider aus, mögen sie einander in der äußeren Erscheinung auch noch so ähnlich sehen.

Von diesem Gesichtspunkt aus haben wir oben die danielische Menschen- und Tiersymbolik zu beleuchten gesucht; in derselben Weise soll unten versucht werden, die symbolischen Gestalten der Offenbarung Johannis zu erklären, so weit sie hierher, in die Parallele mit Daniel herein gehören. So nur wird sich die Auslegung auf feste, klare Prinzipien zurückführen und der immer wiederkehrenden Willkür ein Ende machen lassen. Auch die Symbole der Offenbarung reduzieren sich auf den Gegensatz der Tier- und Menschengestalt. Den beiden Tieren samt dem Drachen stehen Weib und Hure gegenüber. Das Tierwesen kennen wir aus Daniel; wir haben da nur auf die näheren Modifikationen zu achten, welche dasselbe bei Johannes gewinnt. Neu dagegen sind die Gestalten des Weibes und der Hure, welche dem Menschensohn bei Daniel entsprechen. Da wird es sich also um den Unterschied des Männlichen und Weiblichen handeln; es wird zu untersuchen sein, was die Bedeutung des Weibes und was die Bedeutung der Hurerei in der Hl. Schrift und zumal in der Prophetie ist. Jeder mit ihrem Sprachgebrauch einigermaßen Vertraute sagt sich nun sogleich: das Weib bedeutet die Gemeinde udn Hurerei die Untreue der Gemeinde gegen ihren göttlichen Eheherrn. Damit ist im Prinzip auf einfache und wie ich denke, notwendige Weise über die Deutung dieser Symbole entschieden. Auch auf die zwei Zeugen (Offb 11.), welche nicht in unseren Untersuchungskreis gehören, möchte von hier aus das rechte Licht fallen.

In der Symbolik wird also, wie in der Parabolik das Niedere zum Bild und Zeichen des Höheren, das Natürliche zum Darstellungsmittel des Geistigen. Die ganze Natur ist lebendig; sie ist auf niedrigerer Stufe eine eben solche Offenbarung Gottes undder göttlichen Lebensgeheimnisse und Lebensgesetze, als das Himmelreich auf höherer. Die beiden Urgebiete des kosmischen Daseins, das der Natur und des Geistes, welches letztere aber selbst wieder ein doppeltes ist, das geistige und das geistliche, also drei Reiche, Natur, Geschichte und Offenbarung, sind einander im tiefsten Grunde harmonisch entsprechend, und die Symbolik und Parabolik heben diese Korrespondenzen hervor. Daher ist die Wahl der Sinnbilder und Gleichnisse in der Schrift keine willkürliche, sondern sie beruht auf dem Blick ins Wesen der Dinge. Nicht könnte das Weib auch die Weltreiche oder das Tier die Gemeinde bedeuten, sondern wie wir als das Wesen der Weltreiche die Bestialität fanden, so werden wir in der weiblichen Natur selbst den Grund erkennen, warum sie zum Symbol der Gemeinde geworden ist. Die Natur also, dieses zweite oder vielmehr erste Buch Gottes, muss freilich neben der Schrift aufgeschlagen werden, wenn man zum Verständnis der Symbole und Parabeln gelangen will.*)

*) Vgl. A. B r ä m, Blicke in die Weltgeschichte und ihren Plan, Strassburg 1835; S. 16f.: "Es gibt vielerlei Regionen und Stufen der Wesen, aber durch sie alle gehen aus dem göttlichen Willen dieselben Grundgesetze. Es ist also ein Gotteswort, das als kräftiges Gesetz sowohl in der Natur als in der Geisterwelt wirksam ist, das z. B. das Samenkorn nicht eher aufgehen lässt, bis das Korn aufgelöst ist und die äußeren Teile verwest sind, und das auch jedem neuen Geistesleben, jeder neuen Entwicklung desselben ein Absterben, ein Verleugnen das Untergeordneten, viel mehr also des Ungeordneten und Sündhaften vorangehen lässt (vgl. Joh 12:24). Die Erkenntnis der Natur als Vorschule der Bibel schließt unserm Auge den tiefsten Sinn derselben auf. Es ist eine tiefe Wahrheit und innere Übereinstimmung im Gotteswort, die wir anfangs nicht erkennen, in die wir uns auch nicht zu finden wissen, weil wir zu wenig in diesem Wahrheitswesen wandeln und erst allmählich dazu erwachen und auferstehen, nachdem wir dem wahrhaftigen Gott aufs Wort zu glauben angefangen haben. Haben wir aber einen Blick in diese Wahrheit getan, so ahnen wir, wie unaussprechlich wahr und die Bildersprache und die Gleichnisse der Bibel seien; es fällt uns dann auch die merkwürdigste Stetigkeit auf, womit die Bibel von den einzelnen Naturwesen spricht; dann werden wir aufmerksam und sehen in der Deutung und den geistlichen Beziehungen, welche uns aus Gottes Wort über die Natur und Menschenwelt zukommen, einen inneren Zusammenhang, verborgene Ordnungen und Gesetze, die uns gewissermaßen eine neue geistige Welt aufschließen."

Legt sich nun hierin die Verwandtschaft der Symbolik mit der Parabolik dar, so haben wir jetzt auch auf den Unterschied beider zu achten. Ausgangspunkt und Richtung sind die umgekehrten. Jesus ist von oben herabgekommen und will nun in seinen Parabeln das Göttliche irdisch ausprägen, den Menschen recht in ihr Leben hineinstellen. Die Gleichnisse sind, so zu sagen, ein Abbild Christi selbst, wie in ihm die Gottheit Fleisch wird, so kleidet er die Geheimnisse des Gottesreichs in die Vorgänge des Menschen- und Naturlebens ein. Daher schließt er sich ganz ans tägliche, gewohnte Menschendasein an und greift Vorgänge, Handlungen, Geschichten desselben heraus, um sie zu Denksteinen des Ewigen zu machen. Umgekehrt schaut der Apokalyptiker von unten nach oben. Der redet auch nicht zum Volk, er redet für die Verständigen und Weisen. Da gilt es nicht sowohl, das Geistige im Natürlichen auszuprägen, sondern dieses wird nur zur durchscheinenden Hülle von jenem. Das Irdische wird hier weit mehr in seinem negativen als in seinem positiven Verhältnis zum Himmlischen gefasst. Daher sind es zuerst nicht ganze Handlungen, sondern mehr bloß einzelne Gestalten, welche zum Ausdruck der Idee werden: die Symbolik siedelt sich nicht so heimisch wie die Parabolik auf Erden an. Nur auf die allgemeinsten Beziehungen beschränkt sich die Handlung jener Gestalten, so z. B. wenn der Widder den Ziegenbock überwindet, der Drache das Weib verfolgt, das Tier samt seinen Hörnern die Hure hasst und frisst. Und die Gestalten selbst sodann behalten meist nicht ihre einfache, natürliche Beschaffenheit, sondern werden durch besondere Zutaten und Zusammensetzungen noch weiter in ihrer symbolischen Bedeutung charakterisieret: der Löwe erhält auch noch Adlerflügel, der Pardel vier Köpfe, ein anderes Tier zehn Hörner, das Weib ist mit der Sonne bekleidet und dgl. So stimmt die symbolische Form mit dem Inhalt und Geist der Apokalyptik ebenso genau überein, wie die parabolische mit der Person Jesu. Die Parabeln entsprechen der ersten Erscheinung Christi im Fleisch zum Heil der Welt; die Apokalypsen haben es hauptsächlich mit seiner zweiten Erscheinung zum Gericht zu tun, sie zeigen, wie alles Natürliche sterben muss, damit die Herrlichkeit des wesentlichen Geistlebens hervorbrechen kann. Darum ist ihnen auch formell das Natürliche noch nicht der adäquate Ausdruck des Geistigen; sie greifen steigernd darüber hinaus, während die Parabeln gerade in der Natur als solcher das Göttliche hervorkehren.

Kehren wir nach diesen allgemeinen Bemerkungen zu Daniel zurück, so sehen wir die beiden letzten seiner Offenbarungen auch hier wieder eine teilweise Ausnahme machen. Wie sie nämlich nicht in einem ekstatischen, sondern im gewöhnlichen Zustand empfangen sind: so tritt bei ihnen auch das Bild zurück und das Wort des Propheten, sondern das Wort aus der unsichtbaren Welt, Engelwort. "Als Daniel noch jünger war, sah er die zukünftigen Dinge in Bildern, die einer Erklärung bedurften; als er aber alt war, erzählten ihm die Engel dieselben mit gemeinen Worten, wie man eine Geschichte erzählt." (R o o s. Daniel als ein rechtschaffener Hofmann, 2 Aufl. Stuttg. 1779, angeführt in desselben Fussstapfen des Glaubens Abrahams, Tübingen 1838, S. 394) Hier dürfen wir also jene sonst "unaussprechlichen Worte" vernehmen, und in dieser Erzählung zukünftiger Dinge aus der himmlischen Welt herab treten nun dieselben in ihrer wirklichen, bildlosen Gestalt hervor; da sind also die aller speziellsten Aufschlüsse möglich. Dieselbe Offenbarungsweise, welche wir sonst nur bei einzelnen Haupttatsachen im Reich Gottes angewendet sehen, z. B. bei der Verkündigung der Geburt Christi und seines Vorläufers, tritt hier in Bezug auf eine ganze Reihe künftiger Ereignisse ein. Ja der nämliche Engel Gabriel, welcher der Maria die Geburt des Messias ankündigt, muss die Erscheinung desselben mehr als ein halben Jahrtausend früher mit der größten chronologischen Bestimmtheit voraussagen. Es ist, als ob die göttliche Offenbarung auf dieser Spitze alttestamentlicher Prophetie hätte zeigen wollen, dass sie von ihrer heiligen Höhe herab auch das Höchste zu leisten vermag, wo die Weissagung bis an die Grenze der Wahrsagung geht, ohne sie doch zu überschreiten. Denn dass auch in diesen Engelsworten für relative Verhüllung wohl gesorgt ist, wurde in Bezug auf das 11. Kapitel schon oben angedeutet und wird in Bezug auf das 9. Kapitel unten näher ausgeführt werden.

Die ganze neue Art der Weissagung, die Apokalyptik, wurde, wie bereits gezeigt,, schon durch die früheren Propheten angebahnt und hat bei Daniel nur ihre vollen Ausbildung gefunden, worauf sich dann später bei Sacharja (Sach 1-6) auch in dieser formellen Beziehung der danielische Einfluss verrät. Überhaupt gibt es der Natur der Sache nach mancherlei Übergänge und Mittelglieder zwischen Prophetie und Apokalyptik, deren genauere Betrachtung jedoch nicht hierher gehört. Nur darauf ist noch hinzuweisen, wie in der letzteren der Entwicklungsgang der alt- und neutestamentlichen Offenbarung seinen Abschluss findet. Zuerst hatte sich in der patriarchalischen und noch in der mosaischen Periode die unsichtbare Welt, Gott und die Engel, äußerlich sichtbar herabgelassen auf die Erde. Bei den Propheten zog sich dann die Offenbarung ins Innere des Menschen herein. Der Schluss aber ist, dass nun der Prophet umgekehrt in die unsichtbare Welt hineinschaut, und dass ihm daselbst auch die Bilder dessen, was künftig ist, von Engelshand gezeigt, von Engelsmund erklärt werden. Die Theosophie ist die erste, die Prophetie die zweite, die Apokalyptik die dritte abschließende Form der alttestamentlichen Offenbarung. Ähnlich folgen im N. T. aufeinander die Erscheinung Gottes im Fleisch, die apostolische Geisteswirksamkeit und die Apokalypse, wie sich das in den drei Teilen des neutestamentlichen Kanons widerspiegelt: Evangelien, Apostelgeschichte und Briefe, Offenbarung Johannis. In beiden Testamenten ist die erste Grundform der Offenbarung, die objektive, in Gott dem Sohn vermittelt, der sich äußerlich den Menschen zu schauen gibt, die zweite die subjektive im heiligen Geist, welcher Menschen innerlich inspiriert; die dritte ist ein geistgewirktes Schauen des Sohnes in seiner Zukunft. Die Apokalyptik ist also ein Art der Prophetie, aber eine so eigentümliche, dass sie auch wieder etwas von der Theosophie oder Christophanie in ihrer äußeren Objektivität an sich hat: sie ist die höhere Einheit der Theosophie und der Prophetie, der Manifestation und der Inspiration.

Lies weiter hier:
Die siebzig Jahrwochen